Leseprobe aus Eifelwölfe

Eigentlich wollte mein Verleger eine kleine Weihnachtsgeschichte haben, eine maximal vierzigseitige Kurzgeschichte, die um die Weihnachszeit herum angesiedelt ist. Ich dachte an die Werwölfe, die ich im vierten Band meiner Vampirromane aufkreuzen lasse, und deren Alpha bei der Gayoween-Party im Alten Wartesaal über die Entstehung und den Werdegang seines Rudels berichtet.

Und dann lagen da plötzlich sechzig Seiten vor mir und es ergaben sich so viele Möglichkeiten, die aus den Figuren eines geschiedenen Biologen und Verhaltensforschers, der sich im Rahmen des Wolfsmanagement des Landes NRW mit Wölfen in der Eifel beschäftigt, sowie der Schüler eines Biologie Leistungskurses, die in einem Eifeler Landschulheim untergebracht sind, fast schon zwangsläufig entstehen. Sie stoßen auf eine alte, unheimliche Geschichte im fiktiven Eifelörtchen Wolfsbrück.

Ein bekannter Werwolf

Ein bekannter Werwolf

Zeitlich ist die Geschichte vor den Vampirromanen angesiedelt.

Und irgendwie strömen die Ideen mal wieder nur so aus der Tastatur. Ich werde aus der Novelle wohl einen Roman machen, denn in der Novelle konnte ich einige Ideen nur anreißen, die ich aber gern ausführlicher darstellen möchte.

Hier zunächst einmal eine Leseprobe. Es entwickeln sich bei mir auch schon – Autoren haben oft Lieblingsfiguren – Favoriten. Einer davon ist Pierre, der in Krieg der Vampire kurz vorkommt und dort als Höllenhund beschrieben wird, also kein Werwolf ist. Pierre ist aufgrund von Komplikationen bei der Geburt in seinem Ausdrucksvermögen und seinen normalen menschlichen Fähgikeiten etwas eingeschränkt, aber immer gerade heraus und sagt, was er denkt. Er benutzt eine einfache Sprache. Das wirkt auf seine Umgebung etwas irritierend. Darüber hinaus geben der magische Anteil in ihm, der Höllenhundcharakter, ihm Fährigkeiten, die ebenso verwirrend sein können.

Ich weiß noch nicht genau, wann der fertige Roman Eifelwölfe erscheint, aber zu Weihnachten kommt die Kurzgeschichtensammlung Pink Christmas im Himmelstürmer Verlag heraus, in der auch die Werwolfnovelle enthalten ist. Wenn alles klappt, kommt der fertige Roman zur Leipziger Buchmesse, an der das Bundesamt für magische Wesen in Halle 1 teilnimmt.

 

