Ein Haus in Plauen

Hagen Ulrich - Band 2 Böses Blut der Vampire

Hagen Ulrich – Band 2 Böses Blut der Vampire

Im Haus der Familie Harrach in einem Vorort der sächsischen Kleinstadt Plauen bahnte sich eine Krise an. Während aus dem Wohnzimmer Gesang ertönte, stand Sebastian, der jüngste Sohn der Familie im Bad, und machte sich für einen Partyabend fertig. Er pfiff fröhlich vor sich hin und blickte zufrieden in den Spiegel. Ja, so konnte er sich sehen lassen, sein Ziel, ein wenig wie ein dunkler Engel auszusehen, war erreicht.

Der junge Mann hatte sich ein schwarzes transparentes Shirt angezogen und eine hautenge Lederjeans, die in zwei Boots verschwand. Aus den hochgekrempelten Ärmeln der offenen Jacke lugten zwei sehnige Arme hervor.

Naja, ein Kerl wirst du nie, sagte er sich leicht melancholisch und streckte sich dann selber die Zunge raus. Aber lieber ein ganzes dunkles Engelchen als ein viertel Kerl.

Sebastian verließ das Bad und sprang die Treppe herunter. Unten öffnete sich eine Tür und sein Vater trat heraus.

„Wo willst du hin?“ Sein grauhaariger Vater blickte streng aus dem Arbeitszimmer und erstarrte, als er das Outfit seines jüngsten Sohnes sah. Missbilligend blickte er ihn an. „Wie siehst du denn schon wieder aus?“

„Ich gehe mit Malte zu einer Party. Es kann spät werden oder früh, je nachdem.“ Sebastian blickte seinen Vater herausfordernd aus seinen bunten Augen an. Die linke Iris war rotbraun und die rechte schimmerte grünblau. Eine Laune der Natur, denn die echte Iris-Heterochromie trat nur selten beim Menschen auf.

Der konservative Stadtrat Peter Harrach blickte seinen jüngsten Sohn grimmig an: „Wieder in diesen … Sündenpfuhl?“ Er spuckte das Wort förmlich aus.

„Oh ja, zum Sodom’s Vampire Love Ball.“ Sebastian grinste spöttisch. „Oder hieß es Sodom Vampires love Balls? Egal – das brauch ich als Ausgleich. Wenn man von morgens bis abends im Haus der Bibeljünger und Betschwestern lebt, dann hängt einem euer Gesülze irgendwann so was von zum Hals raus, dass man beim Hören Pickel bekommt.“

„Es ist nicht zu fassen! Deine Mutter und ich bemühen uns, das Wort des Herrn zu verbreiten und dir den rechten Weg zu weisen. Und du treibst dich mit abartigen Gestalten rum. Nimmst Drogen, trinkst Alkohol und über den Rest wage ich nicht nachzudenken.“

„Es ist eine Dark Romance Party für Grufties, Emos, Punks und Gothics aus ganz Sachsen. Kannst ja mitkommen und dir das Sündenbabel vor Ort ansehen. Vielleicht kannst du noch ein paar Mitglieder für deine Partei der Grumpy Old Men werben“, spottete sein Sohn boshaft. „Die vorherrschende Farbe bei Grufties ist schwarz, sie halten sich gern auf Friedhöfen auf, das passt doch zu deinen CDU-Parteifreunden. Die Schule ist für mich vorbei und deswegen kann ich mit meinen Freunden feiern. Ich bin volljährig und das Abi habe ich hinter mir, also darf ich die restlichen Sommermonate wohl genießen – was mir sehr schwerfällt, wenn hier regelmäßig deine Bibelrunde tagt und ihren Sermon verbreitet.“

„Und die Drogen? Schon mehrfach hat man dort Drogen gefunden? Ich will nicht, dass mein Sohn dort verkehrt! Das verbiete ich dir!“

„Na, dann überleg mal, was jemand wie mich in die Drogen treiben könnte. Woran das wohl liegen könnte?“

Allerdings war Harrach Junior hier nicht ganz offen. Er war ein leidenschaftlicher Partygänger und machte um die dort kursierenden Partydrogen keinen allzu großen Bogen.

Sebastian verdrehte genervt die Augen, als sein Vater dazu ansetzte, etwas zu sagen. Er schaffte es jedoch anscheinend nicht, genug Luft an den Stimmbändern vorbeizuschicken, um verständliche Laute zu artikulieren. Bis auf „Deine unsterbliche Seele ist in Gefahr!“ kam nichts über seine Lippen.

„Hast du wieder von diesem Weihwasser getrunken? Religiöse Blähungen?“, fragte Sebastian und spielte damit auf ein nicht lange zurückliegendes Ereignis an. Sein Vater hatte im Web bei kathshop.com einige Kanister mit angeblich heilkräftigem Weihwasser eines besonderen Priesters gekauft, das Körper, Geist und Seele reinigen sollte und der gesamten Familie aufgenötigt – mit durchschlagendem Erfolg. Zumindest die Körper der Familienmitglieder hatten eine umfassende innere Reinigung erfahren. Nun ja, wenn man denn Durchfall so werten wollte und Sebastian war dankbar, dass sein Elternhaus mehrere Toiletten besaß.

„Jaja, wir wissen es, der Untergang des christlichen Abendlandes steht bevor und deine Kreuzritter und du sind berufen, das aufzuhalten. Und wenn du erst einmal im Bundestag bist, dann wirst du christliche Gesetzesinitiativen auf den Weg bringen, das Schulgebet einführen, Lehrer auf die Bibel schwören lassen, Gotteslästerung zum Kapitalverbrechen erklären, Marias Jungfräulichkeit im Grundgesetz verankern, Bibel TV in die ARD integrieren und bla bla bla …“

Sebastian tat so, als würde er sich einen Finger in den Hals stecken und gab würgende Geräusche von sich. Der Stadtrat lief rot an und wollte etwas erwidern, aber sein Sohn schlängelte sich an ihm vorbei und verließ mit den Worten „Ich bin bei Malte“ sein Elternhaus.

Bei Gelegenheiten wie diesen fragte der Teenager sich wirklich, welcher kosmische Witzbold ihn in diese Familie geschickt hatte und sich einen Spaß auf seine Kosten erlaubte. Oder ob es einen Fall von Verwechslung im Krankenhaus bei seiner Geburt gegeben hatte.

Der Stadtrat blickte ihm frustriert hinterher und brauchte ein paar Minuten, um sich zu beruhigen. Er ging dann in das Wohnzimmer, in dem seine beiden anderen Söhne, seine Frau und ein paar Mitglieder der Bibelrunde saßen und das Gotteslob sangen. Bei seinem Eintreten wandten sich ihm die Blicke zu und er schüttelte grimmig den Kopf.

„Basti hat sich abgewandt und wir wollen für ihn beten, auf dass er Erleuchtung findet!“

Da das Fenster offen war, hörte Sebastian das „Ave Maria gracias plenum …“ noch, bevor er in sein Auto einstieg. Der kleine schwarze Golf war sein ganzer Stolz und ein Beleg seines erfolgreichen Nebenjobs als Spieleprogrammierer. Sein erster Job und eigenes Geld, sein erstes eigenes Auto. Er hatte es sich kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag gekauft, nachdem er zwei Jahre dafür gespart und gejobbt hatte. Hier und da ein bisschen getunt, alles in seiner Lieblingsfarbe schwarz lackiert, eine gute Anlage – für ihn war es perfekt. Zusammen mit Malte und dessen Vater, dem grünen Stadtrat und Musiklehrer, hatte er an der Musiktechnik herumgebastelt, bis der Sound stimmte. Maltes Vater hatte sich in die Arbeit gestürzt, als ob es sein eigenes Auto wäre und ihm nostalgisch von seinem ersten eigenen, fahrbaren Untersatz erzählt. Total untypisch für den grünen Feierabendparlamentarier, aber der hatte gesagt, ein Junge bräuchte auf dem Land ein Auto und ein Auto sei letztendlich ein Subwoofer auf Rädern. Sie hatten sogar eine zweite Lichtmaschine eingebaut, damit die Endstufe genug Saft bekam.

