Party im Alten Wartesaal in Köln

Hagen Ulrich Band 4 Krieg der Vampire

Hagen Ulrich Band 4 Krieg der Vampire

Nach ein paar Tagen hatte Sebastian sich von dem Überfall erholt, die Kopfschmerzen waren weg und er dachte nur noch morgens an den Zwischenfall, wenn er vor dem Spiegel stand und schimpfend an seiner Frisur arbeitete. Ein ums andere Mal fluchte er, wenn er die Lücke mit der sich bildenden Narbe an seinem Hinterkopf ertastete. Schließlich fuhr er nach Köln, um die Sachen abzuholen, die er sich für die Gayoween-Party im Alten Wartesaal bestellt hatte.
Er hatte im Web recherchiert und war mit einem Bild von Sakimi Chans Maleficient zu einem Kostümdesigner gefahren, der auch für die Cosplay-Szene arbeitete.
»Anspruchsvolle Arbeit, die du da verlangst. Aber machbar«, hatte der Designer gemeint, Maß genommen und einen Betrag genannt, der Sebastian schlucken ließ.
Er hatte Cosmin angerufen und hoffte halb, dass der Vampir angesichts des Betrages darauf verzichten würde, die Bedingung zu erfüllen. Doch Cosmin hatte verlangt, den Designer zu sprechen.
Sebastian hatte zwar nicht mitbekommen, was genau Cosmin gesagt hatte, konnte sich anhand des erfreuten Gesichtsausdruckes aber ausmalen, dass es auf ‚Geld spielt keine Rolle. Nehmen Sie die besten Materialien‘ hinauslief.
Halb freute er sich aber dann doch auf die Party im Alten Wartesaal. Und als er das fertige Outfit sah, gefiel es ihm um so mehr.
»Ich habe da noch etwas«, meinte der Designer nach der letzten Anprobe. »Ein kleiner Rest von einer Perücke mit schwarzen Haaren, die deine Kopfwunde verdecken müsste.«
Sebastian bekam noch ein paar Utensilien, mit denen er das Haarteil anpassen konnte, bedankte sich und bezahlte. Danach machte er sich auf den Heimweg nach Bonn, um sich auf die Party vorzubereiten.
Nach drei Stunden Aufenthalt im Bad war er fertig und betrat die Küche. Cosmin stand neben der Mikrowelle und trank gerade aus einem Becher. Sebastian erriet unschwer, dass sein Vampir sich noch eine Mahlzeit zubereitet hatte.
»Na, wie seh ich aus?«, fragte er gespannt.
»Wow«, brachte Malte nach einer Weile hervor und auch Reuven staunte. Cosmin schwieg, atmete aber scharf ein.
Sebastian hatte alle Register seines Könnens im Umgang mit Puderquaste, Farbstiften und Theaterschminke gezogen, nachdem er sich auf der Düsseldorfer Beauty Fair Tipps geholt hatte. Und er trug das fertige Maleficient-Cosplay.
»Jetzt glotzt nicht so! Sagt mir lieber, wie ich aussehe«, beschwerte er sich. »Kann ich so gehen oder nicht?«
Cosmin trat auf ihn zu und ließ bewundernd seine Augen an ihm entlang gleiten.
»Ja, Hase, das kannst du. Du siehst fantastisch aus.«
Sebastian strahlte und seine Augen leuchteten vor Freude. Umso mehr, als ihm Cosmins Anblick ebenfalls sehr gefiel. Cosmin hatte sich passend ausgerüstet und verkörperte perfekt den Vampir, der als erotische Versuchung daherkam. Er liebte schwarzes, weiches Leder, und über der eng sitzenden Hose trug er ein weißes Hemd mit weiten Ärmeln und einem tief reichenden Ausschnitt. Seine Tattoos, die ihm über die Schulter reichten, waren unübersehbar.
Als er lächelte, entblößte er blitzende weiße Fänge und seine Augen glühten rot. Ein leises Fauchen kam aus seinem Mund, als er sich vorbeugte und Sebastian spürte, wie ihm ein wohliger Schauer über den Rücken fuhr.
»Dann lass uns fahren.«
Malte kam ihnen hinterher, als sie zur Wohnungstür gingen.
»Und ich werde den Drachensitter spielen«, sagte er, was sich nicht sonderlich begeistert anhörte.
»Hättest ja mitkommen können!«
»Um mich womöglich als schwuler Elf zu verkleiden?«, murrte Malte mit wenig Begeisterung. »Und dann den ganzen Abend Komplimente wegen meiner schönen blauen Augen und meines knackigen Hinterns zu hören? Nee danke!«
»Ihr könnt doch zusammen zocken?«, schlug Sebastian vor.
»Werden wir bestimmt. Bis morgen dann.«
Sie verließen die Wohnung und begaben sich in die Friedensplatzgarage, wo Sebastians schwarzer Golf stand. Es war sehr kühl draußen, als sie die kurze Strecke von der Haustür zum Auto liefen.
Nach einer halben Stunde Fahrt kamen sie in Köln an, Sebastian suchte einen Parkplatz und dann betraten sie den alten Wartesaal. Vier Meter achtzig hohe und stuckverzierte Decken und eine beeindruckende Jugendstilarchitektur boten den Rahmen für eine tolle Party und aus allen Richtungen strömten die Gäste herbei.
Auf den verschiedenen Areas des Klubs tummelte sich eine sehr bunt gemischte Partycrowd und Sebastian staunte.
»Boah, das ist ja irre. Schau mal da drüben, die Hexen, das sind ja tolle Kostüme.«
»Du hast recht, Basti, die Mädels sehen scharf aus. Gut, dass Malte zuhause geblieben ist«, meinte Cosmin und lachte herzhaft.