Forsthaus Wolfsbrück

Carsten Schüller seufzte und blickte auf die Post. Als ob der triste November nicht schon genug an seiner Stimmung zehren würde, hielt er nun auch noch diesen Brief in Händen.
Er konnte es nicht fassen, was ihm die Briefträgerin gebracht hatte. Eine neue Unterhaltsforderung seiner Exfrau, die sich nach der Scheidung einen Lenz machte, sich in Kursen über tantrisches Brotbacken verwirklichte und ihm den gemeinsamen Sohn vorenthielt. Er hatte Sehnsucht nach Lukas, seinem lebhaften Jungen, den er nur selten zu sehen bekam.
Das alles aber wurde getoppt von dem Gespräch, das er einen Tag zuvor mit dem Leiter des Institutes für Evolutionsbiologie und Ökologie geführt hatte.
Der alte Sack, wie Carsten ihn etwas respektlos nannte, hatte ihm vorgeschlagen, für das kommende Semester einen Außenposten in der Eifel aufzubauen. Außenposten, so hatte Prof. Dr. Wetterwachs, Leiter des Instituts für Biologie der Universität Bonn das reichlich heruntergekommene Gebäude, ein ehemaliges Forsthaus genannt, welches etwas versteckt am Ende des Eifeldorfes Wolfsbrück lag. Die Bezeichnung Dorf war schon etwas hoch gegriffen, eigentlich war es nur ein Weiler, der nur noch wenige Bewohner hatte.
„Herr Schüller, das ist das Richtige für Sie. Man hat uns das Haus vermacht, und kommendes Semester können Sie von dort aus ein Projekt zur Wolfsansiedlung begleiten, das Umweltminister Remmel im Nationalpark Eifel initiieren will“, hatte Wetterwachs erläutert und ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft. Carsten hatte wenig Begeisterung gezeigt.
„Man“, so hatte sich herausgestellt, war ein Rotarierfreund des Institutsleiters, der froh gewesen war, das Haus loszuwerden. Dauerhaft bewohnbar war es aufgrund der Lage im Kernbereich des Nationalparks Eifel nicht mehr und bei den Renaturierungsmaßnahmen wohl nur vergessen worden.
Jedenfalls saß Carsten jetzt etwas unmutig in einem kalten und etwas muffig riechenden alten Fachwerkhaus inmitten einer Sammlung von Geweihen, Wildschweinschädeln und ausgestopften Vögeln, die von einem Jagdverständnis kündeten, welches ihm zutiefst zuwider war.
Der erste Advent stand vor der Tür und er packte den Hänger aus, den er sich gemietet hatte, um einige Sachen und sein Motorrad mitzubringen. Schon im Spätherbst hatte er sich das Haus angesehen und gleich geahnt, dass es auf ein Leben weitab von jeder Zivilisation hinauslaufen würde. Das Haus hatte Strom, immerhin, und fließendes Wasser gab es auch. Jedoch nur so lange, wie die Temperaturen nachts nicht unter minus fünfzehn Grad fallen würden, was in der Eifel nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel war.
Das hatte ihm der frühere Jagdpächter des Reviers verraten, nebst allerlei anderen Tipps, wozu auch zählte, im Winter immer dafür zu sorgen, dass die über das Haus verteilten Ölöfen nicht ausgingen. Ölöfen, und zwar so alte Relikte, dass man sie noch von Hand mit einer Kanne befüllen musste. Abgesehen von dem gekachelten Ungetüm eines Kaminofens in der Küche, die unter dem Schlafzimmer lag. Der Ofen wurde mit Holz beheizt und der Biologe hatte sich fertiges Kaminholz liefern lassen.
Carsten seufzte erneut, knüllte das Schreiben zusammen, um es durch die Kaminluke zu entsorgen. Seine halbe Stelle im Institut, die er ergattert hatte, brockte ihm eine Aufgabe ein, die ihn zwar nicht überforderte, aber auch nicht begeisterte. Im Winter den Wildtierbestand überprüfen, um festzustellen, ob für ein einwanderndes Wolfsrudel genug potenzielle Beutetiere vorhanden wären, das war nicht so ganz sein Ding. Und dann war da noch der alte Waffenschrank mit den sorgsam gepflegten Jagdgewehren. Allesamt funktionstüchtig, wie er, Enkel eines Jägers, der bei seinem Großvater im Westerwald oft zu Besuch gewesen war, sofort erkannt hatte. Bislang hatte er die Waffen noch nicht entsorgt.
Er sah auf die Uhr und fluchte.
Ich muss mich ranhalten, wenn ich noch einkaufen will, dachte er unwillig, denn der einzige Laden, den es weit und breit gab, würde in einer Stunde schließen. Schnell koppelte er den Hänger ab; die letzten Kisten würde er auch später noch auspacken können.