Sebastian, kein Auto braucht eine Heckscheibenheizung. Dafür ist der Subwoofer da. Der Sound in einem Auto stimmt erst dann, wenn man mit dem Subwoofer das Eis von der Heckscheibe sprengen kann, hatte Maltes Vater gemeint und ihn schwören lassen, dass diese Worte niemals das Haus der Kastens verlassen würden. Maltes Vater war cool, keine Frage. Sein eigener Vater hingegen …

Sebastian seufzte und schüttelte den Kopf. Dann schob er die trüben Gedanken beiseite, eine CD in den Player und machte sich auf den Weg zu Malte. Aus der kleinen Anlage ertönte „Vampire“ von Sara Knoxx[1] und damit schon ein Vorgeschmack auf das, was er vom Abend erwartete. Fröhlich mitsummend trat er auf das Gaspedal und der kleine schwarze Golf schoss davon. Sebastian war auf dem Weg zu Malte, den er zu der Party mitnehmen wollte. Malte war sein bester Freund seit Schulzeiten, sie hatten zusammen Abi gemacht. Mit ihm und dessen Vater hatte er eine kleine Softwarefirma gegründet, sie programmierten Apps und Spiele, außerdem testeten sie für Spielefirmen neue Programme. Dazu trieben sie sich auf Game Conventions und Events wie BloodyCon und TrekCon rum, wo sie neue Trends abpassten und ihre Ideen vorstellten. Da die Spieleindustrie boomte, gab es dafür eine gute Bezahlung.

Er hielt mit dem Wagen in der Einfahrt zum Haus der Familie und klingelte. Ein Summen erklang aus der Gegensprechanlage und das Tor schwang auf. Flott fuhr er die Auffahrt hoch, ließ den Kies spritzen und machte den Motor aus, nachdem er gehalten hatte. Die Haustür öffnete sich und eine Frau Mitte vierzig begrüßte ihn.

„Hey! Du siehst heiß aus, was hast du denn noch vor?“, fragte Maltes Mutter und musterte ihn anerkennend. Sebastian war nicht nur auf den ersten Blick eine auffällige Erscheinung. Nicht besonders groß, sehr schlank, blauschwarz gefärbte Haare, die mit viel Gel gebändigt verstrubbelt in die Stirn hingen. Das blasse, schmale Gesicht mit den hohen Wangenknochen saß auf einem schlanken Hals, der in einen schmalen, fast zierlichen Körper überging. Die Augen wurden verdeckt von einer verspiegelten Sonnenbrille, doch wenn er die Brille absetzte, hatte man den Eindruck, man blickte einen Welpen an, der gleich zum Spielen auffordern würde.

„Vampire Love Ball im Sodom, ich will Malte abholen.”

„Jetzt schon? Es ist doch noch hell, seit wann kommen die Vampire schon am Tag raus?“, lachte sie.

„Wenn über ihren Särgen permanent Xavier Naidoo und Gebete ertönen, hält das bestimmt keinen Blutsauger in der Gruft. Es sei denn, sie ist schallisoliert“, beantwortete Sebastian ihre Frage und zuckte mit den Schultern.

„Ach, Torquemada hält wieder Bibelstunde?“, fragte sie spöttisch-mitleidig. Es war nicht das erste Mal, dass Sebastian zur Familie seines besten Freundes flüchtete. Sein abgrundtiefes Seufzen war Antwort genug.

„Komm rein, Malte ist in seinem Zimmer und hört Musik. Hast du schon was gegessen?“

Er schüttelte den Kopf und brummte: „Nee, habe zu Hause nichts gegessen. Hostien an scharfer Soße aus ewiger Verdammnis samt Tischgebet, nix für mich.“

„Du weißt ja, wo alles steht. Bedien dich.“

Er nickte und begab sich ins Zimmer seines Kumpels. Der lag mit geschlossenen Augen auf der Couch in seinem Zimmer und trug wie üblich seine Long-Beanie-Mütze im Emo-Style, weshalb Sebastian ihm den Spitznamen Schlumpf verpasst hatte. Wobei Malte nichts mit Emos am Hut hatte, weder hatte er depressive Anwandlungen à la Das Leben ist scheiße noch kam er auf die Idee, sich zu ritzen. Ganz im Gegenteil, Malte versprühte viel Lebensfreude und nahm alles locker.

Faithless dröhnte so laut durch den Raum, dass Sebastian sich schon fragte, warum sein Kumpel überhaupt Kopfhörer aufgesetzt hatte. Andererseits, Faithless konnte man nur laut hören. Er stupste ihn an und Malte öffnete etwas verwirrt die Augen und kicherte: „Wie siehst du denn aus? Machst du auf explodierte Gothic-Transe? Oder bist du mit Bill Kaulitz zusammengestoßen?“

„Klappe Schlumpf! Heute ist im Sodom Vampire Love Party und da gehen wir hin“, raunzte Sebastian gutmütig zurück. Er hatte seine Augenbrauen gezupft, was die großen Augen betonte, wozu allerdings auch ein wenig Schminke beitrug und die Vorlage verpasste sein Freund natürlich nicht, um einen dummen Spruch abzulassen.

„Aha – und warum weiß ich noch nichts davon?“

„Jetzt weißt du es, reicht doch.“

„Weiß nicht, ich wollte eigentlich nicht rausgehen. Film schauen und Musik hören“, meinte Malte mit wenig Begeisterung. Dann hellte sich seine Miene auf.

„Hey, kennst du den: Der Lehrer fragt einen Schüler: Alle deine Mitschüler stehen auf Hip-Hop. Du bist der Einzige, der auf Heavy Metal abfährt. Wie kommt das? Daraufhin der Schüler: Na ja, meine Eltern hören Heavy Metal und meine Großeltern hören auch Heavy Metal. Also höre auch ich keinen Hip-Hop, sondern Heavy Metal. Der Lehrer ist empört: Aber du kannst doch nicht stets das tun, was deine Eltern machen. Stell dir vor, deine Mutter wäre eine Prostituierte und dein Vater ein Drogendealer …? Der Schüler erwidert: Tja, dann wäre ich wohl auch ein Hip-Hopper.“

Sebastian lachte pflichtschuldig. Eine der schlechteren Eigenschaften seines Freundes waren dessen Vorliebe für billige Witze. Dieser hier war für seine Verhältnisse gar nicht mal so schlecht. Für den Hip-Hop-Scheiß hatten sie beide nichts übrig, für Heavy Metal konnte Sebastian sich allerdings auch nicht erwärmen.

„Ach, komm schon, den Film schauen wir uns zusammen an, essen was und denn machen wir Party. Wir haben frei, das müssen wir ausnutzen.“

„Meinetwegen, aber ich such den Film aus!“

„Aber keinen Trash!“ Sebastian kannte die Vorliebe seines Kumpels für schlechte Actionfilme.

„Wenn ich mich von dir zu einer Party mit lauter depressiven, sich nach dem Tod sehnenden Grufties, Möchtegernvampiren und Gothics schleppen lasse, muss ich vorher Energie aufbauen, um das zu ertragen. Und dabei wird mir mein lieber Freund doch sicher gern Gesellschaft leisten.“

„Immerhin laufen da auch bestimmt ein paar süße Mädchen rum“, versuchte Sebastian es ihm schmackhaft zu machen. Malte war mal wieder auf der Suche nach einer Freundin.

„Hm ja, kann sein, aber ich steh nicht so auf die Szene, die sich da rumtreibt. Zu düster“, meinte er skeptisch.

„Was für ein Film?“ Sebastian schwante Übles, als Malte begann, in einem Stapel DVDs zu kramen.

„Ein Klassiker mit Casper Van Dien. „Wenn die Erde schmilzt“, der ist sowas von schlecht, der ist schon wieder gut!“, über Maltes Gesicht ging ein Leuchten.

Sebastian schüttelte den Kopf. „Immer wenn ich glaube, du findest nichts Schlechteres mehr, kommt doch noch was. Zuletzt „Herrschaft des Feuers„, das war schon grottig. „Ich führe, du folgst“, zitierte Sebastian aus dem Film und versuchte, den kernigen Macho-Dialog zwischen den beiden Alpha-Männchen nachzuahmen, was angesichts seines Outfits von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Malte prustete los und Sebastian verzog etwas beleidigt das Gesicht.

„Komm schon, „Krieg der Welten“ war gut. Oder „Independence Day“ mit Will Smith! Von „2012″ ganz zu schweigen!“

„Ja klar, die Amis mit ihrem UFO-Fimmel. Gerade noch isst du einen Hamburger im Park und dann entführen einen Außerirdische in ihr UFO und du hast eine Sonde im Arsch. Und dann kommt der Held mit Atombomben und alles ist gut. Das bringen nur Amis! Und vor allem darf man Roland Emmerich nicht soviel Geld in die Hand geben! Das ist nicht gut, gar nicht gut.“

Islands of Beasts?“, schlug Malte vor. „Oder was hältst du von „Angriff der Killerbienen„, ist der nicht genial?“

„Ich hasse Bienen! Die stechen!“

Volcano?“

„Klar, ein Vulkanausbruch in L.A.! Schlumpf, wo hast du nur diesen schlechten Geschmack her?“, fragte Sebastian seinen Kumpel mit gespielter Verzweiflung. „Manchmal macht mir das richtig Angst!“

„Na los, komm her“, Malte klopfte auf die Couch, „ich hol was zu essen aus der Küche, wir ziehen uns den Film rein und dann ziehe ich mich um. Casper Van Dien, Junge, das ist eine Garantie für Trash, sein schauspielerisches Niveau liegt bei dem eines toten Schweins.“

„Aha und warum tun wir uns das dann an? Es gibt ja auch gute Filme, „Herr der Ringe“ könnten wir uns ansehen …“

„Haben wir schon zweimal gesehen, außerdem sehen wir Elfen und Orks nachher live“, hielt Malte dagegen. Sebastian kapitulierte fast.

