„Was sagt der Islam zu Homosexualität?“ – 6. November 19,30 Uhr, Uni Köln

Zur Dekonstruktion einer Fragestellung

Schwuler Sex in der arabischen Welt

Schwuler Sex in der arabischen Welt

Seit dem 11. September 2001 ist nicht nur der Islam, sondern auch seine angebliche Haltung zu Frauen- und Schwulenrechten ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten gerückt. Aber ist der Islam überhaupt ein Subjekt, der eine „Haltung“ formulieren könnte? Und wie soll er etwas zu einer sexualwissenschaftlichen Konstruktion aussagen, die das Produkt biopolitischer Diskurse aus dem Ende des 19. Jahrhunderts ist?

Der Begriff der „Homosexualität“ definiert einen bestimmten Typus von Person, dem gleichgeschlechtliches Begehren als „Anormalität“, eine psychische und häufig auch körperliche Besonderheit, eingeschrieben wird. Klassische Texte aus der islamischen Welt kennen diese normalisierende Konstruktion nicht; sie gehen vielmehr davon aus, dass gleichgeschlechtliches Begehren eine universelle Anlage aller Menschen und alles andere als „widernatürlich“ ist. So schreibt die Überlieferung selbst dem Propheten Muhammed ganz selbstverständlich die Sorge zu, von schönen Burschen in Versuchung geführt zu werden.Wozu sich klassische religiöse Diskurse äußern, sind spezifische Handlungen wie Analverkehr oder Tribadie, die als Ausdruck vor- und außerehelicher Sexualität eine Sünde darstellen und je nach Rechtsschule weniger, gleich und manchmal sogar schwerer als ein „heterosexueller“ Ehebruch wiegen. Interessant ist es, wie die europäisch-neuzeitliche Vorstellung von Homosexuellen als einer „Spezies“

Die Vertreibung aus dem Serail von Georg Klauda

Die Vertreibung aus dem Serail von Georg Klauda

(Foucault) in modernen islamischen Diskursen verarbeitet wird und wie sie eine radikale Reinterpretation der Aussagen traditioneller religiöser Texte erforderlich macht. Stellen wir uns die Frage nach der realen Praxis, sind wir aber nicht mehr bei „dem Islam“, sondern bei konkreten Machtverhältnissen und Akteuren.So erweist sich am Ende vor allem eines: Genau wie man die essentialistische Konstruktion „des Homosexuellen“ hinterfragen muss, um klassische islamische Texte zu verstehen, ist auch die essentialistische Konstruktion „des Islam“ zurückweisen, um zu begreifen, wie sich unterschiedliche politisch-religiöse Kräfte mit der rasanten Modernisierung der gesellschaftlichen Vorannahmen über gleichgeschlechtliche Liebe und Lust arrangieren müssen. Georg Klauda ist ein Soziologie aus Berlin und Autor des 2008 im Hamburger Männerschwarm veröffentlichten Buches „Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“.

6. November 2012, Hörsaal G, Hörsaalgebäude, Universität zu Köln

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