Ankunft im Landschulheim

Der Bus wand sich um die letzte Kurve und hielt vor einem modernen Gebäude. Ein Flachbau mit Holzfassade, großen Fenstern und einem vorgelagerten kleinen Parkplatz kam in Sicht. Die Bustüren öffneten sich und entließen eine lärmende Schülergruppe. Der Lehrer hatte Mühe, die Gruppe zu bändigen, als sie aus dem Bus ausstieg und sich kritisch das Gebäude ansahen, das zu ihrem Internat gehörte.
„Abgefahren!“
„Nice!“
„Voll krass!“
„Ich verstehe vollkommen, dass ihr begeistert seid, aber es wäre angebracht, wenn ihr eure Sachen aus dem Bus holen würdet“, forderte der Lehrer die zwölfköpfige Gruppe auf.
Die Tür des Hauses öffnete sich und heraus kam eine nicht mehr ganz junge Frau.
„Willkommen im Landschulheim Wolfsheim“, begrüßte sie die Ankömmlinge mit einer warmen Altstimme. „Herr Bellersheim, Sie kennen ja alles. Um 18 Uhr gibt es Abendessen und bei der Gelegenheit gibt Pierre auch die Schlüssel für die Zimmer aus.“
Der Genannte trat hinter der Sprecherin aus der Tür und nickte den Ankömmlingen freundlich zu. Es war ein etwa zwanzigjähriger Junge mit schwarzen Haaren, der nichts weiter sagte, sondern die Ankömmlinge nur interessiert musterte.
„Ich hab aber jetzt Hunger“, rief eine Stimme protestierend und zustimmende Rufe ertönten. „Es gab während der ganzen Fahrt nichts zu essen. Wir hätten ja mal eine Pause an einer Raststätte machen können. Und dann dieser Stau! Hölle!“
„Jerome, du wirst es noch eine Stunde aushalten, ohne Hungers zu sterben. Da bin ich ziemlich sicher“, meinte der Lehrer trocken und die anderen Schüler lachten, als er fortfuhr.
„Bringt eure Sachen hinein und sucht euch passende Zimmer. Wir treffen uns dann um 18 Uhr im Speisesaal und besprechen nach dem Essen alles Weitere. Die nächsten vier Wochen ist das hier euer Zuhause.“
Er ging voran und zusammen mit der Frau, die sie begrüßt hatte, an Pierre vorbei in das Gebäude. Hinter ihm blieben die Schüler zurück und luden ihr Gepäck aus.
„Und vielleicht noch länger“, brummte einer der Schüler, ein rothaariger Junge, der die Ohrstöpsel seines Handys in der Hand hielt. „Wer weiß, was meine Eltern vorhaben. Ich sehe schon Weihnachten in der Eifel auf mich zukommen. Toll!“
„Man kann hier im Winter Ski laufen. Die Rodelpisten sind gut, wenn Schnee liegt“, sagte Pierre plötzlich. „Ich kann euch die Pisten zeigen. Es gibt bald Schnee.“
„Das fehlte mir noch, mit dem Hausmeistersohn Ski laufen“, entgegnete ein anderer Schüler überheblich und warf Pierre einen abschätzigen Blick zu. „Meine Güte, wofür zahlen meine Eltern denn so viel Geld an diese ach so wertvolle Institution, wenn man dann hier noch nicht einmal ein adäquates Freizeitangebot bekommt?“
Pierre sah verwirrt aus.
„Das ist ganz einfach, Sergej. Sie machen das, um mit dir ein Beispiel dafür zu bekommen, dass man auch mit noch so viel Geld den Leerraum zwischen deinen beiden Ohren nicht stopfen kann“, warf Jerome schlagfertig ein und kassierte einen bösen Blick von Sergej, was ihm aber nichts auszumachen schien. Er schulterte seinen Eastpak-Rucksack und griff mit einer Hand eine voluminöse Reisetasche.
„Mischa, wir nehmen uns ein Zimmer zusammen?“, fragte er dann. Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er die drei Treppenstufen hoch und ignorierte souverän die Kommentare der lästernden Mitschüler, als er an Pierre vorbeiging. Er schenkte ihm im Vorbeigehen ein freundliches Lächeln.
„Hey hey, unsere Turteltäubchen schieben bestimmt die Betten zusammen. Mischa, hast du genug Kondome dabei für vier Wochen?“
„Natürlich hat er das. Hab vor der Abfahrt gesehen, wie er seine Sachen gepackt hat. Die schwule Sau hat sich eingedeckt. Sogar Lümmeltüten mit Bananengeschmack hat er.“
„Be prepared, Sergej, be prepared!“, meinte der von seinem Mitschüler als schwule Sau benannte Mischa cool. „Warum fragst du? Du hast doch gar keinen Bedarf für deine fünf besten Freunde. Außerdem sind die Kondome für dich viel zu groß.“
Er zeigte ihm unter dem Gejohle der anderen den ausgestreckten Finger seiner Hand und reckte dann den kleinen Finger in die Luft.
„Sackgesicht!“, knurrte Sergej.
„Gibt es für die Größe überhaupt Kondome?“, konterte Mischa grinsend, um dann Jerome in das Landschulheim zu folgen. Kurz darauf hatten auch die anderen Schüler ihr Gepäck geholt, und der nunmehr leere Bus verließ das Gelände des Landschulheims.