Ein Fotograf kam auf sie zu und musterte sie beifällig. Er machte ein paar Bilder von ihnen aus verschiedenen Blickwinkeln und Sebastian posierte würdevoll als mächtiger Magier. Er ließ sogar seinen Ring ein wenig funkeln und um sich herum eine schwach grün lumineszierende Aura aufleuchten. Bis er einen warnenden Blick von Cosmin kassierte.
Übertreib es nicht, Hase, erklang es in seinen Gedanken.
»Hey, wie machst du das denn?«, fragte der Fotograf erstaunt, doch Sebastian lächelte nur geheimnisvoll.
»Jungs, ihr solltet euch zu dem Contest anmelden.«
»Was für ein Contest?«, fragte Sebastian neugierig und reckte sich, um dem Fotografen über die Schulter zu schauen. Hinter ihm betraten gerade ein paar als Vampire kostümierte Jungs den Klub. Aufgesetzte Fänge, im Gesicht leicht blass geschminkt und nackte muskulöse Oberkörper. Sebastian sah sofort, dass die nicht echt waren.
»Es gibt einen Wettbewerb, wer das beste Kostüm hat. Auch das heißeste Paar wird bewertet. Ihr seid doch ein Paar?«
Cosmin nickte.
»Schauen wir mal. Wir sind gerade erst gekommen und wollen uns noch etwas umsehen.«
»Na dann, viel Spaß«, meinte der Fotograf und sah sich bereits nach neuen Motiven um. »Kann ich die Bilder für unsere Galerie verwenden?«
»Sicher«, meinte Cosmin, nachdem Sebastian ihm die Antwort überlassen hatte.
Sie schlenderten an eine der Bars, und Cosmin bestellte sich einen Cocktail, nachdem Sebastian sich mit Cola begnügte. Plötzlich spürte er ein vielstimmiges Wispern in seinem Kopf, ähnlich wie in jenen Momenten, wenn Cosmin sich erlaubte, ihm etwas zu sagen, ohne dass andere etwas davon mitbekommen sollten. Aber nicht so deutlich wie Cosmins klare Stimme.
Einen Moment später packte Cosmin ihn fest am Arm und blickte suchend um sich. Hart stellte er sein Glas auf der Theke ab und das Getränk schwappte etwas über den Rand.
»Hey, was ist los?«, fragte Sebastian verblüfft. »Ist dir nicht gut?«
»Basti, merkst du es nicht?«
»Was denn?«
»Hier ist noch jemand!«
»Natürlich ist hier noch jemand«, meinte Sebastian verwundert. »Hier sind Hunderte von Klubgästen. Schau mal da drüben, der Elf. Sieht der nicht geil aus?«
»Schafskopf! Die meine ich nicht. Hier sind noch andere Vampire.«
»Wieso? Sind Jan und Elias auch hier? Ich dachte, die hätten keine Zeit?«, fragte Sebastian verständnislos. »Wo sind die denn?«
»Basti! Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff!«, zischte Cosmin etwas genervt. »Hier sind noch andere Vampire. Meinetwegen auch andere magische Wesen, so genau erkenne ich es nicht. Vielleicht sind es mehrere. Lass uns gehen.«
»Spinnst du? Und wenn hier zehn oder zwanzig Vampire, Dschinnen, meinetwegen auch Werwölfe und was auch immer rumlaufen, das hier ist eine Halloween-Party. Hier wird gefeiert und sonst nichts«, protestierte Sebastian. »Ich hab Eintritt bezahlt, und ich mache jetzt Party! So!«
»Basti, die meisten Vampire sind sehr revierbewusst und dulden es nicht, wenn andere Vampire auf ihrem Gebiet unterwegs sind. Ich habe keine Lust, mit einem anderen Vampirclan in Konflikt zu geraten«, flüsterte Cosmin nervös und griff nach Sebastians Arm.
Bevor Sebastian antworten konnte, erschien ein Arm zwischen ihnen und die dazugehörige Hand schob Cosmin ein Glas zu.
»Hey Bro, mach mal halblang. Nimm einen Schluck und beruhig dich. In unserer Partyzone herrscht Frieden. Da wird nicht gejagt und auch kein Krieg geführt. Höchstens ein Zickenkrieg.«
Sebastian und Cosmin drehten sich um und sahen einen Mittzwanziger hinter der Theke, der sie freundlich anlächelte. Und als er seinen Mund öffnete, verlängerten sich Fänge. Auch das Gesicht des Barkeepers veränderte sich etwas und wurde raubtierhafter. Gelb leuchtende Augen funkelten im Halbdunkel des Klubs.
Jerome hat recht, erklang eine grollende Stimme in Sebastians Kopf und auch Cosmin musste das gehört haben, wie Sebastian merkte. Beschützend zog Cosmin ihn an sich.
»Ihr seid anscheinend neu hier«, stellte ein Mädchen fest, das am Arm ihrer Freundin an sie herantrat. »Heißes Kostüm, dass du da hast.«
Als die beiden lächelten, entblößten sie ebenfalls Fänge, die wie von selbst aus dem Kiefer wuchsen. Noch mehr Vampire, stellte Sebastian fest.
»Jerome, mach uns mal etwas zu trinken. Und schreib das Glas von dem Typen auf unseren Deckel.«
»Wird gemacht, Ladies!«, grinste der Barkeeper hinter der Theke.