„Oder ein Film von Tim Burton?“

„Ich war letzte Woche im Kino, da lief dieser Vampirfilm von Burton mit Johnny Depp als Vampir. Sei froh, dass du nicht mitgekommen bist. Eine einzige Katastrophe. Wenn ich noch einmal in einen Burton-Film gehe, dann höchstens, wenn er das Leben Mohammeds verfilmt“, wehrte Malte energisch ab.

Sebastian prustete los, als er sich einen Film über das Leben Mohammeds mit Johnny Depp in der Hauptrolle vorstellte. Burton hatte einen Stil, der zwar gewöhnungsbedürftig und schräg war, aber sich vorzustellen, dass Burton einen Film über den Islam und seinen Propheten drehte, das war schräg. Aber reizvoll.

„Du hast sie nicht mehr alle! Stell dir Johnny Depp als Mohammed vor, aber so wie er als Jack Sparrow in „Pirates of the Caribbean“ rumschwuchtelt.“ Er nahm Platz und blickte ihn schadenfroh an. „Ok, du hast gewonnen. Aber ich seh dich nachher tanzen.“

„Vergiss es!“ Malte sprang auf und schüttelte den Kopf, als er zur Tür ging. „Das ist nicht verhandelbar.“

Sebastian lümmelte sich auf der Couch rum und kicherte in sich hinein. Sein bester Freund hatte viele Qualitäten, aber Tanzen gehörte eindeutig nicht dazu. Auch gegenüber Mädchen war Malte ziemlich tollpatschig, mit Bits und Bytes kam er glänzend zurecht, aber für eine dauerhafte Beziehung zu Frauen hatte der Computer-Junkie Malte noch kein Programm schreiben können.

Mit einem Tablett in den Händen kehrte sein Freund zurück, sie machten es sich bequem und lästerten zwischen Chips und Cola über den grottenschlechten Film. Gegen 22 Uhr stand Malte vor dem Kleiderschrank.

„Was soll ich denn anziehen?“, wollte er wissen.

„Es ist eine Dark Romance Party, schwarz ist angesagt.“

„Ich bin kein Gothic oder Gruftie“, protestierte Malte.

„Aber du hast schwarze Jeans und Shirts. Und blass bist du auch. Das wird reichen. Ich hab was zum Schminken dabei, da kann ich dir die Augen noch …“

„Dafür habe ich was gut bei dir!“, grummelte Malte.

„Jetzt mach hin, ich will los!“, drängelte Sebastian.

Es dauerte nicht lange und die beiden waren fertig. Als sie das Haus verlassen wollten, kam ihnen Maltes Mutter entgegen. „Jungs, ich muss es ja eigentlich nicht sagen, aber… – wer fährt?“

Sebastian hob die Hand. „Ich setze Malte nachher hier ab.“

„Na dann, lasst euch nicht beißen”, empfahl Maltes Mutter gutmütig. „Und Finger weg von Drogen und Alkohol.“ Beide nickten brav. Sebastian hatte die Ohren diesbezüglich auf Durchzug gestellt.

„Und wenn ihr doch beide was trinkt, dann ruft an. Ich hol euch lieber ab, als dass ihr im Graben landet.“

„Mum!“ Malte stöhnte. „Hast du Sebastian je angetrunken gesehen?“ Beide hatten gegen einen Joint hier und da nichts einzuwenden, achteten aber darauf, damit nicht aufzufallen. Und Sebastian hatte – neugierig wie er war – schon öfter diverse Pillen ausprobiert, vor allem, wenn er mal wieder bis zum Exzess tanzen wollte.

„Ich mein ja nur! Nehmt den Codegeber fürs Tor mit, damit ihr nicht klingeln müsst.“

Sodom’s Vampire Love Ball

Die beiden Freunde machten sich auf den Weg. Bald waren sie beim Sodom im Industriegebiet von Plauen angekommen. Noch war nicht viel los, und Sebastian konnte sich bequem einen Platz für seinen Golf suchen. Als er den Zündschlüssel rumdrehte und aussteigen wollte, hielt neben ihm ein weiteres Auto.

Sebastian riss den Kopf herum, als er das Modell erkannte. Ein todschickes, schwarzes BMW Cabrio, ein M6 Hurricane mit vier Personen im Innenraum. Am Steuer saß ein junger Mann in einer Lederjacke mit hochgeklapptem Kragen, ungefähr in ihrem Alter. Auf dem Beifahrersitz und im Fond saßen drei weitere Männer, so etwa um die dreißig.

„Und die Russen sind auch schon da“, meinte Malte erheitert. „Prolokiste mit neureichen Russen, guck dir die Ringe an, die der Typ an den Fingern hat.“

„Hast recht, bestimmt irgendein reicher Sprössling und seine Bodyguards aus der Russenmafia“, schloss sich Sebastian der Einschätzung seines Freundes an.

In diesem Augenblick drehte der Fahrer den Kopf in seine Richtung und schaute Sebastian direkt an. Er verzog leicht das Gesicht und nickte mit einem arroganten Grinsen, anscheinend hatte er Sebastians Worte gehört. Dann musterte er Sebastian intensiver und zog die Augenbrauen hoch, als sich ihre Blicke begegneten. Sebastian war diese Reaktion auf seine zweifarbigen Augen gewohnt, was es jedoch nicht angenehmer machte. Er stieg aus und blockierte dabei die Tür des BMW-Fahrers, der nun warten musste, bis Sebastian und Malte gegangen waren.

Wenig später standen sie auch schon vor dem Eingang des Clubs. Die Türsteher musterten sie von oben bis unten und ließen sie dann durch. Hinter Sebastian wurde Stimmengewirr laut, anscheinend wollte der Türsteher die nachfolgenden Besucher nicht reinlassen. Als er sich umdrehte, sah er den BMW-Fahrer mit wütendem Gesichtsausdruck die Männer fixieren, die ihm den Einlass verwehrten. Einer der Türsteher, ein Zwei-Meter-Schrank mit geschätzten 130kg Lebendgewicht stand dem kleinen BMW-Fahrer gegenüber, der ein paar seltsame Gesten machte und plötzlich ließ der Gorilla ihn passieren.

Sebastian beobachtete die Szene und sah dabei, dass der Typ eine braune Lederhose trug. Außerdem – und ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf – Westernstiefel in Schlangen- oder Krokodilleder-Optik? Daran Sporen, deren Lederriemen mit goldenen Ringen verbunden wurden? Und selbst die Ringe waren mit funkelnden Steinchen besetzt.

Was für ein Proll, dachte Sebastian angewidert. An allen Fingern glitzerten goldene Ringe mit wirklich dicken Klunkern, seine Sonnenbrille hing im tiefen Ausschnitt seines Shirts und Sebastian erhaschte einen Blick auf die Brust des jungen Mannes, auf der die Ausläufer einiger Tattoos zu erkennen waren. Wie eklig.

„Die lassen hier aber inzwischen auch wirklich jeden rein“, flüsterte Malte abfällig. „Hat ihm wohl ein paar Scheine in die Hand gedrückt und sich den Weg freigekauft.“

„Guck dir die Ringe und Ketten an, Svarowski scheint einen großen Fan zu haben. Wenn der damit ins Wasser fällt, dann ertrinkt er, weil ihn das Gewicht nach unten zieht“, lästerte Sebastian leise und schüttelte sich vor Lachen. „Und diese Stiefel, wie furchtbar. Krokoleder. James Dean vs. Indiana Jones 2.0 Generation Rap? Tätowiert ist er auch, wahrscheinlich auch noch gepierct.“

Malte lachte ebenfalls. Und dann zog die Gruppe aus dem BMW an ihnen vorbei, nicht ohne dass die beiden einen wütenden Blick von dem Fahrer kassierten.

„Du Malte, hat der uns etwa gehört?“, fragte Sebastian erstaunt.