Warnung vor dem Werwolf

In der Dorfkneipe hatte man Carsten schräg angesehen, als er eines Abends dort auftauchte. Wäre er in Köln, würde diese Kneipe – heruntergekommene Kaschemme träfe es besser – seine Aufmerksamkeit gar nicht erst erregt haben, aber die hochtrabend als ‚Deutscher Hof‘ bekannte frühere Poststation aus des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation glorreicher Geschichte hier war weit und breit die einzige Möglichkeit, etwas anderes als Wildschweine, Rehwild, Schafe und Vögel zu sehen.
Carsten hatte halb damit gerechnet, mit „Hey Fremder, was darf es sein?“ begrüßt zu werden. An der Theke standen drei alte Männer und hielten sich an Biergläsern fest. Ihr Gespräch war verstummt, als er den Raum betat.
An einem Tisch im Halbdunkel der Kneipe saß ein Mann und verzehrte schweigend sein Essen. An einem weiteren Tisch tagte eine Skatrunde. Alle hatten zerfurchte Gesichter und waren mit Sicherheit jenseits der Siebzig, und auch der Wirt hinter der Theke sah so aus, als gehörte er schon ewig dazu.
Ein oder zwei Mal die Woche kam Carsten her, um am Abend wenigstens die Illusion menschlicher Gesellschaft zu haben. Gelegentlich brachte er ein paar Unterlagen und sein Laptop mit, manchmal auch ein Buch, um während des Essens zu lesen oder etwas zu arbeiten.
„Guten Abend“, grüßte Carsten, als er an diesem Abend den Deutschen Hof betrat. Er hatte einen langen Tag hinter sich und wollte noch ein paar Daten verwerten.
Der Wirt brachte ihm das Standardgericht, ein Jägerschnitzel mit Pommes und ein Bier.
„Danke Jupp.“
„Was macht die Arbeit?“
„Geht so.“
Der Wirt nickte, dann sah er auf den Kartenausschnitt, den Carsten ausgebreitet hatte und stutzte.
„Was machen Sie denn da eigentlich?“
Carsten sah auf, während er in das Schnitzel schnitt.
„Ich habe ein paar Wildwechsel markiert, und dort Wildkameras aufgestellt. Warum?“
„Keine gute Gegend da am Bruch. Sollte man nicht hingehen“, brummte Jupp und verzog sich hinter die Theke.
„Ist nur ein bisschen schlammig dort“, meinte Carsten und zuckte mit den Schultern, um sich wieder in seine Karten zu vertiefen und beiläufig in den Pommes zu stochern. Zwischenzeitlich schweiften seine Gedanken ab, und er dachte frustriert an die aufkommende Weihnachtszeit. Morgen ist der erste Advent und ich sitze hier im Outback von NRW, während mein Junge mit seiner Mutter und ihrem neuen Macker rumhängt. Er seufzte.
Seine trüben Gedanken wurden unterbrochen, als ein scharrendes Geräusch ertönte und der Tisch sich sachte bewegte. Ein Kölschglas wurde abgestellt und er schaute hoch.
Einer der alten Herren aus der regelmäßig tagenden Runde der Skatspieler war herübergekommen und hatte Platz genommen, um ihn forschend anzublicken.
„Äh … hallo“, grüßte Carsten verwundert. Werde ich jetzt in die Dorfgemeinschaft aufgenommen? Nach fünf Monaten nimmt man mich wahr. Immerhin.
„Es geht mich ja nichts an“, begann der Alte langsam.
Stimmt, dachte Carsten amüsiert.
„Aber vom Bruch sollten sie sich fernhalten. Es ist gefährlich dort.“
„Hat man deshalb die Wege so verbarrikadiert?“
„Sind Sie etwa darüber geklettert?“, fragte sein Gegenüber und jetzt verstummten die wenigen Gespräche an den anderen Tischen und Carsten fand sich im Focus der Aufmerksamkeit.
„Hören Sie, ich erfasse nur den Wildtierbestand in der Gegend für mein Institut und das Umweltministerium in Düsseldorf. Sonst nichts.“
„Sind Sie darüber geklettert?“, wiederholte der alte Mann und Carsten glaubte einen Moment, Panik in dessen Augen aufflackern zu sehen.
„Ja natürlich, ich habe begonnen, dort an dem kleinen Tümpel und den Wildwechseln ein paar Kameras aufzustellen, um festzustellen, welche potenziellen Beutetiere für Wölfe hier in der Region vorkommen. Hören Sie, wir haben nicht vor, hier Wölfe anzusiedeln. Das Ministerium will nur wissen, ob es genug Beutetiere gibt, falls – und ich betone falls – Wölfe auftauchen. Es ist früher oder später damit zu rechnen“, sagte Carsten und spulte seinen Standardvortrag über das bundesweit laufende Wolfsmonitoring ab. Zum ersten Mal glaubte er, die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu haben. Es schien, als würden ihm die wenigen Dorfbewohner aufmerksam lauschen.
Als er verstummt war, war sein Jägerschnitzel kalt geworden.
„Sind Sie denn mit dem Aufstellen der Kameras fertig?“
„Ich will morgen und übermorgen noch weitere Kameras anbringen und die Akkus kontrollieren“, erklärte er. „Wer will, kann gern mitkommen.“
Transparenz gehört dazu, sonst glauben die Dörfler noch, wir würden wer weiß was machen, dachte Carsten. Die anwesenden Eifler warfen sich nervöse Blicke zu.