»Seid ihr wirklich zum ersten Mal auf einer Gayoween?«, fragte das andere Mädchen. »Ich bin übrigens Doro, und das ist Hannah.«
»Sebastian«, stellte er sich vor und wies auf den stumm und fassungslos dastehenden Cosmin. »Und das ist Cosmin. Wir sind aus Bonn.«
»Cosmin? Der Cosmin? Von den Radulescus?«, fragte Doro etwas reserviert und auch Jerome blickte jetzt wachsamer. Sein Lächeln fror ein.
»Ja, warum?«, fragte Sebastian arglos.
»Man redet so einiges von den Radulescus. Unerquickliche Geschichten aus Plauen. Verschwundene Menschen und brutale Gewalt«, deutete Jerome vorsichtig an und seine Hand wanderte unter die Theke. »Werdet ihr Frieden halten oder seid ihr zum Jagen hier?«
Sebastian bemerkte, dass plötzlich mehrere Personen, darunter Kellner, andere Barkeeper, Security und Partygäste mit einem angespannten Gesichtsausdruck zu ihnen blickten. In ihren Gesichtern blitzten Fänge und leuchteten Augen grell auf. Es schien etwas Bedrohliches in der Luft zu hängen und er schnaufte empört.
Die haben Angst vor uns, erkannte er auf einmal erstaunt. Deswegen sind die so nervös.
»Halt. Bevor das hier zu einem Missverständnis ausartet, möchte ich etwas klarstellen«, sagte er sehr ruhig und versuchte, mit einem freundlichen Lächeln Ruhe und Frieden auszustrahlen. »Cosmin und ich sind hier, weil wir feiern wollen. Wir wussten gar nicht, dass es in Köln andere Vampire gibt. Aber Cosmin hat sich von Ioan Radulescu losgesagt und sich den Bucharis angeschlossen. Kennt ihr die Bucharis aus Marokko?«
Jerome nickte und entspannte sich. Seine Hand wanderte wieder auf die Theke und er griff nach einem Tuch, um Gläser zu polieren.
»Ja, der Buchari-Clan ist legendär. Der Clan ist als friedlich bekannt.«
Auch Hannah und ihre Freundin wirkten beruhigt und endlich meldete sich auch Cosmin.
»Sebastian hat recht und ich kann verstehen, dass ihr euch etwas Sorgen macht. Aber es ist wirklich so, wie er sagt. Wir haben in Bonn eine große Wohnung, demnächst ein großes Haus und leben dort zu mehreren völlig friedlich. Ich gehe schon lange nicht mehr auf die Jagd und habe auch während der Jagdphasen zuletzt nicht mehr für Leichen gesorgt. Und mit zuletzt meine ich die letzten zweihundert Jahre.«
»Na dann, herzlich willkommen bei der Gayoween-Party in Köln«, sagte Jerome mit Erleichterung in der Stimme und vermerkte die Getränke auf den Tickets der beiden Mädchen.
Die etwas frostige Atmosphäre wurde wieder angenehmer. Besorgte Gesichter unter den umstehenden Gästen wurden fröhlicher und verschwanden wieder in der Menge der arglos tanzenden Menschen, die gar nicht mitbekommen hatten, was sich vor ihrer Nase abgespielt hatte.
»Dein Cousin Ioan versaut wirklich jedes Karma«, sagte Sebastian und grinste Cosmin fröhlich an. »Wem auch immer sei Dank, dass er sehr weit weg ist.«
Cosmin nickte und lächelte auch wieder, als er endlich aus dem Glas einen Schluck nahm, das Jerome ihm gegeben hatte. Ungläubig blickte er auf.
»Ihr schenkt hier Blut aus?«
»Für unsere speziellen Gäste haben wir natürlich alles da. Manche von den Gogos und Walking Acts gehören auch dazu, und glaub mir, einen unterzuckerten Vampir kann man in keiner Show gebrauchen. Es kommt auch immer wieder vor, dass unsere Partyhäschen mit einem leeren Magen kommen. Und bevor sie sich vergessen und über die anderen Gäste herfallen«, erklärte Jerome munter, »sind wir besser vorbereitet.«
»Erstaunlich.«
»Nein, keinesfalls erstaunlich. Wir haben einen guten Draht zu Blutbanken und Krankenhäusern. Die Community ist an manchen Einrichtungen beteiligt und kauft Blutkonserven.«
»Wie bei uns, wir haben über unseren Hausarzt Kontakt zu einer Bonner Blutbank. Allerdings geht Elias gern jagen, beschränkt sich dabei aber auf Wild«, erzählte Sebastian arglos.
»Ach? Wo ist er denn unterwegs?«, wollte Jerome wissen.
»Im Kottenforst und im Siebengebirge.«
»Ach so, wir sind eher in der Eifel auf Tour. Da zieht es mich immer wieder hin, wenn es wieder soweit ist«, erläuterte Jerome. »Ihr Vampire habt es echt gut, denn ihr seid nicht diesem lunaren Zyklus unterworfen. Das nervt manchmal wirklich.«
»Außerdem riechen wir nicht nach nasser Hund!«, warf Doro boshaft ein. »Oder pinkeln an Bäume, um sie zu markieren.«
»Hey, das ist lediglich ein Gerücht«, protestierte Jerome und schnüffelte ostentativ umher. »Hannah, sag, hat sie wieder ihre Tage? Hier hängt so ein fieser Geruch in der Luft.«
»Böses Wölfchen«, antwortete Hannah, griff zu einer Getränkekarte und versetzte Jerome damit spielerisch einen Schlag auf die Nase.