„Ist doch egal, ich hab Durst, lass uns was trinken gehen und dann sehen wir weiter.“

An der Theke bestellten sie sich etwas zu trinken und musterten die anwesenden Gäste. Das Sodom war in einem alten, mehrstöckigen Industriebau noch aus DDR-Zeiten angesiedelt. Das Werk war abgewickelt worden und das Gebäude hatte keine weitere Nutzung gefunden, bis zuerst illegale Partys veranstaltet worden waren. Irgendwann war ein Clubbetreiber auf die Location aufmerksam geworden und hatte der Stadt das Gebäude billig abgekauft. Die war froh, den Bau los zu sein und der Gastronom hatte auf mehreren Etagen einen Club mit Restaurant, Lounge, mehreren Dancefloors und Kellerlabyrinth eingerichtet. Verschiedene DJs legten auf, so dass fast jedermanns Ansprüche befriedigt wurden.

Auf der Tanzfläche bewegte sich noch wenig, die meisten Besucher standen mehr oder weniger rum und unterhielten sich oder ließen mit geschlossenen Augen die Musik auf sich wirken. Auch Sebastian genoss die Klänge in Verbindung mit dem treibenden Rhythmus. Malte verschwand zwischendurch und kam nach kurzer Zeit mit zwei Tütchen zurück, die er irgendwo aufgetrieben hatte. Sie rauchten und genossen die Entspannung, die sich zusätzlich zur Musik bald einstellte.

Im Lauf des Abends wurde es durch die Vielzahl der Gäste immer wärmer im Club. Als Sebastian sich an einer der Bars in der Lounge mit Getränken versorgen ließ, schaute er auf dem Rückweg auf die Tische, dort lümmelten sich die Typen aus dem BMW, mittlerweile in Gesellschaft. Auf den Tischen standen Sektkühler und mehr oder weniger volle Gläser, die Männer waren flankiert von ein paar Mädchen, oder hatten sie auf dem Schoß sitzen. Gegröle schallte trotz der lauten Musik herüber und Sebastian schüttelte es, als er die besoffenen Typen sah, die an den Mädchen herumfummelten. Gekreische und weiteres Gelächter.

Er sah zu, dass er zu Malte kam. Sein Freund hatte mittlerweile auch ein Mädchen angequatscht und baggerte, was das Zeug hielt, wie Sebastian amüsiert feststellte.

„Seid ihr nicht die Turner, die bei uns in der Sporthalle trainieren?“, wurde Malte gerade gefragt, als Sebastian dazustieß. Eine Weile beobachtete er die Versuche seines Freundes, bei dem Mädchen zu landen. Sie schien nicht abgeneigt und Sebastian verzog sich auf die Tanzfläche. Wenn Malte auf Häschenjagd war, interessierte ihn nichts anderes. In solchen Augenblicken übernahmen untere Regionen das Denken, wie sein Kumpel schon oft festgestellt hatte.

Irgendwann spürte Sebastian Druck auf der Blase. Die Toiletten lagen etwas abseits im Bereich der Bar mit den Räumen, in denen es etwas ruhiger zuging und wo sich Pärchen zum Unterhalten aufhielten. Oder miteinander flirteten. Malte war oben geblieben und Sebastian machte sich allein auf den Weg.

Da er keine Lust hatte, sich von anderen Kerlen beim Pinkeln zusehen zu lassen, suchte er eine Kabine auf und pinkelte ins Becken. Als er fertig war, verließ er die Räume. Am Ausgang rempelte ihn jemand an und hielt ihm wortlos die offene Hand hin, in der ein paar Pillen lagen.

Sebastian blickte den Typen fragend an: „Ist das Zeug auch in Ordnung?“ Er kannte den Mann zwar vom Sehen, hatte schon öfter bei ihm gekauft, aber er wollte auf Nummer Sicher gehen.

Der Dealer nickte, hielt zwei Finger hoch und Sebastian zahlte. Er wollte sich mal wieder so richtig den Frust über seine bigotte Familie aus der Seele tanzen, da kam ihm das XTC[1] genau richtig.

Das Sodom hatte eine weitere Ebene geöffnet. Neugierig wollte Sebastian diesen Teil des Clubs betreten, der sonst nicht offen war. Vor dem Eingang stand ein weiterer Türsteher.

„Nur für schwule Jungs“, wurde er informiert.

Als er nickte, wurde ihm Einlass gewährt. In diesem Teil des Sodoms lief härtere Musik, Techno und Goa gingen ineinander über, auch das Publikum war ein anderes. Sebastian sah im Stroboskopgewitter viele muskelgestählte Jungs in Leder und mit freiem Oberkörper tanzen. Die Luft war pheromongeschwängert und er glitt auf die Tanzfläche. Er vergaß alles um sich herum und tanzte, was sein trainierter Körper hergab.

Irgendwann brauchte er eine Pause und wollte in die Chillzone dieses Areas. Er lehnte sich an die kleine Bar und bestellte sich ein Wasser, denn sein Körper schrie nach Flüssigkeit. Er beobachtete die Anwesenden. Hier wurde heftig geflirtet, ab und an verschwanden Typen durch eine weitere Tür.

Neugierig wanderte er in den Raum. Die Tür fiel hinter ihm zu, und seine Augen gewöhnten sich langsam an das Halbdunkel, das nur matt von roten Lampen erhellt wurde. Dann merkte er fasziniert, wo er gelandet war und was sich in dem Raum tat. In den Ecken und auf Bänken lagen, hockten und standen zahlreiche Männer. Aus verschiedenen Richtungen war in unregelmäßigen Abständen Stöhnen zu hören. Hier war eine ganz spezielle Chillzone für Jungs, die heiß auf Sex mit anderen Jungs waren. Sebastian wuselte an den zuckenden Leibern vorbei, um diesen Bereich weiter zu erforschen. Sei Herz klopfte wie wild, er wusste nicht, ob er sich angezogen oder abgestoßen fühlen sollte. Aber irgendetwas zwang ihn, sich weiter umzusehen. Sebastian folgte einem breiten Gang, der zu einem weiteren Raum führte und blieb im Türrahmen stehen. Im Zentrum des Raumes befand sich ein Käfig, an dem zwei Männer zugange waren.

An den senkrechten Stangen des Käfigs reckte sich ein stöhnender blonder Junge, seine Handgelenke waren über seinem Kopf an den Stangen angebunden. Sein Shirt hing ihm in Fetzen am Körper. Seine Augen waren von einer Binde verdeckt, um den Hals trug er ein Halsband, an dem eine lange Kette befestigt war. Vor ihm hockte ein schwarzhaariger junger Mann, dessen Hände gerade die Hose des Gefesselten öffneten. Sebastian beobachtete, wie der Mund sich leckend mit der Erektion des Typen beschäftigte.

Der Schwarzhaarige hockte halb nackt mit dem Rücken zu Sebastian. Sein Shirt war ihm aus der Hose gerutscht. Halb hing es ihm über den Rücken und entblößte Tattoos auf seinem Rücken. Geometrische Muster, die auf den ersten Blick kein zusammenhängendes Muster zu ergeben schienen und sich trapezförmig von den Schulterblättern bis an den Hals ausbreiteten. Es erinnerte Sebastian an einen stilisierten Drachen und übte eine seltsam erotische Anziehung auf ihn aus.

Der gefesselte Junge, der da so verwöhnt wurde, lehnte mit halbgeschlossenen Augen an der Käfigwand und stöhnte. Der andere blieb in der Hocke, doch jetzt wanderten seine Hände auf den Hintern seines willigen Opfers, das die Beine spreizen wollte, aber durch seine Hose behindert wurde.

„Los, zieh mich aus. Da sind Knöpfe…“, hörte Sebastian ihn stöhnen und der Schwarzhaarige lachte kehlig, folgte aber der Aufforderung. Seine Hände tasteten langsam und genüsslich zwischen den Beinen des gefesselten Blonden entlang und fanden anscheinend die richtigen Stellen. Sebastian hörte, wie sich Reißverschlüsse und Knöpfe an Stellen öffneten, wo eigentlich Nähte und Nieten vorgesehen waren.

Plötzlich fiel die Hose zu Boden. Der ist ja gut vorbereitet, dachte Sebastian, solche Hosen gibt es nicht unbedingt an jeder Ecke. Jedenfalls war die Lederhose an den entscheidenden Stellen in Einzelteile zerfallen. Bald stand er breitbeinig und nackt vor dem Dunkelhaarigen, immer noch mit den Händen an die Stangen gefesselt. Nicht völlig nackt, er trug Stiefel, aus denen weiße Strümpfe ragten. Sebastian genoss den Anblick des kräftigen Körpers und war von der erotischen Szene völlig gebannt. Ein unbestimmtes Gefühl ließ seinen Magen Salti schlagen und er schluckte.