„Hören Sie, Sie sind ein netter junger Mann. Ich erzähle Ihnen jetzt etwas, und Sie können danach entscheiden, ob Sie weitermachen oder es sein lassen“, hub der Alte an, nachdem er einen Blick in die Runde geworfen hatte und überall ein kurzes Nicken zu sehen war. „Sie kennen das alte Sägewerk auf dem Weg nach Ahrbrück?“
Carsten nickte. Er war auf seinen Streifzügen an dem halbverfallenen Werk vorbeigekommen.
„Mein Großvater, mein Vater und auch ich haben dort gearbeitet, als es noch aktiv war. Wir gingen ins Holz, schlugen Bäume und daraus wurde dann Bauholz gemacht. Einige Tischler und Zimmerer wurden mit guter alter Eiche, Fichte und Buche beliefert. Es war harte Arbeit, aber es war gute Arbeit. Doch vor zwanzig Jahren wurde es geschlossen.“
Er machte eine Pause.
„Es ist so, dass in dem Werk nicht nur Ortsansässige gearbeitet haben“, sagte der alte Mann und Carsten schien es, als ob ihm das unangenehm war. Dann straffte der Alte seine Schultern und seufzte, als er fortfuhr. „In der Nazizeit wurden auch Zwangsarbeiter aus Rumänien dorthin abgestellt und mussten dort schuften. Manche kamen dabei um. Keine schöne Geschichte.“
„Natürlich nicht, aber was hat das mit dem Bruch zu tun?“
Der Alte beugte sich vor, um ihn noch eindringlicher anzusehen und im Schankraum war es totenstill. Selbst Jupp hatte mit dem Polieren der Gläser aufgehört und lehnte an der Theke.
„Einige der Zwangsarbeiter versuchten zu fliehen, manche wurden ergriffen und erschossen. Keine schöne Sache. Aber einem jungen Mann gelang die Flucht und danach fing es an.“
„Was fing an?“
„Holzfäller verschwanden spurlos, immer mehr, kräftige junge Männer, denen man so leicht nicht hätte beikommen können. Und das Werk fand immer weniger Arbeiter, die noch dort arbeiten wollten. Junge Leute gingen weg, studierten und fanden besser bezahlte Arbeit. Zurück sind nur wir geblieben.“
Er wies mit dem Arm in die Runde der Anwesenden.
Der will mich verarschen, dachte Carsten unwillig. Was interessieren mich die Leichen, die die hier im Keller herum liegen haben?
„Hören Sie, das ist traurig, aber was hat das mit dem Bruch zu tun?“
„Der Bruch hat einen der besten Baumbestände der gesamten Hocheifel. Es ist dort kalt, die Bäume wachsen langsam und das Holz ist sehr fest. Wenig Astlöcher, gute Fasern, die Häuser und Möbel, die aus dem Holz entstanden sind, halten ewig“, erklärte der Alte geduldig. „Für das Holz aus dem Bruch wurde gut gezahlt und deswegen gingen wir immer wieder dort hin, um Holz zu schlagen.“
„Schön. Und?“, fragte Carsten und betrachtete verdrossen sein kaltes Essen. Die Jägersauce war eingedickt und die Pommes fielen in sich zusammen. Er schob den Teller von sich weg.
„Ich hatte zwei Freunde, und wir sind immer zusammen in den Bruch gegangen. Haben uns gegenseitig geholfen, unsere Häuser zu bauen. Es waren starke Kerle, denen man nichts vormachte. Wißt ihr noch?“
„Jo, Hannes war ein Baum von einem Mann“, pflichtete einer der Gäste bei. „Der konnte seine Rückepferde auch aus dem Wald tragen, wenn die nicht mehr konnten.“
„Und sein Vetter Adi auch, erinnert ihr euch noch, wie er mit dem Stamm das Fenster vom Schirrmacher Alfons eingeworfen hat? Der Stamm flog vorn rein und ging quer durch das Wohnzimmer. Danach hat es Alfons nie wieder gewagt, einen Blick auf Adis Schwester zu werfen.“
Ein verhaltenes Lachen ging durch die Runde. Na prima, dachte Carsten, es gab hier Wettbewerbe im Baumstammwerfen. Hatte immer gedacht, das gäbe es nur in Schottland.
„Jedenfalls, fuhr sein knorriges Gegenüber fort, sind wir eines Tages in den 80ern in den Bruch gegangen, um zu schauen, welche Stämme reif waren. Wir hatten einige Stämme mit Kreide markiert, und es wurde schon dunkel, als wir uns auf den Heimweg machten. Aber der Mond schien hell, es war Winter und der Schnee reflektierte das Mondlicht. Die Pferde waren unruhig und wir wunderten uns, denn unsere Pferde, gute rheinisch-deutsche Kaltblüter, brachte kaum etwas aus der Ruhe.“
„Wie hieß Adis Hengst noch?“, überlegte Jupp. „Gurke hatte er ihn getauft, als er ihn bekam. Das hatte seinen Grund.“
Wieder verhaltens Lachen in der Runde, doch der alte Mann an Carstens Tisch fuhr unbeirrt fort.
„Wir haben ein Heulen gehört, das durch Mark und Bein ging. Und Gurke wurde immer nervöser. Schließlich konnte selbst Adi ihn nicht mehr halten. Der Gaul ging durch und brach durch das Gestrüpp. Nichts hält ein Rückepferd von einer Tonne Gewicht auf, wenn es in Panik gerät und durchgeht. Adi rannte hinter ihm her und wir hörten, wie er versuchte, sein Tier zu beruhigen. Selber waren wir mit unseren Pferden beschäftigt und konnten ihm nicht helfen.“
