Unterricht beim Dschinnenmeister

Am nächsten Morgen erwachte Sebastian, als ihn ein Sonnenstrahl an der Nase kitzelte. Er richtete sich auf. Das Bett neben ihm war leer. Auf dem Kopfkissen fand er eine Nachricht.

Hagen Ulrich - Band 3 Jagd der Vampire

Hagen Ulrich – Band 3 Jagd der Vampire

Hey Langschläfer! Ich bin mit Kostja auf einer Besichtigungstour und schaue mir die Hotels der Bucharis an.

Ich werde erst am Abend zurück sein. Denk dran, dass Malte und du heute zu Abdulaziz Al-Zoman geladen seid. Schmeiß also Malte aus dem Bett, geh mit ihm frühstücken und lasst euch dann zu dem alten Scheich bringen.

C.

„Langschläfer“, murmelte er und sah auf die Uhr. „Es ist noch keine neun Uhr. Kann ich was dafür, dass du an präseniler Bettflucht leidest?“

Sebastian krabbelte aus dem Bett und ging ins Bad, um die letzten Spuren der Nacht zu entfernen. Cosmin hatte diverse Utensilien ihrer Aktivitäten schon weggeräumt und Sebastian grinste, als er seinen Halsreif fand. Einen Moment überlegte er, ob er ihn anlegen sollte, entschied sich aber dagegen.

Für den Unterricht vielleicht nicht so ganz angemessen, und bevor ich diesem ollen Scheich erklären muss, weshalb ich das trage … Nee, lieber nicht. Außerdem ist da noch dieser doofe Ring, den ich ja dem Scheich zeigen soll.

Danach zog er sich an und machte sich auf den Weg zu Malte. Wie erwartet, pennte der noch tief und fest. Malte lag quer über dem Bett, ein Bein baumelte heraus und mahlende Geräusche ertönten. Er knirschte im Schlaf mit den Zähnen.

„Schlumpf! Wach auf!“

„Lass mich“, kam es schläfrig unter der Decke hervor. „Ich will noch schlafen.“

„Nix da, du musst aufstehen. Erstens gibt es Frühstück und zweitens haben wir eine Verabredung mit nem Scheich, der uns was erzählen soll. Also raus mit dir aus dem Bett!“

„Du bist schon genauso ein Sklaventreiber wie Cosmin“, murrte es vom Bett. „Ich komme ja schon.“

„Außerdem hast du wieder mit den Zähnen geknirscht.“

„Ja und? Bist du meine Mutter?“, sagte Malte, setzte sich auf die Bettkante und gähnte. „Oh Mann, dieses frühe Aufstehen ist nichts für mich.“

„Es ist nach neun Uhr!“

„Sag ich doch. Mitten in der Nacht“, sagte Malte und grinste. „Okay, ich komme gleich.“

„Ich bin dann unten beim Frühstück“, sagte Sebastian und verließ Maltes Zimmer. „Vergiss dein Laptop nicht“, rief er vom Flur.

„Es hat wirklich einen Vorteil, dass den Bucharis ein paar Hotels gehören“, meinte Malte und schob sich ein Stück Toast in den Mund, auf dem er eine bedenkliche Menge Omelette untergebracht hatte. „Das Frühstücksbuffet ist wirklich Wahnsinn. Was liegt denn an heute?“

„Cosmin hat mir einen Zettel hingelegt. Wir haben gleich einen Termin bei einem Scheich.“

„Wenn ihr Schlafmützen endlich fertig seid mit dem Frühstück“, sagte Mounia honigsüß hinter Malte, „dann bringe ich euch zu Scheich Abdulaziz Al-Zoman. Das ist der Dozent für Dschinnen und Dschinnenmagie. Lalla Sara hat ihn gebeten, euch zu unterrichten.“

„Boah, musst du dich immer so anschleichen?“, keuchte Malte. Dramatisch griff er sich ans Herz. „Wenn ich zwanzig Jahre älter wäre, würde mich der Schock ins Grab bringen.“

„Bist du aber nicht. Und dein Herz ist völlig gesund, ich höre, wie es das Blut in den Adern rauschen lässt. Schönes Geräusch, ich liebe es!“, gurrte Elias Schwester. „Ich warte im Garten auf euch. Bis gleich.“

„Basti, das ist doch gruselig“, sagte Malte kopfschüttelnd, als sie sich umdrehte und zum Ausgang schritt. „Vampire! Die steht auf den Sound of Blood!“

„Wenn es ihr Spaß macht?“

„Sie ist eine ehrbare Mutter mit einem Kind und einem Ehemann. Aber ich wette, sie steht auf mich.“ Malte beugte sich über den Tisch und flüsterte: „Das macht sie nämlich andauernd. Verfolgt mich und erschreckt mich. Ich warte auf den Tag, wo sie mich unter der Dusche oder im Bett … Aua!“

Mounia war blitzschnell zurückgekehrt und hatte ihm einen Schlag in den Nacken verpasst.

„Siehst du, sie tut es schon wieder!“, seufzte Malte und Mounia verdrehte die Augen, als Sebastian kicherte.