Der tätowierte Typ erhob sich, wobei ihm das Shirt komplett von den Schultern glitt und Sebastian erkannte zu seiner Überraschung den BMW-Fahrer, kein anderer trug eine solche Lederhose und vor allem diese Stiefel. Und nun blinkten auch die Ringe an den Fingern. Damit nicht genug, er drehte sich in diesem Moment um und sah Sebastian direkt an. Etwas verblüfft und verärgert, als er ihn erkannte, aber dann grinste er. Na wen haben wir denn da? Gefällt dir, was du siehst? Komm ruhig näher, glaubte Sebastian zu hören.

Zögernd folgte er der Aufforderung. Die beiden machten ungeniert weiter, der Blonde schien ihn gar nicht wahr zu nehmen. Der Dunkelhaarige löste die Handfesseln, nur um den Jungen an der Kette an sich zu ziehen. Er küsste ihn und drückte ihn dann blitzschnell herunter, bis dessen Mund auf der Höhe der Beule in seiner Hose angekommen war. Der Blonde fingerte eifrig an dem Verschluss herum und öffnete den Reißverschluss. Bald verkündete das Stöhnen des Dunkelhaarigen, dass ihm die Aktivitäten des Blonden mehr als zusagten.

Sebastian beobachte das Treiben der beiden fasziniert und immer erregter, bis der Blonde auf den Boden gedrückt wurde. Breitbeinig und willig hockte er auf den Knien und der Dunkelhaarige begann, ihm den Hintern zu massieren. Eine Hand verschwand zwischen den Beinen und rhythmische Bewegungen verrieten Sebastian, dass dem Blonden gerade genüsslich einer runtergeholt wurde.

Unwillkürlich griff Sebastian sich an die eigene Hose, die ihm ziemlich eng wurde. Es war das erste Mal, dass er schwulen Sex live und direkt vor seiner Nase sah und es törnte ihn heftig an, das XTC in seinem Blut und die pheromongeschwängerte Luft taten ein Übriges.

Der kniende Blonde keuchte vor Lust, als der andere ihm mit den Lippen über den Rücken fuhr, Sebastian sah im Halbdunkel, wie Zuckungen über den Rücken gingen. Manchmal schien der andere ihn leicht zu beißen, er hörte besonders intensives Stöhnen, der Blonde stand anscheinend darauf.

Die Zunge wanderte nach unten und verschwand zwischen den Pobacken des Jungen, und dieser keuchte noch lauter. Der Kopf kam wieder hoch, der Dunkelhaarige zog den anderen hoch, bis er leicht vornübergebeugt und breitbeinig vor ihm stand. Der Blonde stützte sich mit den Händen an den Gittern ab. Seine Pobacken wurden weiter massiert. Der Junge seufzte, als sich der Schwanz des Dunkelhaarigen mit harten Stößen in seinen Hintern schob. Sebastian hörte jetzt leise Lustschreie des nach mehr bettelnden Blonden.

Dann drehte der BMW-Fahrer den Kopf erneut zu Sebastian. Warum stehst du so rum? Komm endlich her und mach mit, schienen die Lippen lautlos zu formulieren.

Sebastian trat einen weiteren Schritt auf die beiden zu und stand dem Mann jetzt direkt gegenüber. Schon hob er eine Hand, um ihn zu berühren. Er war sich etwas unsicher, einerseits hatte er schon Lust, aber das hier war schon recht hart.

Ihm ging es heiß und kalt den Rücken runter, sein Magen tanzte Tango und das Bild vor seinen Augen verschwamm etwas, als er so intensiv vom Blick des Dunkelhaarigen gebannt wurde. Ja, er wollte…. konnte… sollte… nein, er musste den Mann berühren. Und er wollte, dass der andere ihn berührte. Fast wünschte er sich an die Stelle des Blonden.

Dann bekam er etwas geboten, womit er im Leben nicht gerechnet hätte. Der BMW-Fahrer sah ihn lächelnd an und streckte seine Hand nach ihm aus. Er zog die Lippen zurück und Sebastian blickte fassungslos auf vier länger werdende Fangzähne. Und seine Augen, sie leuchteten rot im Halbdunkel. Außerdem – Katzenpupillen? Nicht genug, der Typ riss den Bottom, den er gerade fickte, an der Kette zu sich heran und grub ihm die Zähne in den Hals. Etwas Blut lief dem Blonden am Hals runter und der BMW-Fahrer schluckte, was pulsierend aus der Ader spritzte. Dabei fixierte er mit seinem Blick weiterhin den wie erstarrt zusehenden Sebastian.

Du bleibst jetzt hier, ich bin gleich fertig. Dann kümmer ich mich um dich, Kleiner.

Sebastians Verstand weigerte sich, das zu begreifen, was er gerade sah. Der BMW-Fahrer stieß immer schneller zu und auch sein stöhnender Bottom stand kurz vor dem Höhepunkt. Dann kamen beide mit einem leisen Aufschrei und der Blonde ließ sich heftig atmend nach vorn fallen.

Hat der überhaupt mitbekommen, dass er nicht nur gefickt wurde, fragte sich Sebastian fassungslos.

Der BMW-Fahrer löste seinen blutverschmierten Mund vom Hals seines Opfers, leckte kurz mit der Zunge über die Wunde und schüttelte feixend den Kopf.

Jetzt komm her, du bist dran. Ich will dich und du willst das doch auch. Es tut nicht weh, es ist schön. Nun komm schon, Kleiner.

Sebastian löste sich aus seiner Benommenheit und wollte nur noch weg. Er stürzte aus dem Darkroom, rempelte mehrere der Anwesenden an, polterte die Treppe hoch zur oberen Tanzfläche und suchte panisch nach Malte, der in seiner Abwesenheit ein weiteres Mädchen aufgerissen hatte und heftig flirtete.

„Los komm, ich will hier weg.“ Sebastian wollte so schnell wie möglich raus aus dem Club, aber Malte, der glücklich war, endlich mal mit Aussicht auf Erfolg mit einem Mädchen zu flirten, sträubte sich.

„Was’n los?“

„Erklär ich dir später, bitte komm jetzt.“ Er blickte sich gehetzt um. Wirre Gedanken rasten durch sein Hirn. Himmel, Vampire, die gibt es doch gar nicht? Was ist, wenn der Typ uns folgt? Der wird mich umbringen.

Malte wollte noch unbedingt die Nummer des Mädchens ergattern und zögerte, bis er merkte, dass sein bester Freund wirklich panisch an ihm zerrte.

„Ist ja gut, ich komm ja schon.“

Auf dem Weg zum Auto atmete Sebastian heftig ein und aus, er stand kurz vorm Hyperventilieren.

„Der Russe … beim Chillen … ich kam da um die Ecke im Keller… da hat der `n Typen gefickt …“

„Und deswegen machst du so ein Theater? Es soll auch schwule Russen geben.“ Malte schüttelte verblüfft den Kopf. „Grade du bist doch sonst nicht so verklemmt.“

„Er hat … nicht nur gefickt.“ Sebastians Worte kamen immer noch stoßweise.

„Hm?“

„Hab die beiden beim Sex gesehen, und wie der Russe den anderen in den Hals gebissen hat. Und sein Blut getrunken hat.“ Sebastian keuchte immer noch und zerrte Malte zum Auto.

„Spinnst du? Was guckst du denn zwei Typen beim Vögeln zu? Macht dich das an?“ Malte realisierte etwas verspätet den zweiten Teil. „Was – Blut getrunken? Hast du Hallus? Irgendwelche Pillen eingeworfen? Reichte der Joint nicht?“

„Vergiss den Joint und die Pillen. Seine Augen waren wie von einem Raubtier. Ganz rot und seine Zähne, mit denen hat er den anderen in den Hals gebissen. Und ihn dabei gevögelt.“

„Die Zähne waren rot?“, fragte Malte ungläubig.

„Seine Augen! Nicht seine Zähne. Doch, die auch. Wegen dem Blut. Und er wusste, was ich gedacht habe. Er hat bemerkt, dass ich ihn beobachtet habe. Irgendwie habe ich seine Stimme im Kopf gehabt. Er wollte, dass ich zu ihm komme. Bestimmt wollte er mich ficken und beißen.“

Mittlerweile waren sie an Sebastians Golf angekommen, friedlich und verwaist stand das schwarze BMW-Cabrio daneben. Sebastian schloss sein Auto auf und wollte sich ans Steuer setzen, als Malte um den Wagen herumkam und fordernd die Hand ausstreckte.