Sebastian dämmerte allmählich, dass hinter der Theke kein Vampir stand. Er musterte den Jungen, der wohl etwas älter war als er. Jeans, nackter Oberkörper, eine Fliege um den Hals, ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht mit braunen Augen und hohen Wangenknochen. Sehnige Arme, recht große und kräftige Hände. Als Jerome den Blick bemerkte, grinste er.
»Jep, ich bin ein Werwolf. Mich hats vor ein paar Jahren in der Eifel erwischt. Schullandheim bei Daun, ein paar von uns Jungs sind nachts raus, wollten auf die Piste und dann sind wir beim Trampen jemand begegnet, der sich nicht so ganz unter Kontrolle hatte.«
»Ein Eifeler Werwolf«, staunte Sebastian. »Wow!«
»Nein«, korrigierte Jerome. »Ein Rudel von mittlerweile sieben Wölfen. Ups, ich sehe grad, dass die CO2-Anlage etwas spinnt. Die Flasche scheint leer zu sein. Bin gleich wieder da.«
Sebastian sah dem Barkeeper hinterher, der noch rasch die anderen Barkeeper instruierte, mit dem Zapfen der nächsten Biere zu warten, bis das CO2 wieder lief.
Hannah und Doro flüsterten sich etwas zu und lachten dann lauthals.
»Wenn ihr euch sehen könntet! Eure Gesichter sind unbezahlbar.«
»Ein schwules Werwolfrudel«, murmelte Sebastian fassungslos. »Ich glaubs ja nicht. Wenn mir das jemand vor zwei Jahren erzählt hätte, ich hätte ihn für komplett verrückt erklärt.«
»Oh, nicht alle aus dem Rudel sind schwul. Nur Carsten, der Alpha, der die Events plant, Jerome als Beta, der die Gastro managt und Pierre, der die Security unter sich hat, aber auch als Walking Act arbeitet. Die anderen vier sind hetero. Sie sind bei der Security, den Gogos und den Walking Acts. Total süße Kerle.«
»Hetero? Und ihr findet die süß?«, fragte Cosmin neugierig und Sebastian stellte erleichtert fest, dass sein Freund sich anscheinend beruhigt hatte. »Ich dachte, ihr seid befreundet?«
»Sind wir auch«, antwortete Doro. »Hannah ist meine beste Freundin. Aber wir sind nicht zusammen. Hier sind einige Mädels, die nicht lesbisch sind, sondern einfach nur in Ruhe tanzen wollen. Ohne dass einen die Kerle anbaggern.«
»Ist doch gut, dass wir Malte zuhause gelassen haben«, meinte Sebastian leise zu Cosmin und lehnte sich an einen Barhocker. Jetzt wo er wusste, dass unter den vor ihnen flanierenden Partygästen andere Vampire und sogar Werwölfe umherliefen und tanzten, fiel ihm der eine oder andere Gast auf, der eindeutig nicht menschlich war.
Augen, in denen nicht Kontaktlinsen verantwortlich waren für ein besonders helles Leuchten, halbgeöffnete Münder, in denen keine aufgesetzten Prothesen Fänge imitierten, Tattoos auf Körpern, die lebendiger wirkten, als sie sollten. Hier und da ein freundliches Nicken oder freches Augenzwinkern, wenn jemand sich entdeckt sah.
Auch Cosmin blickte in Gedanken versunken in die Menge der tanzenden Partygäste und war ungewöhnlich still für seine Verhältnisse. Sebastian sah ihm nicht an, was er dachte.
Als Jerome zurückkam, beobachtete Sebastian ihn, wie er routiniert einige Kölsch und Pils zapfte, prüfte und dann mit einem Nicken die Zapfanlagen wieder freigab.
»Gibt es hier außer den Werwölfen und Vampiren noch andere magische Wesen? Elfen oder Trolle zum Beispiel?«, fragte Sebastian. »Ich kenne einige Dschinnen.«
»In letzter Zeit tauchen immer mehr auf. Früher waren es höchstens eine Handvoll Vampire, die sich hier trafen. Trolle sind hier nicht, die gibt es auch, man findet sie aber eher in der Bären-Szene. Aber bei den Models, die als Walking Acts arbeiten, sind einige Elfen. Eitle Typen, die darum wetteifern, wer der Schönste ist. Sonst zu nichts zu gebrauchen.«
»Überhaupt nicht wahr!«, widersprach Hannah energisch und wies auf einen etwas blasiert umherstolzierenden Jungen. »Mit Maximilian kann man sich wunderbar über Literatur, Kunst und Poesie unterhalten.«
»Sag ich ja. Zu nichts zu gebrauchen«, meinte Jerome locker. »Angeblich sollen – und das muss wirklich sehr lange her sein – Elfen früher zu den härtesten und tödlichsten Kämpfern gehört haben. Mich langweilen sie höchstens zu Tode.«
»Sagt jemand, der stundenlang den Mond anheult«, spottete Doro.
»Wir heulen den Mond nicht an«, bemerkte Jerome würdevoll. »Das sind artspezifische Formen interner Kommunikation zwischen Mitgliedern des Rudels.«
»Klar. Und Vampire werden von Kreuzen vertrieben«, sagte Doro, die ein aufwendiges Kleid im Gothic-Style trug. Sie hob demonstrativ ein umgehängtes Kruzifix hoch und lachte.
»Und gibt es Magier hier oder Dämonen?«, fragte Sebastian gespannt.
Auf einmal wirkte Jerome etwas nervös.