„Oh nein, ich halt mich da raus“, sagte er. „Mich ziehst du da nicht mit rein. Auf gar keinen Fall!“

„Da gibt es auch nichts, in das er dich hineinziehen könnte. Er hat irgendwelche Einbildungen. Ihr nehmt doch nicht irgendwelche Drogen?“, fragte Mounia. „Können wir dann endlich? Es ist unhöflich, Abdulaziz Al-Zoman warten zu lassen.“

„Drogen? Höchstens mal beim Clubbing. Und hier ist weit und breit kein Klub, in dem man mal ein bisschen abhängen könnte“, nörgelte Malte. Dann hellte sich seine Miene auf. „Mensch, das ist überhaupt die Idee! Die Kasbah braucht einen Klub! Das ist doch die Wahnsinns-Location! Keine Nachbarn, die sich über zu laute Musik beschweren, und das in den alten Vulkangängen. Mounia, das wäre megacool!“

„Sebastian, hat Malte immer solche verrückten Einfälle?“, fragte Mounia genervt und verdrehte die Augen. „Ein Klub in der Kasbah! Das fehlte uns noch.“

„Wieso? Ist doch eine gute Idee? Ich kann Malte nur recht     geben.“

„Das ist mein Bro! Der versteht mich“, kommentierte Malte kauend. „Dann käme hier endlich mal Leben in die Bude! Immer nur diese langweiligen Wissenschaftler.“

„Ja, und Grandmère legt auf? Oder macht sie den Türsteher?“, fragte Mounia. „Werdet fertig, wir müssen los. Eure Laptops könnt ihr hinten verstauen.“

Hastig stopfte Malte sich das letzte Stück Croissant in den Mund und Sebastian leerte eilig den Kaffeepott, den er in der   Hand hielt.

„Also, Abdulaziz Al-Zoman ist ein bekannter Wissenschaftler, sehr würdevoll und sehr weise. Er weiß alles über Dschinnen und wird euch vollstopfen mit Geschichten über Marids und Ifrit, wie man sie beschwört und abwehrt, wo sie wohnen und was sie alles so machen.“

Vor dem Eingang der Kasbah stand einer der Jeeps und Mounia nahm am Steuer Platz. Ungeduldig winkte sie den beiden Jungs einzusteigen.

„So, das wär auch erledigt“, teilte Malte mit, als er etwas in sein Handy getippt hatte. „Wo fahren wir denn hin?“

Sebastians Handy piepste und er lachte, als er Maltes Eintrag auf ihrer Facebook-Seite las.

„Wir fahren in ein Seitental, dort steht das Haus, das von Scheich Abdulaziz Al-Zoman benutzt wird, wenn er zu Besuch ist“, antwortete Mounia. „Du schreibst auf Facebook? Was denn?“

„Wir haben für unsere Spielefirma dort eine Seite mit vielen Tausend Followern. Die wollen immer wissen, was wir entwickeln. Hab gepostet, dass wir zum Dschinnenmeister unterwegs sind.“

„Wirklich? Dschinnenmeister?“, fragte Mounia. „Du hast Dschinnenmeister geschrieben?“

„Ja, warum denn nicht?“

„Bin gespannt, wie wir seine Beschreibungen der Dschinnen grafisch umsetzen können“, überlegte Sebastian. „Was meinst du, Malte, so wie bei Aladin?“

„Nee, den blauen Dschinn kopiere ich nicht. Das ist doch langweilig. Ich will was Eigenes, keinen Disneyabklatsch. Mounia, das macht unsere Fans neugierig. Das sind Fantasyfans, die lieben das.“

„Aber du schreibst nichts über uns Bucharis?“ Mounias Stimme klang plötzlich kühl. „Du weißt, dass das nicht an die Öffentlichkeit darf. Menschen dürfen glauben, dass es Vampire gibt, aber sie dürfen es nicht wissen.“

„Ach? Hm, das hat mir aber keiner gesagt. Hätte ich das nicht veröffentlichen sollen?“, fragte Malte treuherzig.

„Das hast du nicht wirklich getan!

„Mounia, Malte hat nichts geschrieben, beruhig dich“, sagte Sebastian. „Wenn dem so wäre, wäre die Kasbah doch schon von TV-Teams belagert. Und wir hätten Ioan am Hals. Glaubst du ernsthaft, Malte würde so einen Blödsinn machen?“

„Basti, stell dir das einmal vor! Wir bringen ein neues Game raus und es wird von echten Vampiren präsentiert! Wär das nicht genial?“

„Zuzutrauen wäre es euch Konsolenkriegern“, sagte Mounia, während sie mit dem Jeep in einen unbefestigten Weg einbog. „Manchmal frage ich mich, ob Cosmin wirklich gut beraten war, euch am Leben zu lassen. Das ist typisch Mann, denkt immer nur mit seinem Schwanz!“

„He!“, brummte Sebastian und runzelte die Stirn. „Sprich gefälligst nicht so von Cosmin!“

„Genau!“, pflichtete Malte ihm bei. „Cosmin denkt überhaupt nicht so. Es ist außerdem ziemlich daneben, uns Männer immer nur auf Sex zu reduzieren.“

Mounia warf ihm einen schrägen Blick zu, schwieg aber.

„Deine kleine Tochter ist ja bestimmt auch nicht vom Heiligen Geist gebracht worden!“, sagte Malte.

„Nachdem Jan sich endgültig in Elias verliebt hat, hast du dir ganz schnell Kostja geschnappt. Und kaum ein Jahr später warst du schwanger“, sagte Basti. „Was ja wohl auch bei euch Vampiren durch Sex passiert. Und überhaupt ist Sex eine schöne Sache. Wenn also zwei oder drei Menschen oder Vampire Lust auf Sex haben, dann ist das deren Sache!“

Mounias Kopf schnellte herum und fixierte Malte. „Jetzt sag nicht, dass du mit Cosmin und Sebastian …?“

Bevor Malte antworten konnte, fauchte Sebastian los: „Mounia, das geht dich überhaupt nix an. Selbst wenn Cosmin und ich mit Malte, Ali und Micky eine Orgie veranstalten, wäre das unsere Sache. Also halt die Klappe!“

„Die Orgie würde jedenfalls ohne mich stattfinden“, murmelte Malte.