Okay, das wächst sich zu einer Schauergeschichte aus, ahnte Carsten ergeben. Ich höre einfach weiter zu. Der Abend ist ja sowieso gelaufen.
„Als wir unsere Pferde beruhigt hatten, lauschten Hannes und ich in den Wald. Wir hörten weit entfernt Adis Schimpfen und den Lärm, den Gurke machte. Und dann ging Adis Schimpfen in Schreie über. Ich habe noch nie einen Mann so verzweifelt schreien gehört. Gurke schrie ebenfalls, und dann war plötzlich alles still. Hannes und ich sind sofort ins Dorf und haben Hilfe geholt, alle waren auf den Beinen und wir haben den Wald mit Laternen und Lampen durchsucht. Der Jagdpächter schickte seine Waldarbeiter und aus Adenau kamen Polizisten. Aber wir haben von Gurke und Adi nichts gefunden. Nur Blutflecken, Adis Hemd und ein paar zerrissene Gurte.“
„Hören Sie, das tut mir sehr leid um Ihren Freund“, sagte Carsten und meinte das ehrlich, „das ist eine sehr tragische Geschichte. Ich will nicht ausschließen, dass ein Wolfsrudel es geschafft hat, das Pferd zu überwältigen. Vielleicht hatte es sich und auch Adi verletzt, als es durchging, aber normalerweise verhalten Wölfe sich nicht so.“
„Das ist richtig, normale Wölfe verhalten sich nicht so. Es war auch kein besonders harter Winter. Es gab genug Wild damals. Aber einige Jahre später war ich als Treiber bei einer Wildschweinjagd dabei. Wir hatten einen kapitalen Keiler aufgestört und er flüchtete in den Bruch. Sie wissen, wie gefährlich ein Keiler sein kann.“
Carsten nickte. Wildschweine waren hochgefährlich und griffen an.
„Der Keiler lief zuerst in den Bruch, und dann drehte er um und kam auf uns zu. Er ließ sich nicht bremsen und rannte mich um. Ich habe seine Hauer zu spüren bekommen, aber das war nicht alles. Er floh vor etwas, und das habe ich flüchtig zu sehen bekommen. Etwas, das so gefährlich war, dass das Wildschwein es riskierte, durch unsere Reihen zu brechen.“
„Und was haben Sie gesehen?“
„Es war groß und rannte auf allen vieren. Über und über behaart und es hat mich kurz angesehen. Ich habe sein Gesicht gesehen und seine Augen. Und diesen Anblick werde ich nie vergessen. Es waren Augen, die rot im Dunkeln glühten. Ich hob meine Hände, um ihn abzuwehren. Es knurrte mich wütend an, setzte dann aber dem Wildschwein hinterher.“
„Was war es denn nun?“, fragte Carsten und ahnte so langsam, was da auf ihn zukam. Er versuchte, ernst zu bleiben. „muss ich mir silberne Kugeln besorgen? Oder einen Hirschfänger mit silberner Klinge?“
Der alte Erzähler ließ mit keiner Miene erkennen, dass er es anders als todernst meinte.
„Es war wieder Vollmond. Der Mond war früh aufgegangen und ich habe etwas gesehen, was weder Wolf noch Mensch war. Irgendetwas dazwischen. Ich glaube, dass meine Ringe ihn abgehalten haben. Diese Ringe sind aus Silber.“
„Auf gut Deutsch heißt das also, dass im Bruch ein Werwolf haust“, faßte Carsten das Gehörte zusammen. „Und Sie glauben wirklich, dass ich Ihnen das abnehme? Sagen Sie doch einfach, wenn ich hier nicht erwünscht bin und abhauen soll.“
Carsten sah sich um und blickte überall nur in harte Gesichter, die ihm zunickten.
„Sie sind ein netter junger Mann, und es will Sie niemand vertreiben“, versuchte der Wirt, ihn zu beschwichtigen. „Auch wenn wir nur einfache Eifler sind und mit Wissenschaft nicht viel zu tun haben, so haben doch einige von uns etwas gesehen und erlebt, was Sie hoffentlich nicht sehen werden. Halten Sie sich vom Bruch fern, besonders in Vollmondnächten.“
„Danke für den Tipp, aber ich neige nicht dazu, um Mitternacht im Wald umherzulaufen. Das ist mir zu kalt“, entgegnete Carsten höflich. Wahrscheinlich brennen da noch einige schwarz und wollen damit nicht erwischt werden.
Der alte Mann stand auf und schien ehrlich erleichtert, als er Carstens Antwort hörte. Jupp kam an den Tisch und nahm das kalt gewordene Essen weg.
„Ich werde Ihnen etwas anderes zubereiten. Das geht aufs Haus“, bot der Wirt freundlich an. „Soll niemand sagen, dass unsere Gäste schlecht bedient werden.“
„Danke, das ist nett.“
Carsten widmete sich erneut seinen Karten und trug die GPS-Koordinaten der aufgestellten Kameras und Lauschgeräte ein. Bald kam das Essen, das er hungrig verzehrte. Danach setzte er sich auf sein Motorrad, um die wenigen Kilometer aus dem kleinen Ort zu dem alten Forsthaus zurückzulegen. Die Luft war kalt und er war froh, dass er seine warme Lederkombination trug.

