Der Schriftsteller Abdellah Taia im marokkanischen Fernsehen
Der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taia lebt offen schwul und schreibt in seinen Werken über die marokkanische Gesellschaft, ihren Machismo aber auch über sein eigenens Leben

Der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taia lebt offen schwul und schreibt in seinen Werken über die marokkanische Gesellschaft, ihren Machismo aber auch über sein eigenens Leben

Es bewegt sich etwas in Marokko, früher wäre es undenkbar gewesen, daß ein als schwul geouteter Schriftsteller wie Abdellah Taia öffentlich im Fernsehen auftritt. Der in Paris lebende Autor erregte großes Aufsehen und Anfeindungen damit, als er sich outete. Auch in seinen Büchern kommt das Thema immer wieder zur Sprache und Abdellah Taia hält sich in seinen Schilderungen nicht zurück, die dem auch sehr sinnlichen Charakter des Landes entsprechen.

21.45 Uhr im öffentlichen Sender 2M in der Sendung „Diaspora“

über Internet Stream

Über Abdellah Taia

Geboren wurde Abdellah Taia 1973 in Salé, der Rabat am nördlichen Ufer des Bou Regreg gegenüber liegen Stadt an der Atlantikküste Marokkos.

Der junge Abdellah Taia, aus einer kinderreichen Familie stammend, kam durch seinen Vater, Hausmeister an der Stadtbibliothek von Rabat, früh in Kontakt zur Literatur.

Als Teenager hatte Abdellah Taia seine ersten schwulen Erfahrungen, die ihn mit dem Machismo in der marokkanischen Gesellschaft konfrontierten. In der marokkanischen, islamisch geprägten Gesellschaft, wachsen die Geschlechter ab einem bestimmten Alter streng getrennt auf. Für viele Jungen ist Homosexualität dann auch nur eine Ersatzhandlung, um der aufkeimenden Sexualität zu begegnen. Bei Abdellah Taia war das anders, er merkte früh, daß er selber schwul war. Das umzusetzen und entsprechend zu leben, ist in Marokko schwierig. Affären mit gleichaltrigen, aber auch mit älteren Männern, das gibt es, geht aber nicht über den Rahmen eines Abenteuers hinaus. Was man sich auch als schwuler Mann wünscht, eine feste Beziehung zu haben, ein offen schwules Leben führen zu können, das scheint in Marokko wie in vielen arabischen oder islamischen geprägten Ländern unmöglich. Wie Abdellah Taia selber berichtet, löste das bei ihm viele Tränen aus und es waren schwere Jahre für ihn.

Ein Fluchtpunkt für Abdellah Taia wurde die Kultur

Durch seinen Vater, der als Hausmeister in der Stadtbibliothek von Rabat arbeitet, hatte der junge Abdellah Taia einen Zugang zur Literatur und in die Welt der Bücher. Zuerst nur ein Refugium für seine Träume, bekam Taia über ein Studiensemester in Genf Mitte der 90er-Jahre die Gelegenheit, Marokko zu verlassen. Seit dem lebt Abdellah Taia in Frankreich im selbstgewählten Exil.

2006 bekannte er sich in einem Interview mit Tel Quel, einem liberalen marokkanischen Politmagazin, als erster marokkanischer Schriftsteller zu seiner Homosexualität, was zu massiven Anfeindungen in seinem Heimatland führte. Er beschmutze das Ansehen des Landes und der Religion, ein Mensch wie er sei kein Schriftsteller und gehöre verbrannt. Mit seiner Homosexualität wolle er sich dem Westen anbiedern.

Die Bücher von Abdellah Taia berichten nicht nur von seinem Leben als schwuler Mann in einer schwulenfeindlichen Umgebung, sondern reflektieren vor autobiografischem Hintergrund auch die gesellschaftlichen Erfahrungen der in den 1980er- und 1990er-Jahren in Marokko aufgewachsenen Generation. Er schreibt sehr eindrucksvoll über die Hoffnungslosigkeit und die Perspektivlosigkeit der jungen Generation, er berichtet – nicht nur von den eigenen – Sehnsüchten und Träumen, die zu verwirklichen kaum einer eine Chance hat.

Abdellah Taia arbeitet auch als Journalist, unter anderem für Le Monde und als sich im März 2007 in Casablanca ein junger Selbstmordattentäter in die Luft sprengte, veröffentlichte Abdellah Taia einen Beitrag über die Lebensumstände des Attentäters. Ohne das Attentat damit entschuldigen zu wollen, schrieb Taia, daß er nachvollziehen könne, wie sich der Attentäter fühlten, denn hier ging es um Lebensumstände, die ihm aus eigener Erfahrung nur zu bekannt waren.

Der schwule Marokkaner hatte die Möglichkeit, sein Land verlassen zu können und sich in Frankreich ein Leben mit einer Perspektive aufbauen zu können. Anderen bleibt es verwehrt und es stellt sich zu Recht noch die bange Frage, was aus der Verzweiflung einer enttäuschten Generation noch wird.

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