Der Wagen ruckelte über eine Buckelpiste. Das Schweigen im Wagen war sehr unbehaglich und dehnte sich wie die Wüste vor dem Fenster.

„Hast du schon etwas von Jan gehört?“, fragte Sebastian.

„Mach dir keine Sorgen um Jan. Einen Buchari-Vampir bringt so schnell nichts um“, sagte Mounia.

„Guck mal, Basti“, sagte Malte und hielt ihm sein Handy hin. „Da will jemand wissen, ob ‚Bezaubernde Jeannie‘ wirklich von einer Dschinni gespielt wurde.“

„Können wir den Scheich ja mal fragen“, meinte Sebastian.

„Wir sind da“, verkündete Mounia und hielt den Wagen vor   einem der Gästehäuser der Buchari-Stiftung an. „Dort wohnt Scheich Abdulaziz Al-Zoman, der Fachmann für Dschinnen, Besessenheit und Beschwörungen. Raus mit euch! Ich hole euch am Abend wieder ab.“

Malte wollte schon aussteigen, als Sebastian ihn aufhielt.

„Mounia!“, knurrte Sebastian. „Ich warte!“

„Worauf?“, fragte Elias Schwester.

„Eine Entschuldigung.“ Sebastians Augen funkelten böse.

„Ich soll mich bei dir entschuldigen?“

„Ja.“

„Und warum?“

„Weil du weißt, dass ich recht habe. Das war nicht nett und    außerdem weißt du, dass Cosmin nicht so ist. Bei dem, was er hinter sich hat, ist es gemein, ihm zu unterstellen, er sei nur auf Sex aus. Cosmin liebt mich und ich liebe ihn. Respektier das gefälligst!“

Malte beobachtete das Duell der Blicke. Sein Freund ließ nicht erkennen, dass er zurückweichen würde. Mounia wirkte etwas überrascht und nachdenklich. Schließlich nickte sie.

„Ich habe es nicht böse gemeint. Aber was hat er denn durchgemacht, dass du ihn so verteidigst?“

„Frag ihn das selber. Das ist seine Sache, und wenn er will, wird er es dir erzählen“, brummte Sebastian.

„In Ordnung, das werde ich machen. Aber bitte denk auch daran, dass unser Geheimnis nicht an die Weltöffentlichkeit gehört. Ich habe manchmal den Eindruck, dass ihr beide einfach nicht wisst, was da alles dranhängt.“

„Doch, Mounia“, versicherte Malte ungewohnt ernst, „das wissen wir sehr gut. Cosmins Cousin Ioan ist sehr brutal, was das betrifft. Aber vielleicht gehen wir etwas anders damit um, weil das unsere Art ist.“

„Manches kann man besser ertragen, wenn man es mit Humor betrachtet“, pflichtete Sebastian ihm bei. „Malte und ich haben Cosmin zuerst auch völlig falsch eingeschätzt, aber das hat sich bei mir“, er lächelte, „sehr geändert. Bei Malte noch schneller. Und Lalla Sara vertraut ihm, genauso wie Jan und Elias. Sie überlassen ihm sogar unsere beiden kleinen Neffen. Dann solltest du ihm nicht weniger vertrauen.“

„Also gut, Sebastian. Ich habe das jetzt wirklich verstanden“, sagte Mounia. „Du lässt nichts auf deinen Freund kommen.“

„Auf unseren Freund“, verbesserte Malte mit Nachdruck. „Prinz Reißzahn ist manchmal eine Nervensäge, aber ich weiß, dass er Basti liebt und es ehrlich meint. Du solltest froh sein, dass er auf unserer Seite ist und sich von Ioan Radulescu losgesagt hat.“

„Du also auch?“, staunte Mounia. „Gut, jetzt solltet ihr aber wirklich zu Scheich Zoman gehen. Man lässt seinen Lehrer nicht warten.“

„Ja, kommst du denn nicht mit?“, fragte Sebastian. „Wie sollen wir ihn denn überhaupt verstehen? Ich kann kein Arabisch und Malte auch nicht.“

„Er spricht einigermaßen passabel französisch und englisch. Grandmère meint, dass das ausreicht. Ihr sollt ja keine theologische Diskussion mit ihm führen, sondern euch von ihm etwas über Dschinnen erzählen lassen. Er ist der anerkannte Forscher für Dschinnen an der Al Azhar Universität in Kairo, und Lalla Sara hat ihn für drei Wochen eingeladen, damit er euch und anderen Studenten etwas beibringt.“

„Was für eine Universität? Wo ist die denn? Nie gehört“, sagte Malte. „Al-Az … wie spricht man das aus?“

„Al Azhar spricht man das aus. Mit einem weichen S“, sagte jemand neben dem Auto und die beiden Studenten rissen den Kopf herum. „Würdet ihr bitte hereinkommen? Es wird bald Mittag und dann ist es hier unerträglich heiß“, fuhr der Besitzer der Stimme fort.

„Ich hole euch am Abend ab, und wenn ihr euch den Weg     gemerkt habt, könnt ihr dann selber fahren“, verabschiedete sich Mounia. Als Malte und Sebastian ausgestiegen waren, gab sie Gas und brauste in einer Staubwolke davon.