Von Lehrplänen und der Realität

Im Landschulheim kehrte Ruhe ein. Nach dem Abendessen hatte Markus Bellersheim den Schülern den Plan für die nächsten Tage verkündet.
„Und damit Sie nicht den Versuchungen der Müßiggangeserliegen, treffen wir uns in einer Stunde für einen gemütlichen Dauerlauf durch die frische Eifelluft“, verkündete er am Abschluss seiner Programmvorstellung.
„Och nö“, maulte Rachid, und auch von den anderen Schülern war wenig Begeisterung zu hören.
Er wartete vergnügt ab, bis sich das Gemaule beruhigt hatte.
„Ich habe dem Direktor versprochen, dass Sie sich während dieses Aufenthaltes nicht in Fettsäcke und Bewegungslegastheniker verwandeln und da trifft es sich gut, dass ich mit Blick auf die nächsten Leichtathletik- und Handballmeisterschaften auch ein wenig über ein Fitnessprogramm nachgedacht habe. Wir treffen uns also um 21 Uhr vor dem Haupteingang.“
„Alle?“, wollte sich ein Schüler vergewissern. „Ich bin doch gar nicht im Sport LK.“
„Alle“, bekräftigte Bellersheim nachdrücklich. „Das hier ist ein Landschulheim, und bekanntlich sind Sie Schüler einer Bildungseinrichtung, die auch sehr viel Wert auf sportliche Betätigung legt. Und dieses Landschulheim verfügt über gute Sportmöglichkeiten. Da ich hier selbst einmal als Schüler war, kenne ich die Gegend von früher und darf Ihnen versichern, dass Sie wenig Alternativen haben, um Ihre überschüssigen Energien abzubauen. Es gibt im Anbau einen gut eingerichteten Fitnessraum, eine Sporthalle und die Langlaufmöglichkeiten sind auch sehr gut.“
„Und das Wochenende? Was ist am Wochenende?“
„Werde ich Sie tagsüber so scheuchen, dass Sie dankbar sind, wenn Sie ein Rendezvous mit Ihrer Matratze haben dürfen.“
Jerome lehnte sich zu Mischa und boxte ihn in die Seite, nachdem sie den Speisesaal verlassen hatte. Er zwinkerte ihm zu.
„Alter, was meinst du, sollen wir mal checken, ob sich seit Bellersheims Schulzeiten nicht doch was getan hat in der Eifel?“
„Auf der Hinfahrt sind wir durch dieses Nest gefahren. Wie hieß es noch? Adenau? Da ist am Wochenende Adventsmarkt.“
„Samstag? Das ist ja schon morgen.“
„Besser als gar nichts“, stimmte Rachid zu. „Glühwein! Hüttenzauber! Caipirinha!“
„Wer hat denn gesagt, dass wir dich mitnehmen?“, fragte Jerome spöttisch und drehte sich zu dem Mitschüler um. Sie hatten das Zimmer erreicht, dass sich die beiden Freunde teilten. „Außerdem darfst du doch keinen Alkohol trinken.“
„Einer muss ja auf die Sportikone des Internats und seinen Freund aufpassen, wenn sie sich in Partys stürzen. Und was Allah nicht weiß, macht ihn nicht heiß“, antwortete Rachid kichernd. „Außerdem muss ein Kerl den Ruf des Internats hochhalten, bevor alle glauben, dass man hier zur Schwuchtel gemacht wird.“
„Hey!“, protestierte eine Stimme aus dem Nebenraum und Rachid verdrehte die Augen. „Typisch! Kaum hat man den Teufel genannt, kommt er gerannt. Wie konnte es bloß passieren, dass ich in einem Sport-LK lande, in dem es von Typen wie euch nur so wimmelt?“
„Das kann ich dir genau erklären, Rachid. Dein Vater ist der irrigen Ansicht, dass in dir ein begnadeter Sportler steckt, womit er völlig falsch liegt. Dem wäre höchstens so, wenn du auch schwul wärst, dann könnte gelegentlich mal ein begnadeter Sportler in dir stecken. Aber da du leider – oder glücklicherweise, je nach Betrachtungsweise – ne doofe Hete bist, wird das nichts“, tönte es munter aus dem Nachbarraum. Schallendes Gelächter begleitete den Satz, und ein Junge steckte den Kopf aus dem Raum. Er grinste übers ganze sommersprossige Gesicht.