»Einen Magier kenne ich nicht, und Dämonen, also die Dämonen, mit denen ist das so eine Sache. Gewöhnlich kommen sie erst sehr spät rein, wenn wir Schluß machen wollen. Die saugen jedem die Energie ab und das ist hilfreich, um auch die letzten Tänzer müde zu machen. Ein paar sind aber ganz okay, und sie halten sich an die Regeln, dass das Gebiet unserer Events Friedenszone ist. Meistens bleiben sie unter sich, genau wie die Höllenhunde. Vorhin habe ich ein paar von den Dämonenjungs auf dem 2. Floor gesehen. Aber haltet besser Abstand.«
»Och, ich weiß gar nicht, was du hast, die können ganz spaßig sein«, meinte Hannah und beugte sich dann zu Sebastian. »Jerome hatte etwas mit einem Incubus und der hat unseren kleinen Rüden ganz schön rangenommen.«
»Das war überhaupt nicht witzig«, knurrte Jerome. »Der Typ ist einfach beziehungsunfähig und dachte nur an Sex, Sex und noch mal Sex. Egal mit wem, wo und wann – Hauptsache, es hat ihn jemand gevögelt oder er konnte jemanden vögeln.«
»Für einen Incubus völlig normal. Die leben von sexueller Energie.«
»Ja, völlig normal. Mag sein. Aber fahr mal mit einem Incubus auf der A 2 von Köln nach Hannover, den plötzlich das Verlangen überkommt, dir am Steuer einen blasen zu müssen. Und nicht nur einmal, sondern am liebsten während der ganzen Fahrt. Der Kerl hat mich ausgelutscht. Und dann die Polizeikontrolle! Erklär mal einem Polizisten, warum dir der Beifahrer während der Fahrt dauernd die Latte poliert.«
Sebastian kicherte und auch Cosmin schmunzelte erheitert.
»Das ist überhaupt nicht zum Lachen! Vor allem, wenn die Polizisten drohen, dir ne Knolle wegen gefährlichen Eingriffs in den öffentlichen Verkehr zu verpassen! Und dann wollte Salentin auch noch aussteigen. Da steht dann links von dir ein Polizist, der dir einen Vortrag hält über das richtige Verhalten im Verkehr und dein Beifahrer ist so geil drauf, dass er sich auch noch den Polizisten vornehmen will.«
»Salentin? Ein Incubus, der Salentin heißt?«, fragte Cosmin neugierig. »Ungewöhnlicher Name für Dämonen.«
»Salentin Kuckelkorn ist ein echter kölsche Jung«, erklärte Hannah. »Wenn dir jemand begegnet, der Asmodeus oder Belial heißt, ruf ihm einen Arzt. Das ist ein Mensch, der nicht alle an der Waffel hat. Oder seine Eltern hatten einen Schuss weg.«
»Ja, Salentin, unser Vorzeige-Incubus«, ätzte Jerome.
»Trotzdem hättest du mit ihm nicht Schluss machen müssen. Salentin ist total unglücklich und fragt dauernd nach dir«, beharrte Doro. »Er ist übrigens auch hier und traut sich nicht an die Theke.«
»Ernsthaft?«
»Ja, er ist in der Lounge.«
Der Werwolf seufzte unwillig und griff wieder zu seinem Poliertuch. »Der soll mir von der Pelle bleiben! Tipp an dich, Sebastian. Lass dich nicht mit einem Incubus ein. Deren Kuss ist ansteckend, so vermehren die sich. Menschen haben keine Widerstandskräfte gegen den Kuss des Dämons. Bei anderen Angehörigen der magischen Spezies passiert nichts, für die ist das wie ein Schnupfen.«
»Und woran erkenne ich einen Incubus?«, fragte Sebastian. »Mir ist noch keiner begegnet.«
Jerome holte sein Handy heraus und zeigte Sebastian ein Video.
»Das ist Salentin.«
»Sieht doch ganz nett aus.«
»Warts ab.«
Das Video lief weiter und plötzlich veränderte Salentin sich. Die Iriden dehnten sich über das ganze Auge aus. Da war nur dieses schwarzviolette und anziehende Glühen, das den Betrachter in seinen Bann zog. Auch das attraktive Gesicht hatte sich verändert. Nicht unbedingt zum Negativen, es sah lüstern und erregt aus. Salentins Zungenspitze fuhr über die Lippen seines halbgeöffneten Mundes, der ähnlich wie Reuven mehrere scharfe Zähne aufwies.
»Oha, mit den Zähnen ist er zugange?«
»Die Zähne sind nicht das Problem. Er beißt dir nichts ab. Die Augen sind das Problem, damit bannt er dich und macht dich willenlos. Das muss man vorher wissen, wenn man sich mit einem Incubus einlässt. Wenn du ihn während seiner Phase ranlässt, hast du keine Chance mehr aufzuhören, bevor er nicht satt ist. Und das kann dauern. Er nimmt sich alles, was du hast und ist völlig schamlos«, erklärte der Barkeeper und seufzte. »Nach meiner ersten Nacht mit ihm habe ich zwölf Stunden durchgeschlafen und bin auf allen vieren aus dem Bett gekrochen, so erledigt war ich. So einen Muskelkater hatte ich noch nie.«
»Dafür muss man kein Incubus sein«, meinte Cosmin mit einem anzüglichen Blick auf Sebastian, der ihm als Antwort einen Stoß in die Rippen gab.