Vor ihnen stand ein kleiner Mann mit einem dicken Bauch. Sein Kopf ging nahezu nahtlos in den Brustkorb über, ein Hals war gar nicht zu erkennen.

„As Salamu ’alaikum“, sagte er freundlich. „Ich bin Scheich  Abdulaziz Al-Zoman.“

„Tach auch. Ähhh …“, stotterte Malte. „Was haben Sie gesagt?“

„As Salamu ’alaikum“, wiederholte der Mann und betonte jede Silbe. „So begrüßt man sich unter Gläubigen, wenn man sich trifft. Sprecht es doch einmal nach.“

„As Salamu ’alaikum“, sagte Sebastian und der Scheich nickte. „Jetzt du“, wandte er sich zu Malte.

„As Saam ’alaikum“, sagte Malte.

Ihr Gastgeber schüttelte heftig den Kopf und gestikulierte mit den Händen. „Nein, nein, nein, so geht das nicht. So heißt es: Möge der Tod mit dir sein, und so sollte man niemanden begrüßen!       Du hast den Buchstaben lam vergessen. Probier es noch einmal.     As Salamu ’alaikum.“

„As Salamu ’alaikum“, wiederholte Malte gehorsam.

„Schon besser. Und darauf antwortet man wie?“

Malte und Sebastian zuckten ratlos mit den Schultern und der Scheich fing an, mit weit ausladenden Gesten zu erzählen: „Was sollen wir sagen, wenn wir von einem Nichtmuslim mit ‚As Salamu ’alaikum‘ gegrüßt werden? Die richtige Antwort ist: ‚Alles Lob gebührt Allah‘. Es ist nicht erlaubt, den Friedensgruß zu einem Nichtmuslim zuerst zu sagen. Der Prophet sagte: ‚Sagt nicht zuerst den Friedensgruß zu einem Juden oder Christen.‘ Wenn einer von ihnen sagt ‚As Saam ’alaikum‘ − was bedeutet, möge der Tod mit Euch sein − oder wenn es nicht klar war, ob sie ‚Salaam‘ oder ‚Saam‘ gesagt haben, dann wird mit: ‚Wa ’alaikum‘ geantwortet.“

Malte und Sebastian starrten den Wissenschaftler mit großen Augen an.

„Es ist überliefert, dass Ibn ’Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: ‚Der Prophet sagte: Wenn die Juden dich grüßen, indem sie sagen As Saam ’alaikum, dann antworte ihnen mit alaik.‘„

 Scheich Abdulaziz Al-Zoman watschelte vor ihnen her und dozierte weiter: „Wenn ein Nichtmuslim uns mit dem korrekten Schar’i Gruß grüßt, dann haben die Gelehrten differenziert, ob wir den Gruß zurückgeben müssen.“

Sie betraten das kleine Haus und er fuhr ohne Unterbrechung fort: „Ibn al-Qayyim, Allah möge ihm barmherzig sein, sagte: ‚Sie unterschieden, wann und ob es Pflicht sei, den Gruß zu erwidern.‘ Die Mehrheit sagte, dass es Pflicht sei und dies ist die korrekte Ansicht. Eine Gruppe von Gelehrten sagte, es sei nicht obligatorisch, ihren Gruß zu erwidern, ebenso, wie es nicht nötig sei, den Gruß derer, die der Bida’a folgen, zu erwidern. Aber die erste Ansicht ist die korrekte Ansicht. Der Unterschied ist, dass uns befohlen wurde, die Anhänger der Bida’a zu verlassen und sie scharf zu tadeln und andere vor ihnen zu warnen, was nicht der Fall ist mit Ahl-al-Dhimma. So steht es bei Zaad al-Mi’aad.“

Erwartungsvoll blickte er sie an. Als Malte und Sebastian stumm blieben, setzte er eifrig seine Ausführungen noch eine Zeit lang fort, bis Malte und Sebastian der Kopf von all den Zitaten nur so brummte.

„Also, was sagt man?“, beendete der Scheich seinen Vortrag und sah seine Besucher erwartungsfroh an.

Malte und Sebastian standen mit offenem Mund da und starrten ihren künftigen Lehrer fassungslos an. Schließlich klappte Malte den Mund zu.

„Sag, Basti, weshalb sind wir hierhergekommen?“, fragte er. „Wenn der so weitermacht und schon aus einer Begrüßung einen stundenlangen Vortrag über ein paar Worte macht, dann werden unsere Ferien nicht ausreichen.“

„Lalla Sara hat mir gesagt, Sie seien der Fachmann für Dschinnen?“, sagte Sebastian in einem sehr zweifelnden Ton und wandte sich an den Scheich. „Stimmt das wirklich?“

„Oh weh! Habt ihr Dschinnen erwähnt?“, sagte der Scheich mit dem Tonfall größten Bedauerns. „Habe ich mich etwa vertan? Welchen Tag haben wir heute?“

„Heute ist Mittwoch“, sagte Sebastian.

„Dann seid ihr ja gar nicht die Sprachschüler für den Arabischkurs. Wo habe ich bloß meinen Kopf?“, seufzte ihr Gastgeber. „Wartet mal, habt ihr eben Lalla Sara erwähnt?“

„Ja“, sagte Sebastian grinsend und ihr Lehrer rang wortlos die Hände. „Lalla Sara hat uns hierher geschickt, damit Sie uns etwas über Dschinnen erzählen. Also sind wir bei Ihnen doch richtig?“

Der Scheich nickte bekümmert. „Ich bitte um Entschuldigung, ich habe den Wochentag verwechselt und gedacht, ihr seid zwei Touristen, die wegen eines Sprachkurses kommen. Wisst ihr, ich muss gelegentlich Sprachkurse geben, der Dekan der Fakultät  verlangt das. Und ich versuche sie gleich zu Anfang wieder loszuwerden, weil es so ermüdend ist. Die jungen Männer wollen zuerst hören, was Geliebte auf Arabisch heißt und wie man die Herzen junger Mädchen erobert.“

Malte zuckte zusammen und errötete, als Sebastian ihn grinsend anstieß.