„Was?“ Sein Freund blickte irritiert.

„Was auch immer du genommen hast, ich fahre. Und morgen kannst du dein Auto abholen, wenn du nicht mehr zugedröhnt bist.“

„Kann ich bei dir pennen?“ Sebastian blickte gehetzt um sich und zitterte am ganzen Körper. „Ich will nicht allein nach Hause!“

Malte machte sich allmählich Sorgen. So außer sich hatte er seinen Kumpel noch nicht einmal erlebt, wenn der wieder einmal mit seinem bigotten Vater aneinandergeraten war.

„Meinetwegen, fahren wir zu mir. Wenn es sein muss, lese ich dir auch noch eine Gutenachtgeschichte vor“, knurrte er. „Da lern ich endlich mal wieder was Süßes kennen und mein Freund wird hysterisch, weil er irgendwelche Hallus hat. Harrach, ich hab so was von gut bei dir, das kannst du in diesem Leben gar nicht wieder ausbügeln. Erst schleppst du mich zu dieser Party und dann kannst du nicht schnell genug wieder weg.“

Nachdem sie das Industriegebiet hinter sich gelassen hatten, atmete Sebastian erleichtert aus. Während der Fahrt blickte er aber immer wieder nach hinten, um zu sehen, ob ihnen ein Auto folgte. Kopfschüttelnd, aber kommentarlos beobachtete Malte das Verhalten seines besten Freundes, der sich nur langsam beruhigte.

Als sie in der Einfahrt seines Zuhauses ankamen, betätigte Malte den Sender und das Tor schwang auf. Langsam fuhr er die Einfahrt hoch und stellte das Auto ab.

„Komm schon, ich bin müde.“

Sie schlichen leise in Maltes Zimmer, wo Sebastian sich erschöpft auf das Gästebett fallen ließ, das Malte schnell aufgebaut hatte. Er blickte seinen Freund etwas kläglich an, nuschelte „Danke“ und wollte sich zum Schlafen ausstrecken.

„Wenn du glaubst, dass du in Lederhose, geschminkt und mit Stiefeln hier schläfst, dann hast du dich aber geschnitten. Ab ins Bad und dann runter mit den Klamotten. Du kannst was von mir für die Nacht haben. Aber so gehst du mir nicht ins Bett.“

Malte schüttelte den Kopf und schob Sebastian ins angrenzende Bad, wo dieser sich bis auf die Shorts auszog und die Schminke aus dem Gesicht entfernte. Er fand die Zahnbürste, die er immer benutzte, wenn er bei Malte übernachtete. War in den vielen Jahren ihrer Freundschaft ja oft genug vorgekommen.

Als sie dann endlich im Bett lagen, döste Malte sofort weg. Sebastian hingegen konnte nicht einschlafen und dachte immer wieder über das Erlebte nach. Irgendwann kam er zu dem Schluss, dass das nicht sein könne, dass er sich einfach getäuscht haben musste, und verbannte das Erlebte in den hintersten Winkel seines Hirns. Schwule russische Vampire – so ein Blödsinn. Die Pillen waren bestimmt gefaked, irgendwas anderes, kein XTC.

Am nächsten Vormittag wachten die beiden spät auf und Malte blickte seinen Freund prüfend an.

„Na, wieder nüchtern? Runter von dem Trip?“, erkundigte er sich bei seinem Kumpel, der ziemlich verkatert aussah und sehr verlegen antwortete: „Schlumpf, ich schwörs dir. Irgendwas war mit den Pillen. Das war ein Horrortrip, ich versteh das selber nicht. Mir dröhnt der Kopf ja jetzt noch.“

„Ok, vergessen wirs. Gehen wir frühstücken. Aber für‘s Protokoll, ich hab was gut bei dir. Und das werd ich auch eintreiben, verlass dich drauf!“

„Jaja!“

„Jaja heißt leck mich am Arsch! Ich meine das ernst. Hast du überhaupt gesehen, was das für eine Süße war, die ich da kennengelernt hab? Und dann kommst du und zerrst mich wegen eines schwulen Vampirs weg. So eine Blamage! Peinlicher geht’s ja wohl nicht!“

Sebastian wurde rot. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dir die Tour vermasselt habe.“

Die beiden gingen ins Esszimmer, um zu frühstücken.

„Meine erste Chance seit langer Zeit und mein bester Freund macht sie mir kaputt“, bauschte Malte es theatralisch etwas auf. In dem Augenblick kam Maltes Vater um die Ecke.

„Hört sich gut an“, meinte Malte. „Was sollen wir machen?“

„Ein paar Funktionserweiterungen von Skyrim[1] funktionieren nicht so wie sie sollen. Wir sollen das überprüfen und beheben, nächste Woche ist irgendwo eine Games Convention“, erklärte sein Vater. „Deswegen ist es auch so eilig, die Firma möchte schlechte Presse vermeiden, es gab anscheinend schon ein paar Beschwerden und auf der Con möchte man das Update präsentieren.“

Sebastian stand auf, dankte fürs Frühstück und fuhr nach Haus zurück. Den Zwischenfall im Sodom hatte er schon fast vergessen.

„Schön, dass du den Weg nach Haus noch kennst“, empfing ihn sein Vater ironisch. Er war gerade aus der Messe gekommen. „In diesem Aufzug am Sonntagmorgen durch die Stadt zu fahren?“

„Ich hab doch gesagt, wo ich hinwollte, es war spät, da hab ich dann bei Malte übernachtet“, rechtfertigte sich Sebastian genervt. „Und überhaupt, was soll das? Ich bin neunzehn und es ist Wochenende!“

Sein Vater blickte etwas mürrisch.

„Hör zu, am Abend erwarten wir Besuch. Ich habe Gäste eingeladen. Ein Investor aus Osteuropa, der vielleicht hier tätig werden will. Sie kommen zum Essen. Er hat einen jüngeren Cousin in deinem Alter, soweit ich informiert bin. Nach dem Essen will ich mit dem Investor besprechen, was er vorhat. Könntest du dich um den Jungen kümmern?“

„Maltes Vater braucht uns aber noch wegen eines Jobs, er hat überraschend einen Auftrag bekommen, ich wollte am Nachmittag rüber und an dem Projekt arbeiten.“

„Es ist Sonntag, der Tag des Herrn! Da wird nicht gearbeitet!“, entgegnete sein Vater aufgebracht.

„Ach? Und was planst du für den Abend? Hört sich für mich nach einem Arbeitsessen an. Geschäfte besprechen, Investoren informieren, ein gut katholischer Sonntagabend sieht anders aus, oder?“

„Wenn das klappt, siedelt sich hier eine neue Spedition an und das bedeutet rund hundert Arbeitsplätze für Plauen.“

„Gar nicht zu reden von den Einnahmen aus dem Verkauf der Grundstücke, die sicherlich wieder über das Maklerbüro meiner lieben Brüder laufen? Und die Werbung für deine Kandidatur erst!“ Sebastian blickte seinen Vater spöttisch an, der immerhin den Anstand hatte, etwas verlegen zu werden.

„Na schön, ich werde heute Abend zusammen mit euch essen und rede mit dem Neffen deines Investors. Er kann ja mitkommen zu Malte und wir testen dann das Programm noch weiter, während ihr eure Geschäfte macht.“

Sein Vater drehte sich um und wollte in sein Arbeitszimmer gehen. „Essen ist um 18 Uhr. Sei pünktlich, und wenn es im Bereich des Möglichen liegt, wäre eine vielleicht weniger auffällige Erscheinung angebracht?“ Er musterte seinen Sohn demonstrativ, der immer noch in Lederhose und transparentem Shirt steckte.

„Ich wollte mich sowieso umziehen, bevor ich arbeite.“

„Dann ist ja gut.“ Stadtrat Harrach verschwand in seinem Büro, die Tür schloss sich. Aus der Küche blickte Sebastians Mutter zu ihrem jüngsten Sohn. Leise winkte sie ihn zu sich und flüsterte ihm etwas zu: „Sophie hat angerufen und lässt dich grüßen. Es geht ihr ganz gut.“

Seine Miene hellte sich auf. Seine große Schwester und die beiden kleinen Neffen waren der einzige Lichtblick in der Familie. Sophie bot ihrem Vater Paroli, wenn der zu seinen Tiraden anhub, und war ein weiterer Dorn im Fleisch von Ayatollah Torquemada, auch Sophie verwendete den Spitznamen, unter dem sein Vater bekannt war. Sie hatten sich heftig gestritten und den Kontakt endgültig abgebrochen, nachdem Sophie von ihrer Krankheit erfahren hatte.