»Also saugt er seinen Opfern nicht das Blut aus wie es Vampire tun, sondern baut sein Energiereservoir auf, in dem er sie durchknallt?«, vergewisserte Sebastian sich. »Hört sich jetzt nicht so gefährlich an.«
»Wenn der Incubus rechtzeitig aufhört und sich unter Kontrolle hat«, sagte Jerome bedeutsam. »Sonst ist Schicht im Schacht.«
»Trotzdem«, sagte Hannah und Doro nickte bestätigend, »da steckt auch ein guter Kern in Salentin. Er ist zuverlässig, freundlich und hilfsbereit. Und er ist ja nicht laufend in seiner Phase, sondern nur einmal im Monat. Außerdem bringt er niemanden um oder raubt ihm die Seele.«
»Wenn ihr mal einen guten Innenarchitekten braucht, der sich mit Gothic Style auskennt, dann seid ihr mit Salentin bestens bedient. Der kennt Zulieferer und Hersteller, das ist Wahnsinn!«, schwärmte Doro.
»Ja, wenn man auf üppige Barocksessel steht, die mit violetten oder lila Stoffen neu bezogen wurden, schwarze Wände und Drachennippes mag, dann ist Salentin die richtige Wahl«, gab Jerome etwas widerwillig zu. »Bei den Vampiren, die auf diesen melancholischen und leidenden Trip sind, für mich sind das ja Warmduscher, ist er der letzte Schrei.«
»Nun komm schon. Wie lange hat das bei euch Werwölfen gedauert, bis ihr euch angepasst hattet und nicht mehr auf Menschenjagd gegangen seid? Und früher sind wir Vampire auch mordend auf die Jagd gegangen«, mischte Doro sich ein. »Sei mal etwas freundlicher, Wölfchen!«
»Ich habe da mal eine Frage«, unterbrach Cosmin. »Wenn ich das richtig verstehe, gibt es in Köln eine größere Community von Vampiren, Werwölfen und noch einigen anderen Spezies. Richtig?«
»Das ist richtig. Köln ist das Zentrum. Im Dom liegen die Gebeine der Heiligen Drei Könige, die vor ihrer Beförderung durch die Kirche Magier waren.(*FN*    Stimmt übrigens. Vor ihrer posthumen Karriere als Hl. Drei Könige waren Balthasar, Caspar und Melchior hochanständige Magier und seriöse Sterndeuter. Man kennt das ja, wenn sich die Kirche etwas unter den Nagel reißt. Andere Quellen nennen vier Magier, der vierte kam allerdings zu spät zur Geburt Jesu und dann erst zur Kreuzigung an. Tipp: Nie das Navi von Blaupunkt nehmen.*FN*) Das macht die Stadt für uns attraktiv.«
»Davon habe ich gar nichts bemerkt, als ich zuletzt in Köln war. War das schon immer so?«
»In Köln finden sich hauptsächlich die Einzelgänger aus anderen Ländern, die ihre Clans und Familien verlassen haben oder verstoßen wurden. Deswegen brach bei einigen auch Panik aus, als bekannt wurde, dass der Nachfahre von Vlad Tepes seinen Sitz in Bonn genommen hat. Nicht wenige Vampire glauben, dass du Gehorsam von ihnen einfordern wirst oder sie bestrafen willst, weil sie ihre Familien verlassen haben. Und bei den Dämonen geht Angst um, dass du sie aus ihrem Revier vertreiben willst. Ihr seid das Gesprächsthema Nummer Eins überall da, wo sich zwei von uns treffen.«
Cosmin machte eine Miene, als ob ihn der Schlag getroffen hätte, und atmete tief ein. Einen Moment lang barg er das Gesicht in den Händen und dann schaute er auf. Er stand auf, straffte sich und ließ seinen Blick über die Menge der tanzenden Gäste schweifen.
Sebastian staunte, als er seinen Freund so sah, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Machtvoll, gelassen und freundlich sah Cosmin aus, und doch war der Vampir zu erkennen. Für das menschliche Publikum war es ein attraktiver Mann, der sich als Vampir in Pose warf.
Der Fotograf, der sie am Anfang angesprochen hatte, kam heran und knipste eifrig, bis Cosmin eine ungeduldige Handbewegung machte.
Dann vernahm Sebastian Cosmins Stimme in seinen Gedanken und an den gelb, rot und in anderen Farben glühenden Augen einiger ihnen zugewandten Gäste erkannte er, dass auch zu jenen, die nicht menschlich waren, Cosmins Stimme drang. Sie klang sanft und freundlich.
Ich bin Cosmin Radulescu, und es ist wahr, ich bin der letzte legitime Nachfahre des Vlad Tepes und Erbe der Krone des Tepes.
Einige Gäste bewegten sich betont unauffällig Richtung Ausgang.
Es wurde mir zugetragen, dass unter euch Sorgen herrschen, was meine Absichten betrifft. Diese Sorgen sind unberechtigt. Ich achte den Frieden, der hier herrscht, denn es ist der gleiche Friede und das gleiche Willkommen, wie es auch in meinem Haus herrscht.
Ich bin nicht hier, um Ansprüche zu stellen, die mir vielleicht vor Hunderten von Jahren zugestanden hätten. Ich bin in niemandes Namen hier, um Gehorsam oder Gefolgschaft einzufordern oder gar zu richten.
Sebastian stellte sich neben Cosmin und legte ihm demonstrativ die Hand auf den Arm. Er demonstrierte seine Zugehörigkeit zu Cosmin und fühlte, wie von Cosmin Freundlichkeit und Wärme ausging.
Unser Haus in Bonn wird allen offenstehen, die im Geiste der Nachbarschaft, des Respekts und der Achtung des anderen kommen. Es gibt nicht den geringsten Grund für euch, vor mir Angst zu haben.
Auch nach diesen Worten war das Misstrauen in einigen Gesichtern nicht gänzlich der Erleichterung gewichen. Bei einigen hatte es Neugier Platz gemacht. Andere blieben reserviert. Aber zumindest flüchtete niemand mehr zum Ausgang.