„Aber ihr seid ja wegen der Dschinnen zu mir gekommen. Dschinnen! Großartige Sache! Ganz was anderes, beim Barte des Propheten, ganz was anderes als irgendwelche dämlichen Liebesschwüre!“

„Können Sie uns etwas über Dschinnen und Dschinnenmagie erzählen?“, fragte Malte. „Das interessiert uns wirklich.“

„Alles! Alles, was ich weiß und was ich euch sagen kann!“, sagte der kleine Mann fast atemlos. „Lalla Sara al-Buchari hat mich eingeladen und das ist ja so erstaunlich, dass zwei deutsche Studenten sich für Dschinnen interessieren. Weshalb wollt ihr denn etwas über unsere Dschinnen wissen?“

„Also, Malte und ich, wir haben eine kleine Spielefirma“, sagte Sebastian vorsichtig und erklärte, worum es ihnen ging. Der Wissenschaftler lauschte mit Anteilnahme und unterbrach ihn nur gelegentlich mit einem „Maschallah“.

Am Ende schüttelte sich der Scheich vor Lachen. Viele Lachfältchen bildeten sich um seine Augenwinkel und er japste nach Atem. „Das ist köstlich, wenn ich mir das vorstelle. Marids, Quarinahs, Afarit und Ghoulas in einem Computerspiel! Und dafür seid ihr extra zu mir gekommen? Oh Allah! Ich habe viele Jahre zu Dschinnen geforscht und … Halt!“

„Was ist denn?“

Etwas ängstlich drehte sich der Wissenschaftler nach allen Seiten um und vergewisserte sich, dass sie allein waren. Dann rückte er ein Stück näher an die beiden jungen Männer heran und wisperte: „Ich muss euch etwas fragen, aber oh! … Es ist so schwierig. Es ist auch gefährlich!“ Er gab sich einen Ruck. „Glaubt ihr an Gott?“, platzte er heraus. „Seid ihr Muslime? Oder Christen? Ihr seid vermutlich Christen? Ich muss das wissen.“

„Warum müssen Sie das denn wissen?“, fragte Sebastian. „Das hat doch nix mit unserem Projekt zu tun.“

„Versteh ich auch nicht“, sagte Malte. „Wieso ist das denn so wichtig?“

„Oh, sagt das nicht! Viele der Autoren schrieben ihre Abhandlungen über Dschinnen und Beschreibungen der Orte, die madschnun[1] sind, wenn man es im Lichte des Glaubens betrachtet“, sagte Scheich Al-Zoman.

Basti schnaufte. „Pht, im Lichte des Glaubens, das kenne ich. Malte, ich weiß, was er meint.“

„Ja, das hört sich ganz nach deinem Vater an, solche Worte benutzt der doch auch immer.“

„Eben! Genau der gleiche Mist“, bestätigte Sebastian und blickte den Wissenschaftler unwillig an. „Wenn Sie glauben, dass wir uns irgendwie missionieren lassen, vergessen Sie es lieber gleich. Meine Familie hat mir so viel Religion eingetrichtert, das reicht für zehn Leben.“

„Ihr seid also nicht sehr gläubig?“, erkundigte sich der Wissenschaftler. Als Sebastian ihn finster ansah und mit dem Kopf schüttelte, breitete sich Erleichterung auf seinem Gesicht aus.

„Basti, ich glaube, dass er Sorge hat, die Dschinnenforschung könnten unsere religiösen Gefühle verletzen“, vermutete Malte und Sebastian prustete los. „Ist es das? Wirklich?“

Der Wissenschaftler nickte zögernd. „Ihr glaubt ja gar nicht, wie schwierig es heutzutage ist, über Dschinnen und Magie zu forschen. Ständig läuft man Gefahr, von der Religionspolizei der Schwarzen Magie und Zauberei verdächtigt zu werden oder, noch schlimmer, den Propheten oder den Glauben zu beleidigen. Ihr seid also …?“

„Wir sind gekommen, um etwas über Dschinnen, orientalische Mythen und Magievorstellungen zu lernen, und sonst gar nichts“, sagte Malte.

„Religionspolizei? Wenn mein Vater hört, dass es sowas gibt, dann weiß ich schon, was er als Nächstes fordern wird“, schnaufte Sebastian. „Sowas fehlt mir noch!“

„Hm, Basti, ich weiß nicht, die Idee dazu sollten wir aber im Hinterkopf behalten. Stichwort Inquisition, Religionspolizei, daraus kann man etwas machen. Ich notier es mir auf jeden Fall.“

„Meinst du?“

„Ach, das ist eine Wohltat.“ Der Scheich strahlte wieder über das ganze Gesicht. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Amulette ich hergestellt habe gegen Besessenheit. Oder als Schutz vor Dschinnen. Als Lalla Saras Einladung eintraf, konnte ich es zunächst gar nicht glauben. Es war wie ein strahlender Stern, der in dunkler Nacht aufging.“

„Amulette gegen Besessenheit?“, fragte Malte. „Basti, die haben wir doch auch schon verwendet. Gibt es unterschiedlich wirksame Amulette und Talismane? Und wie stellt man sie her?“