Jerome streckte dem Lästermaul seine erhobene Hand entgegen und klatschte ab.
„Yeah!“, kommentierte er, um sich dann Rachid zuzuwenden. „Los, komm mit in unser Zimmer. Fitz, du auch, wenn du am Samstag mit willst. Glücklicherweise haben die hier eine einigermaßen schnelle Internetverbindung, dann können wir prüfen, wie wir nach Adenau kommen.“
„Am Ende der Zufahrt zum Haus müßt ihr rechts abbiegen und dann hundert Meter laufen. Dort ist eine Bushaltestelle. Der Bus fährt am Wochenende nur stündlich“, sagte Pierre, der plötzlich auftauchte.
„Danke, netter Tipp“, antwortete Jerome.
„Du hast den Schlüssel für dein Zimmer vergessen“, sagte Pierre ernst und hielt Fitz den Schlüssel hin. „Der Schlüssel ist auch für die Haustür. Du darfst den Schlüssel nicht verlieren. Das kostet viel Geld.“
Fitz nahm ihm den Schlüssel aus der Hand und sah den dunkelhaarigen Hausmeistersohn etwas unsicher an, während der hinzukommende Sergej hinter Pierres Rücken Grimassen schnitt.
„Du hast sehr schöne braune Augen, Jerome, und dein Haar gefällt mir auch. Ich glaube, du machst sehr viel Sport, denn du bist stark. Das sieht man“, fügte Pierre noch hinzu und verließ die Gruppe dann. Zurück blieben ein paar verblüffte Schüler, die ihm hinterher starrten.
Sergej ließ den Zeigefinger um seine Schläfe kreisen. „Ich glaub, der ist nicht ganz dicht. Wurde wohl zu heiß gebadet als Kind.“
„Ja, so was kann schwere Spätfolgen haben“, sagte Jerome kühl und blickte Sergej vielsagend an.
„Neidisch, weil er nicht gesagt hast, dass du schöne Augen hast?“, zog Mischa ihn auf.
„Phhht“, machte Sergej verächtlich. „Das fehlt mir noch. Ein behinderter Unterprivilegierter, der sich an uns ranschmeißt. Den hätte die Mutter rechtzeitig abtreiben sollen.“
„Manchmal bist du so widerlich, Sergej, da schämt man sich, mit dir auf eine Schule zu gehen“, warf Mischa ein, doch Sergej zuckte nur mit den Schultern, um dann den Flur entlang in sein Zimmer zu gehen. Andere Schüler, die das Geschehen verfolgt hatten, wichen ihm aus.
„Echt jetzt! Das Einzige, was Sergej Winter von einem Nazi unterscheidet, ist die Tatsache, dass er Russe ist. Ginge es nach mir, hätte man das Arschloch längst von der Schule geschmissen“, ärgerte sich Jerome.
„Sein Vater hat Geld, und wenn du dich jetzt beschwerst, bekommt Sergej einen Verweis, sein Vater schickt einen Scheck an die Schule und das war es dann“, meinte Mischa. „Das kennen wir doch schon.“
„Trotzdem, irgendwer muss ihm mal einen Denkzettel erteilen. Bellersheim sollte ihn aus der Mannschaft schmeißen“, sagte Rachid. „Mir reicht das allmählich. muss mich von dem Arsch laufend als Kamelficker bezeichnen lassen, wenn er mir allein begegnet. Dann traut er sich das.“
Jerome legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Lassen wir das fürs Erste. Fitz, Mischa, Rachid, Samstagabend ist also geplant? Weihnachtsmarkt in Adenau? Sagt Max und Alex Bescheid, die wollen bestimmt auch mit.“
Die Angesprochenen nickten, besprachen noch ein paar Einzelheiten und verschwanden dann in ihren Zimmern, um sich für den Dauerlauf umzuziehen. Kurze Zeit später tauchten sie in Trainingsanzügen auf und absolvierten zusammen mit den anderen Schülern einen 3000 Meter Lauf auf der vom Mond beschienenen Aschenbahn des Landschulheims.

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