Cosmin nickte freundlich und drehte sich wieder zur Theke. Die beiden jungen Vampirinnen starrten ihn mit offenen Mündern an.
»Wie hast du das denn gemacht?«, fragte Doro und auch der Barkeeper staunte.
»Alter! Erklär mal! Unser Alpha kann so mit dem Rudel kommunizieren, aber niemals mit der ganzen Community. Für Durchsagen braucht er immer die Soundanlage.«
»Ich kann es eben.«
Sebastian hütete sich, noch mehr von Cosmins Fähigkeiten zu enthüllen. Es würde für Unruhe sorgen. Und auch er selber wollte sich nicht als Magier outen. Es beunruhigte ihn etwas, dass von Wölfen, Dämonen, Dschinnen, Vampiren, Elfen und selbst Trollen die Rede war, aber kein Magier dabei war. Niemand, der wie er mit Magie umging.
»Hey, wir sind gekommen, um zu feiern und um zu tanzen. Und jetzt stehe ich hier schon die ganze Zeit herum. Außerdem habe ich mir den alten Wartesaal noch gar nicht komplett angesehen. Cosmin, lass uns mal eine Runde drehen.«
»Genau, seht euch um und habt Spaß«, rief Jerome und zwinkerte. »Aber halt dich von den Dämonenjungs fern.«
Sebastian lachte und zog Cosmin am Arm mit sich. Sie bewegten sich langsam durch die Menge und betraten den zweiten der beiden Säle der unter dem Kölner Hauptbahnhofes gelegenen Veranstaltungsstätte. Gelegentlich lächelte sie jemand etwas scheu an. Mehr als einmal fühlte Sebastian ein Wispern in seinen Gedanken, eine Art mentales Hallo, das wohl ein Gruß sein sollte. Er nickte dann freundlich und versuchte, einen ähnlichen Gruß zu signalisieren.
Der Alte Wartesaal war mittlerweile fast voll. Viele gut gelaunte Partygäste strömten an der Lounge vorbei, bewegten sich auf den Dancefloors oder standen in kleinen Gruppen zusammen. Eine lange Schlange stand vor der Abendkasse und durch das Fenster sah Sebastian Besucher, die Plakate hochhielten, auf denen Tickets gesucht wurden.
»Scheint fast ausverkauft zu sein«, meinte er. »Cosmin, das ist ja mal ein Ding. Ich hätte nie gedacht, dass es in Köln so viele von uns gibt. Bisher kannte ich nur Vampire und Dschinnen, und jetzt gibt es sogar Dämonen, Werwölfe und Elfen? Hier in Köln?«
»Ich habe während meines langen Lebens schon viel gesehen, und dass es dies alles gibt, das wusste ich, weil ich hin und wieder einige getroffen habe. Manches davon habe ich sogar Marius und Rasmus als Geschichte erzählt. Aber dass hier ist anders.«
»Inwiefern?«
»Wie Ioan und ich oder die Bucharis leben die Vampire, Werwesen oder Dämonen in Clans oder Familien. Wir treten nicht an die Öffentlichkeit. Natürlich nehmen wir Menschen auf, manchmal als Diener oder als Partner, die wir dann manchmal verwandeln«, sagte Cosmin und sah ihn liebevoll an, »aber diese hier haben sich von ihren Clans losgesagt und sind Einzelgänger. Oder nur locker zusammen.«
»Woher weißt du das?«
»Das entnehme ich ihren Gedanken.«
»Aber das ist doch nicht schlimm.«
»Nein, schlimm ist es nicht, aber es ist ungewöhnlich. Menschen haben zu Recht – wenn du an Ioan denkst – Angst vor uns, und diejenigen von uns, die friedlich leben wollen, ohne Menschen zu schaden, verlassen sich aber dennoch auf den Schutz, den die Familie, der Clan oder das Rudel geben kann. Auch wenn ich längst wusste, was Ioan für ein Ungeheuer ist, war er dennoch mein Bezugspunkt.«
Sebastian überkam Rührung, als er schon ahnte, was Cosmin als Nächstes sagen würde.
»Naja, und dann kamst du, eine furchtbare, zickige, arrogante Nervensäge, mit Malte im Schlepptau, die ihr euch keinen Deut darum schertet, dass ich ein Vampir bin. Ihr habt nach dem ersten Schreck nur wissen wollen, ob ich gefährlich bin und mir eine Chance gegeben. Das war der Moment, wo ich mich innerlich von Ioan verabschiedet habe. Auch wenn die Bucharis nicht auf den Plan getreten wären, hätte ich mich wegen dir von Ioan getrennt.«
»Es hat sich sehr viel getan bei uns allen, nicht wahr?«, stellte Sebastian fest. »Es hat mir zuerst Angst gemacht. Das mit der Magie, die Dschinnen und plötzlich so im Mittelpunkt zu stehen. Und jetzt sind hier so viele andere – Vampire, Dämonen und Werwölfe.«
»Macht es dir immer noch Angst?«
»Ich verstehe nicht, warum ich der einzige Magier bin«, gab er zu. »Wenn es Vampire und all das gibt, warum keine Hexen und Magier?«
»Erinner dich daran, dass Lalla Sara immer sagt, dass die Magie sich auf dich konzentriert. Wir Vampire, die Dämonen, Dschinnen und Werwesen sind Angehörige magischer Völker und Spezies, aber in gewisser Weise immer noch menschlich. Du hast eine magische Begabung, das ist etwas anderes.«
Sebastian seufzte.