„Amulette, Schutzzauber, Beschwörungen, Ringe − oh, ihr ahnt ja gar nicht, was es alles gibt. Aber wir müssen das sorgfältig strukturieren, sonst bringt ihr vieles durcheinander. Das ist gar nicht so einfach, weil Dschinnen … Ach, wie soll ich das … Und ich forsche schon so lange über Dschinnen“, schwärmte Abdulaziz Al-Zoman. „Aber eins müsst ihr mir versprechen!“

„Ja, was denn?“

„Wisst ihr, das war eine Bedingung, in die Lalla Sara eingewilligt hat, bevor ich gekommen bin. Das ist wichtig für mich“, sagte der Gelehrte eindringlich. „Ihr müsst mir versprechen, dass mein Name nicht genannt wird.“

„Aber das ist sehr ungewöhnlich“, wandte Malte ein. „Das ist eine der ersten Sachen, die man an der Uni lernt. Richtiges Zitieren und Quellenangaben, wenn man etwas Fremdes verwendet.“

„Ich verstehe Sie auch nicht“, sagte Sebastian. „Warum sollen wir denn nicht sagen, von wem wir unser Wissen haben? Vielleicht werden wir vielen Tausend Spielern damit etwas Einmaliges geben und auch Geld damit verdienen.“

 „Oh! Das ehrt euch, aber ich kann es nicht riskieren“, sagte Abdulaziz Al-Zoman und verschränkte die Hände. „Wisst ihr, das ist gefährlich. Man wird mich verdächtigen, ein Apostat zu sein und den Geboten der Religion nicht mehr zu folgen. Bestimmte Formen der Magie sind sihr[2] und wer sie ausübt, macht sich einer schweren Sünde schuldig. Das kann lebensgefährlich sein.“ Abdulaziz            Al-Zoman hob beschwörend die Hände. „Ihr müsst es mir versprechen.“

Sebastian knirschte mit den Zähnen und es bildete sich eine steile Zornesfalte auf seiner Stirn.

„Religion! Immer wieder Religion, die das Denken behindert und den Leuten Angst macht. Ich hasse diese Typen!“, knurrte er. „Es ist das Allerletzte!“

„Ach, der Mut der Jugend“, seufzte der Scheich und begann, vor den Tischen auf und ab zu laufen. „Trotzdem. Ihr müsst es mir versprechen.“

„Basti, wenn wir nach Hause zurückkehren, haben wir mit dem, was wir machen, keine Probleme. Aber du kannst nicht von ihm verlangen, dass er in seinem Zuhause Schwierigkeiten auf sich nimmt, für die wir verantwortlich sind. Das wäre undankbar, und wenn Lalla Sara mit ihm diese Vereinbarung eingegangen ist,   müssen wir das auch respektieren“, sagte Malte und wandte sich an den Scheich. „Wir versprechen es.“

„Können wir nicht sagen, dass wir eine verborgene Quelle der Inspiration haben, einen Brunnen der Weisheit, der nur Eingeweihten zugänglich ist?“, fragte Sebastian. „Ich möchte nicht, dass uns jemand nachsagt, wir würden uns mit fremden Federn schmücken. Wäre das in Ordnung?“

„Lalla Sara hat mir gesagt, dass ihr verständige junge Männer seid, und ich sehe, dass sie recht hatte. So können wir das gern machen. Wenn ich ungenannt bleibe und ihr es so nennen wollt, dann habe ich nichts dagegen“, sagte der Wissenschaftler, sichtlich erleichtert. „Dann wollen wir keine Zeit verschwenden, denn bald wird Mounia al-Buchari zurückkommen, um euch abzuholen.“

„Ist es schon so spät?“ Sebastian sah auf sein Handydisplay. „Wir sind doch gerade erst angekommen“

„Zeit ist kostbar, und es gibt viel zu lernen. Heute stellen wir euren Lehrplan auf, und ich werde euch erklären, was es für Dschinnen gibt. Ihr sollt erfahren, was ein Dschinn ist und wofür die einzelnen Arten stehen. Da gibt es Marids, Ifrits, Quarinahs, Ghouls und Rasads. Es gibt Baum bewohnende Dschinnen, aber manche leben auch in Höhlen, an Quellen oder man trifft sie in Hammams.“

„Was? In einem Dampfbad?“, warf Sebastian erstaunt ein.

„Ja, gerade dort hausen Dschinnen. Dschinnen sind nicht wie die Dämonen, wie ihr sie im christlich-jüdischen Kontext kennt. Diese Dämonen sind böse, sie rauben die Seelen und verführen den Menschen zu schlechten Taten. Dschinnen können freundlich sein, aber auch hinterlistig, sie können große Schätze hüten oder den Menschen bedrohen. Manchmal muss man sie überlisten, manchmal kann man sie besänftigen. Es gibt gläubige und ungläubige Dschinnen. Die Gesellschaft der Dschinnen ist ähnlich organisiert wie die der Menschen.“

Sebastian und Malte rauchten die Köpfe, als Abdulaziz Al-Zoman seine Ausführungen fortsetzte.

„Eigentlich ist es am besten, wenn man sich von ihnen fernhält. Deswegen nennt man sie auch nicht beim Namen. Man könnte sie beleidigen und das wäre natürlich ganz schlecht. Um das zu vermeiden, spricht man von ihnen als ‚unsere Herren‘ oder ‚die Männer des Verborgenen‘, die ‚Männer des Erdbodens‘ oder ‚Jene unter der Erde‘. Hier in Marokko ist der Plural für Dschinn Dschnun, anderswo heißt es Dschinnen.“

„Hm, wir bleiben besser bei Dschinnen, das hört sich geläufiger an“, überlegte Malte und Sebastian nickte.