Sebastian fühlte immer noch Wut in sich aufsteigen, wenn er daran dachte. Er war ein paar Tage nach Sophies Anruf nach Bonn gefahren und hatte seine Schwester besucht, dabei zum ersten Mal den Vater und dessen Lebenspartner kennengelernt. Die beiden waren nett. Sophie ging es ganz gut, seinen kleinen Neffen ebenso und sie schien gut versorgt zu sein. Nach drei Tagen war er deprimiert wieder nach Hause gefahren, während der Fahrt waren ihm häufig die Tränen gekommen. Und er fühlte sich hilflos.

Jetzt war er wieder zuhause und wurde von seinem Vater für dessen Geschäfte eingespannt. Er ging in sein Zimmer und griff dort zu Jeans und einem schwarzen Kapuzenshirt, um ins Bad zu gehen.

Als sein Blick auf die Metallstange mit den Handtüchern fiel, erinnerte er sich an andere Stangen. An die Gitterstäbe im Club, an denen der blonde Junge gehangen hatte. Sebastian rätselte kurz über das, was davon wohl wirklich passiert war. Er verscheuchte die Gedanken an die Fangzähne und roten Augen schnell wieder, aber der Sex der beiden Kerle ging ihm nicht aus dem Kopf, denn das hatte heiß ausgesehen und ihn schon im Sodom nicht kalt gelassen.

Unwillkürlich fragte er sich, wie es wäre, so einem anderen Mann ausgeliefert zu sein. Er stellte sich vor, selbst so dort gestanden zu sein. Gefesselt und dem Willen des anderen ausgeliefert, mit verbundenen Augen, Hände, die seinen Körper streichelten, zwischen seinen Beinen spielten, seinen Po massierten, eine Zunge und warme Lippen auf seiner Haut. Außerdem noch vor Publikum, ein dritter der zusah.

Die Gedanken erregten ihn und führten zu einem Wechselbad an Gefühlen, das er so noch nicht erlebt hatte. Heiß und kalt lief es ihm den Rücken runter, im Bauch tobte etwas herum, was die letzte LoveParade zu einem Spaziergang werden ließ und er bekam eine steinharte Erektion. Glücklicherweise stand er unter der Dusche und konnte sich Entspannung verschaffen, was er auch genussvoll tat, bis er in einem heftigen Orgasmus kam. Danach setzte er sich unter den heißen Wasserstrahl und dachte nach.

Basti, du hast bis jetzt einfach nur das falsche Wild im Visier gehabt. Kein Wunder, dass du immer mit Malte zusammenhängst. Und du hast auch keinen mangelndem Sexualtrieb, du findest Mädchen einfach nur nicht heiß. Wenn man als Mann Sex mit einem Mann haben will, dann ist man schwul. Du willst das, und der Gedanke daran macht dich spitz wie Nachbars Lumpi. Und was jetzt? Scheiße, wenn Vater rauskriegt, dass ich schwul bin. Ich hör ihn schon predigen, den ganzen Sermon aus dem Alten Testament.

Als er aus der Dusche kam, trocknete er sich ab und griff zu seinen Klamotten. Er zog sich an und machte sich wieder auf den Weg zu Malte. Auf der kurzen Fahrt grübelte er weiter. Die Vampirgeschichte schob er endgültig auf Wechselwirkungen zwischen dem XTC, dem Joint und irgendwelchen Erinnerungsfetzen aus ihren Programmen. Was sollte das auch anderes gewesen sein? Er schwor sich, künftig besser aufzupassen.

Aber irgendwie will ich noch einmal zu so einer Party, vielleicht gibt es da noch andere heiße Typen und Gelegenheiten. Bloß, wie krieg ich Malte dazu? Und wo gibt es solche Partys noch?

Sein bester Freund war für vieles zu haben, aber ob er zu schwulen Partys mitkommen würde? Malte konnte nicht besonders gut tanzen, Mädels gab es da bestimmt nicht und sich dann im Zweifelsfall noch der Anmache anderer Jungs erwehren zu müssen, das wäre etwas viel verlangt. Sein Freund sah gut aus, auch wenn er manchmal etwas ungeschickt war mit Mädchen. Sebastian kicherte bei dem Gedanken, als er sich vorstellte, wie Malte im Mittelpunkt des Interesses ein paar schwuler Jungs stünde. Sein Kumpel war so hetero, dass er es wohl erst bemerken würde, wenn ihm ein Kerl die Zunge in den Hals steckte. Sebastian musste laut lachen, als er sich das bildlich vorstellte. Naja, für den Moment nicht so wichtig, erst einmal hieß es, die anstehenden Programmierarbeiten zu erledigen.

Als er wieder beim Haus seines Freundes ankam, war der Kurier bereits angekommen und Maltes Vater hatte die neueste Skyrim-Variante in einer Testumgebung installiert. Sie öffneten den Quellcode und begannen mit den Arbeiten an den Add-ons. Sicherheitshalber hatte sich Sebastian eine Terminerinnerung ins Handy gespeichert, wenn er arbeitete, vergaß er alles um sich herum, auch die Zeit.

„Muss los, Ayatollah Harrach erwartet Gäste“, brummelte Sebastian. „Ich spiele den Babysitter für den Neffen eines Investors, während über Grundstücksgeschäfte gesprochen wird. Eventuell kommen wir nachher vorbei und testen das Spiel ein paar Runden lang?“

„Ok, ruf an, wenn ihr mit dem Essen fertig seid und noch kommt“, verabschiedete ihn sein Kumpel.

Sebastian nickte fröhlich und machte sich auf den Heimweg. Er kam keinen Augenblick zu früh, denn kurz nach seinem Eintreffen klingelte es an der Haustür, während er sich gerade noch umzog.

Schwarze Jeans, rotes Shirt, das muss reichen. Ist schließlich kein Staatsakt, wenn der Herr Stadtrat Gäste hat, dachte er sich und ging pfeifend die Treppe hinunter in Richtung Esszimmer. Einer der beiden angekommenen Gäste stand mit dem Rücken zu ihm am Treppenabsatz. Sebastians Blick fiel auf im Licht matt glänzendes schwarzes Leder und er grinste in sich hinein. Himmel, wer trägt denn sowas? Eine Lederhose in Schlangenlederoptik? Was für ein Proll.

„Und das ist mein jüngster Sohn Sebastian. Er hat gerade sein Abitur gemacht und will im Herbst mit einem Informatik-Studium beginnen“, stellte ihn sein Vater vor. „Sebastian, das ist Cosmin, der Cousin von Ioan Radulescu.“

Die Lederhose drehte sich um und Sebastian schnappte erschrocken nach Luft. Ganz in schwarz gekleidet, Sonnenbrille in die Haare geschoben, schwarzes Shirt, schwarze Lederhose und ebensolche Stiefel, stand vor ihm der Fahrer des BMWs. Der Cousin, das war eindeutig der Typ, der in dem Nebenraum der Chillzone des Sodoms den anderen Typen gefickt und gleichzeitig gebissen hatte.

Cosmin kam lächelnd auf Sebastian zu. Sie waren sich so nah, dass er seinen warmen Atem im Gesicht spüren konnte. Der etwas größere Cosmin stand mit dem Rücken zu den Harrachs und seinem Cousin, sodass nur Sebastian sein Gesicht sehen konnte.

„Schön, dass wir uns kennenlernen.“ Er ergriff Sebastians Hand. „Ich hatte schon Angst, ich müsste nach dem Essen Ioans grandiosen Geschäftsideen lauschen, Investitionspläne, Arbeitsmarktzahlen und Rentabilitsprognosen anhören. Aber dann können wir uns nach dem Essen unterhalten, ich würde gern die Gegend hier ausführlicher kennenlernen. Das Plauener Nachtleben soll ja spannend sein.“

Dabei blickte er Sebastian an und drückte seine Hand in einer Weise, die dieser nur als Warnung auffassen konnte. Er öffnete ganz leicht seinen Mund und Sebastian beobachtete, wie sich vier lange Fangzähne aus dem Kiefer schoben, gleichzeitig blickten ihn leuchtend rote Augen an. Cosmins Lippen formulierten ganz leise ein drohendes Sag ja, sonst … und Sebastian lief es eiskalt den Rücken runter. Dann sah ihn Cosmin wieder mit einem normalen Gesichtsausdruck an.

„Ja sicher, ich hatte vor, nach dem Essen zu einem Freund zu fahren, mit dem ich an einem Spiele-Projekt arbeite. Wir sollen neue Funktionen implementieren und testen.“ Sebastian verhaspelte sich beinahe und war völlig durcheinander, als er so plötzlich mit dem Albtraum aus dem Sodom konfrontiert wurde.