„Ich mach mir mal Notizen“, meinte Malte und zog sein Laptop hervor.

„Dschinnen ernähren sich wie Menschen, aber etwas anders. Sie mögen kein Salz und trinken kein Wasser, aber dafür werden sie von Blut angelockt.“

„Welch eine Überraschung! Wer hätte das gedacht?“, kommen­tierte Sebastian.

„Zur Herkunft der Dschinnen ist zu sagen, dass sie aus der rauchlosen Flamme geboren werden, so sagt man zumindest. Sie sind unsichtbar, was aber nur daran liegt, dass unsere Sinne nicht ausreichen, um die Dschinnen wahrzunehmen.“

„Dann könnte ein Dschinn also jederzeit um uns sein und wir würden es gar nicht merken“, stellte Sebastian fest. „Unheimlich!“

„Gut erkannt“, lobte Abdulaziz Al-Zoman. „Dschinnen leben auch an Quellen, an Höhlen und Spalten, an Übergängen, die unter die Erde führen. Oder auch in alten Gräbern. Manchmal besetzen sie das Zimmer eines leer stehenden Hauses, das sie dann hartnäckig verteidigen, auch wenn neue Besitzer einziehen.“

„WG mit einem Dschinn, das wär bestimmt lustig“, flachste Sebastian.

„Aber Dschinnen, die unter uns leben, machen sich oft bemerkbar. Sie leihen sich Sachen und der Besitzer sucht dann verzweifelt danach.“

„Ha! Dann haben wir einen Dschinn zu Hause in Bonn“,  meinte Malte. „Der ist also daran schuld, dass ich dauernd mein Handy, das Tablet oder mein Portemonnaie suche.“

„Quatsch, Malte, das hat nix mit Dschinnen zu tun. Du bist ne Schlampe, das ist alles“, sagte Sebastian grinsend. „Oder?“

„Boah! Das ist ja wohl das Letzte“, protestierte Malte.

„Wenn es Gegenstände sind wie Nahrungsmittel, daran bedienen sich die Dschinnen, weil sie ähnliche Bedürfnisse haben wie Menschen. Aber nach Handys und Portemonnaies steht ihnen der Sinn nicht, also befürchte ich, dass etwas anderes dafür verantwortlich ist, wenn du nach deinem Eigentum suchst.“

„Hab ich doch gleich gesagt“, quietschte Sebastian. „Er ist eine Schlampe.“

Malte seufzte. „Interessieren sich Dschinnen vielleicht für    Tablets?“

„Es kommen natürlich auch andere Ursachen infrage“, bemerkte Abdulaziz Al-Zoman höflich, ohne näher auf Maltes Frage einzugehen. „Vielleicht handelt es sich um einen Poltergeist. Ich hörte, dass es Poltergeister in Deutschland geben soll. Fliegen Gegenstände durch euer Haus?“

„Eher nicht“, antwortete Sebastian und kicherte. „Wenn etwas fliegt, dann nur, wenn Cosmin oder ich Malte etwas an den Kopf werfen.“

„Ist schon gut. Ich habe verstanden“, sagte Malte und ergab sich in sein Schicksal. „Woran erkennt man denn, ob zum Beispiel eine Quelle von einem guten oder einen bösen Dschinn bewohnt ist?“

„Oh, das ist wiederum ganz einfach. An Heilquellen oder Quellen in der Nähe eines Heiligtums leben grundsätzlich gute Dschinnen, an Quellen, in deren Wasser kein Sonnenlicht zu dringen vermag, sind böse Dschinnen beheimatet. Manchmal ist es nicht eindeutig, wie an den heißen Quellen von Tiberias. Die dort hausenden Dschinnen haben von König Sulaiman den Befehl bekommen, die Quellen zu heizen. Sulaiman war ein großer Magier, der den Dschinnen Befehle geben konnte, die noch heute Geltung haben sollen.

Auch an den heißen Quellen von Zerqua Ma’in sorgt ein Dschinn dafür, dass das Feuer in der Erde brennt. Man opfert ihm ein Schaf, wenn man die Quelle aufsucht, um Linderung von Rheuma zu erfahren.“

„Wow! Dann sind Dschinnen auch für Vulkanismus zuständig oder verstehe ich das falsch?“

„Nein, eigentlich nicht“, sagte der dicke Scheich, „denn Dschinnen wohnen ja unter der Erde, und Vulkane gelten auch als Sitz mächtiger Dschinnen. Aber Dschinnen wohnen auch in Bäumen, wobei Bäume auch der Sitz von Heiligen ist.“

 „Das ist sehr ambivalent“, meinte Sebastian und überlegte. „Kann es denn sein, dass der Unterschied zwischen Dschinnen und Heiligen verschwimmt?“

„Eine gute Vermutung, die auch von anderen Wissenschaftlern geteilt wird“, lobte Abdulaziz Al-Zoman. „Auf diese Ambivalenz trifft man häufig, zum Beispiel bei Wasser und Salz. Einerseits meiden Dschinnen Wasser und Salz, andererseits sollen ausgerechnet im Meer noch mehr Dschinnen leben als an Land. Mit Logik kommen wir da nicht weiter.“

Er lächelte und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Dschinnen können ganz verschiedene Gestalten annehmen, darunter viele Tiere, aber auch Windhosen. Es heißt, dass eine Windhose oder Staubsäule in der Wüste bedeutet, dass dort Dschinnen auf Brautschau sind. Es kommt wohl daher, dass man die bewegte Luft nur durch den aufgewirbelten Staub, also indirekt sieht, was ebenso für die Dschinnen gilt.“

Der Gelehrte setzte seine von gelegentlichen Fragen unterbrochenen Ausführungen fort und die beiden Studenten machten sich eifrig Notizen. Sie bemerkten kaum, dass das Licht, das durch die Fenster des Hauses fiel, golden wurde. Der Abend brach herein und noch immer erzählte der Scheich. Als vor dem Haus ein Motorengeräusch ertönte, schraken Malte und Sebastian auf.

„Das wird Mounia sein, die uns abholen will“, stellte Sebastian fest.

„Puh“, bemerkte Malte und betrachtete stirnrunzelnd seine Notizen. „Wer soll denn da den Überblick behalten? Praktisch bedeutet das ja, dass alles um uns herum ein Dschinn sein kann. In allem kann ein Dschinn wohnen und alles kann ein Dschinn sein. Habe ich das richtig verstanden?“

„So ist es“, bestätigte Abdulaziz Al-Zoman und nickte heftig mit dem Kopf. „Ich habe für euch eine Literaturliste vorbereitet. Die Bücher findet ihr in der großen Bibliothek der Kasbah.“

Er wuselte zu einem Schrank und kramte in einem Stapel Papiere. „Da ist sie. In diesen Büchern könnt ihr alles nachschlagen, was ich euch heute erzählt habe.“

„Das sind ja alles arabische Titel, wie sollen wir das denn lesen?“, fragte Malte. „Französisch ginge ja noch, aber Arabisch können Basti und ich nicht.“

„Es werden sich Wege finden und von einigen Büchern weiß ich, dass es auch Übersetzungen gibt. Vielleicht findet ihr jemanden, der euch hilft“, antwortete ihr Lehrer. „Die Bibliothek der Bucharis ist ein Hort der Weisheit und des Wissens. Sie ist nicht einfach nur ein Lager voller Bücher. Man muss Wissen auch anwenden, sonst ist es tot. Ich bin optimistisch, dass ihr damit weiterkommt. Für heute reicht es aber. Ich bin auch müde und möchte den Abend noch genießen. Es ist selten genug, dass es so ruhig um mich ist wie hier im Gebirge der Bucharis.“

„Ja, ruhig ist es hier wirklich, das kann man ohne weiteres sagen. Für meinen Geschmack ist es hier zu ruhig. Am Abend ist hier so viel los wie auf nem Friedhof“, grummelte Malte. „Das ist ziemlich armselig.“

Der Scheich lachte. „Aber sagt, wie fandet ihr euren ersten Tag?“

„Cool“, sagte Malte und sein Gesicht hellte sich wieder auf. „Ich weiß kaum, wo wir die vielen Ideen unterbringen können! Und dabei ist das nur der Anfang. Wie ich Basti kenne, gehen dem schon eine Million Szenen durch den Kopf!“

„Wirklich? Habe ich euch so viel zum Nachdenken gegeben?“ Der Wissenschaftler strahlte. „Oh, das ist ja so … Was soll ich sagen? Hätte mir vor ein paar Wochen gesagt, dass sich jemand unvoreingenommen für Dschinnen interessiert, ich hätte es nicht geglaubt!“

„Ja, Malte sieht das schon ganz richtig, mir kommen viele Ideen, mit denen man Spiele abwechslungsreich gestalten kann. Oder wie man die Schwierigkeitsgrade erhöhen kann. Irre, das ist einfach megacool“, sagte Sebastian und blickte den Wissenschaftler dankbar aus seinen großen bunten Augen an.

Abdulaziz Al-Zoman stutzte. „Du trägst die Augen eines Kobolds, in ihnen spiegeln sich Himmel und Meer, Erde und Feuer. Das hatte ich vorhin gar nicht gesehen.“

Schnell wandte Sebastian den Blick ab.

„Oh, oh, das sollte keine Beleidigung sein“, sagte der Scheich. „Man sieht solche Augen nur selten und sie scheinen mir zu dir zu passen.“

Es hupte.

„Mounia wird ungeduldig“, bemerkte Malte. „Wir sollten los.“

„Ihr könnt morgen wiederkommen, dann erkläre ich euch, wie man die Behausung eines Dschinns betritt und wie man einen Ifrit von einem Marid oder einem Rasad unterscheidet. Und übermorgen weise ich euch dann in Heilzauberei ein, sowie die Herstellung von Amuletten und Talismanen“, schlug Abdulaziz Al-Zoman vor. Er hüpfte vor ihnen her, als sie das Haus verließen. „Oh, und dann Scheidungsrecht. Was passiert, wenn ein Mann eine Dschinni heiratet und sich später von ihr scheiden lässt? Und erst die Kinder, die aus den Verbindungen zwischen Dschinnen und Menschen entstehen. Das ist so aufregend, denn 1979 hat es den letzten Scheidungsfall an der Al Azhar gegeben. Aber nun raus mit euch!“

Es hupte ein weiteres Mal, dieses Mal etwas länger. Und gleich noch einmal. Hastig verabschiedeten sich die beiden Studenten.

„Wir kommen ja schon!“, rief Malte. „Stehst du blöde Kuh mit dem Fuß auf dem Gaspedal oder was ist los?“

[1]    besessen von einem Dschinn

[2]    sihr verboten

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