„Fein, dann nimm Cosmin doch mit, wir rufen dich dann an, wenn wir mit der Besprechung durch sind.“ Der Stadtrat blickte in das Esszimmer, wo seine Frau mittlerweile die Vorbereitungen des Essens abgeschlossen hatte und ihm zunickte.

„Ah, wie ich sehe, ist das Essen auch schon fertig. Wollen wir dann?“ Die Familie und ihre Gäste begaben sich in das Esszimmer und nahmen an dem langen Esstisch Platz, der früher einmal im Refektorium eines aufgelösten Klosters gestanden hatte. Cosmin setzte sich neben Sebastian und dieser stöhnte innerlich. Sein Vater sprach das Tischgebet und die Lippen der Gäste bewegten sich mit.

Das kann doch wohl alles nicht wahr sein. Mein Vater macht Geschäfte mit einem Vampir, nein mit zwei Vampiren, und lädt die zum Essen ein. Wieso essen die eigentlich? Vampire trinken doch nur Blut? Er wagte es kaum, zu seinem Tischnachbarn rüberzublicken, der in seinem Essen herumstocherte und sich auch nur sehr wenig genommen hatte. Aber er aß eindeutig und er ließ nicht erkennen, dass es ihm nicht schmeckte. Zumindest tat er so. Auch der andere Vampir gab den zufriedenen Gast und machte Sebastians Mutter Komplimente wegen des Essens. Ich bin in einem schlechten Film, fuhr es Sebastian durch den Kopf, ganz eindeutig, in irgendeinem Drink waren Drogen drin. Dabei habe ich doch so aufgepasst und meine Cola nie aus der Hand gegeben. Sebastian kannte die Gerüchte, wonach in manchen Clubs den Gästen K.O.-Tropfen in die Getränke gekippt wurden, um sie dann später auszurauben oder zu vergewaltigen. Oder Wechselwirkungen mit dem XTC. Das muss es sein. Ich liege in meinem Bett und das ist alles nur ein Horrortrip. Gleich wache ich auf.

„Du bist wach“, erklang leise eine Stimme an seinem Ohr. Cosmin hatte sich zu ihm gebeugt und es ihm leise ins Ohr geflüstert. Sebastian fiel vor Schreck die Gabel aus der Hand, doch bevor sie auf den Teller klirren konnte, fuhr blitzschnell Cosmins Hand dazwischen, fing die Gabel auf und drückte sie Sebastian wieder in die Hand. Der wurde noch blasser, denn er blickte in das Gesicht des Vampirs und da sah er ein fieses breites Grinsen. Anscheinend machte dem die Situation Spaß.

Gedanken lesen kann der auch, fuhr es Sebastian durch den Kopf und er sah, wie Cosmin ihm zunickte. Gut erkannt, hörte Sebastian plötzlich eine Stimme zwischen seinen Gedanken. Er hatte unwillkürlich das Bild von Cosmin vor Augen, wie er den Kerl fickte und in den Hals biss. Da fuhr ihm plötzlich ein siedendheißer Schmerz durch die Stirn und er stöhnte leise. Das bildest du dir ein, das ist niemals passiert. Der Gedanke kam eindeutig von Cosmin.

Und ob das passiert ist. Ich weiß doch, was ich gesehen habe. Du hast einen Kerl gefickt und Spaß dabei, setzte Sebastian wütend die gedankliche Diskussion fort.

Es war ein Mädchen, vernahm er die wütende Antwort. Und wieder dieser Kopfschmerz. Denk an was anderes, wenn dir dein Leben lieb ist und du weiterhin Computerspiele programmieren willst.

Sebastian wurde übel von den Kopfschmerzen, er stand schwankend auf und murmelte, dass er gleich wieder da sei. Er ging ins Bad, seine Augen tränten und er spritzte sich mit der hohlen Hand etwas Wasser ins Gesicht. Langsam ging es ihm besser. Kein Wunder, die Ursache der Kopfschmerzen ist ja auch nicht in Reichweite.

Täusch dich da mal nicht, erklang drohend eine Stimme in seinen Gedanken.

Raus aus meinem Kopf, Vampirschwuchtel! Sebastian wurde stocksauer. Wieder setzte der Kopfschmerz ein.

Mein Cousin kann noch ganz andere Sachen, wenn der deine Gedanken mitbekommt. Denk an was anderes, wenn dir dein Leben lieb ist, erklang einmal mehr Cosmins Stimme in seinem Kopf. Der Kopfschmerz ließ nach.

Also gut. Geht mich ja auch nichts an. Aber lass mich in Ruhe.

Der Kopfschmerz war weg und Sebastian fühlte sich wieder besser. Er kehrte zurück in Esszimmer und nahm wieder am Tisch Platz. Seine Mutter blickte ihn besorgt an.

„Nur ein bisschen Kopfschmerzen. Noch von gestern, von der Party, ich vertrage den Zigarettenqualm einfach nicht.“

Ein missbilligender Blick seines Vaters, der es natürlich nicht lassen konnte, noch einen Kommentar dazuzugeben.

„Ich hätte den Schuppen schon längst schließen lassen, wenn es nach mir ginge. Dieser Club zieht Gesindel aus ganz Sachsen an. Drogenabhängige, Perverse, Teufelsanbeter. Der ganze Bodensatz der Gesellschaft trifft sich da.“

Besser als Junge Union, christliche Pfadfinder und deine Jesus-und-Maria-Soldateska, fügte Sebastian in Gedanken hinzu, bevor er parierte.

„Ich trinke kaum Alkohol und rauchen tu ich auch nicht. Und den Teufel bete ich auch nicht an. Ich mag die Musik, gehe gern tanzen und gestern war ich mit Malte im Sodom. Malte ist auch nicht schwul, also auch nicht pervers, wir haben nur die Musik genossen und etwas getrunken. Um drei Uhr waren wir im Bett, ich war zu müde, um noch zu fahren. Was ist daran auszusetzen?“

„Da gibt es Hinterlader, Widernatürliche, ich will nicht, dass mein Sohn sich da rumtreibt.“ Peter Harrach kam in Fahrt und setzte an zu seinem Lieblingsthema, den wahren Werten der Familie, dem allgemeinen Werteverfall und der Bedrohung der Gesellschaft durch die Schwulen. Der Rest der Familie kannte diese Litanei zur Genüge und lehnte sich zurück. Sebastian beobachtete die beiden Gäste. Ioan Radulescu verfolgte aufmerksam die Tirade des Stadtrates und nickte hier und da zustimmend. Cosmin saß mit zusammengepressten Lippen am Tisch und ließ keine Regung erkennen.

Nachdem sein Vater den Anti-Homo-Sermon beendet hatte, ergriff Ioan Radulescu das Wort und dankte dem Stadtrat für dessen klares Bekenntnis zu den einzig wahren Werten der Gesellschaft.

„In meinem Land macht man mit solchen Elementen kurzen Prozess, das ist dann eine heilsame Lehre für alle. Nicht wahr, Cosmin?“, äußerte sich der ältere Vampir mit kalter Stimme.

„Ja, du hast natürlich recht.“ Cosmin ließ durch nichts erkennen, was er dachte.

„Es wird immer schlimmer, darauf haben Kardinal Antonelli, der vatikanische Familienminister, und der Bischof von Córdoba hingewiesen. Der Vatikan hat schon 2011 aufgedeckt, dass selbst die UNESCO Pläne hat, innerhalb der nächsten zwanzig Jahre die Hälfte der Menschheit homosexuell zu machen. Das muss man sich mal vorstellen, eine Organisation, die die Jugendbildung verbessern soll, verdirbt Jungen und Mädchen. Wider die Natur sollen Jugendliche sich ihr Geschlecht wählen können. Was soll das werden, werden junge Männer dann schwanger?“, lachte der Stadtrat verächtlich. „Sebastian, planst du, mich dann zum Großvater zu machen?“

„Nur wenn ich den richtigen Mann fürs Leben finde. Und Kinder will ich nur nach der Heirat“, kommentierte Sebastian ironisch und stand auf. Er sah auf die Uhr. „Ich muss Malte noch anrufen, ob ich gebraucht werde. Bin gleich wieder da.“ Schnell verließ er das Esszimmer, ging in sein Zimmer und suchte sein Smartphone. Er wählte Maltes Nummer und wartete darauf, dass sein Kumpel dranging. Leider sprang nur die Mailbox an und Sebastian hinterließ eine Nachricht. „Ruf zurück, wenn du fertig bist. Der Russe, ich meine, der Vampir von gestern, also diese Vampirschwuchtel, der aus dem Sodom, der sitzt unten bei uns und ist am Essen. Und ich spinne nicht!“

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