»Ja, das hört sich logisch an. Es wäre aber trotzdem schön, nicht der einzige Magier zu sein. Egal, ich will jetzt tanzen. Kommst du mit?«
»Hast du etwas dagegen, wenn ich dir zusehe? Ich setze mich an die Bar dort vorn«, fragte Cosmin und beugte sich dann vor, um ihm etwas zuzuflüstern. »Hase, ich glaube, da möchte vielleicht der eine oder andere mit mir sprechen, traut sich aber nicht, wenn du dabei bist.«
Sebastian ließ unauffällig den Blick schweifen und bemerkte Köpfe, die sich schnell wegdrehten, Köpfe, die zu Personen zu gehören schienen, die genau wußten, wer sie waren. Es leuchteten verstohlen rote Augen, weiße Fänge blitzten und manche Gäste schienen unter Anspannung zu stehen. Sie lächelten nicht, sondern schienen unschlüssig zu sein, ob sie nicht lieber wieder gehen sollten.
»Aber wir haben ihnen doch gesagt, dass sie keine Angst haben müssen! Versteh‘ nicht, was die haben. Ich behalte dich im Blick! Wehe, du verschwindest ohne mich mit so einem Incubus!«, grinste Sebastian.
»Eifersüchtig?«, zog Cosmin ihn auf, als Sebastian sich zur Tanzfläche bewegte.
»Quatsch, aber ich will den auch kennenlernen. Sag ihm, er soll uns besuchen«, rief Sebastian, bevor er im Gewühl der zuckenden Leiber verschwand.
Cosmin sah ihm lächelnd hinterher, und winkte den Barkeeper heran. Der nahm sein Ticket und tauschte es aus.
»Das ist für unsere speziellen Gäste«, erklärte er leise auf Cosmins fragenden Blick. »Es erweitert das Getränkeangebot.«
»Und was bekommen die Werwölfe und Incubi? Das würde mich nun wirklich interessieren.«
»Die Wölfchen gehen ins Restaurant, bekommen dort ihr sehr englisches Steak und die Incubi mit Begleitung bekommen die Keycard für den Klubraum. Wir wollen doch, dass unsere Gäste sich wohlfühlen«, erklärte der Barkeeper fröhlich, während er Ananassaft und gecrushtes Eis in einen Cocktail-Shaker füllte. »Es ist nur schwierig, wenn Elfen dabei sind. Einige von denen sind seit Neuestem auf dem Veganertrip und fangen dann mit den Wölfen an zu streiten.«
»Elfen wollen Werwesen davon abbringen, sich blutig zu ernähren?«, fragte Cosmin ungläubig. »Das kann ich kaum glauben.«
»Bescheuert, was? Die Elfen verwickeln sie in endlose Diskussionen, dass Werwesen über sich hinauswachsen müssten und ihren Proteinbedarf aus ethischen Gründen auch mit Eiweißshakes auf Sojamilchbasis oder Tofuschnitzeln decken könnten. Aber das perlt an den Wölfen ab wie ein Knoblauchdip an einer Teflonpfanne.«
Cosmin beobachtete zufrieden, wie Sebastian fröhlich und mit halbgeschlossenen Augen zwischen den anderen Partygästen auf der Tanzfläche herumzappelte, hier und da einen anderen Tänzer anflirtete und sich offensichtlich bestens amüsierte.
Er lehnte lässig an der Bar und strahlte behagliche Entspannung aus.
»Wir haben von deinen Aktivitäten gehört«, sprach ihn jemand von der Seite an. Die Stimme gehörte einem geschäftsmäßig gekleideten Mann, der sich von den anderen Partygästen abhob. Ein kleines Kabel führte von einem Headset unter die Jacke des Sprechers.
Jemand von der Veranstaltungsleitung vermutete Cosmin. Und definitiv kein Mensch.
»Tatsächlich?«
»Ja, tatsächlich. Ich bin Carsten Schüller. Mir gehört die Agentur, die dieses und andere Events veranstaltet.«
»Dann bist du also der Alpha des Eifeler Rudels«, stellte Cosmin fest und wartete ab, was sich weiter ergeben würde.
»Siehst du den Jungen dort vorn? Der in der Lederrüstung? Ein bißchen Robin Hood Outfit?«
»Ich sehe ihn. Weiße Haare, schmales Gesicht. Ja, was ist mit ihm?«
»Und das Mädchen, das neben der Säule tanzt? In dem Oberteil, das nur so funkelt von Pailletten?«
»Auch sie sehe ich. Sie schaut gerade zu uns. Hübsches Girl.«
»Und dann ist da dieser Junge mit den leuchtenden Augen und den weißen Haaren, die ihm in die Stirn fallen. Siehst du ihn?«
»Ich bin nicht blind. Und warum zeigst du mir diese Personen?«, fragte Cosmin etwas unwillig und ahnte schon, was jetzt kommen würde.
»Es haben sich Geschichten bis nach Köln herumgesprochen, in denen die Rede davon ist, dass ein Berater der Polizei einen Jungen mit einem magischen Erbe aus einer gefährlichen Lage herausholte und ihn zu sich genommen hat.«
»Berater der Polizei ist etwas viel gesagt«, wehrte Cosmin ab. »Und woher weißt du davon?«
»Einer unserer Security-Mitarbeiter ist mit einem Bonner Feuerwehrmann befreundet, der etwas von einem Großeinsatz erzählte, bei dem es um einen Tierfang ging. Ein Tier, das Feuer gespien haben soll und den Medien als Tiger verkauft wurde, der in einen Zoo abtransportiert wurde. Es kam aber kein Tiger in irgendeinem europäischen Zoo an. Dafür verschwand ein Junge aus einem Jugendheim. Ein Junge, der mit Feuer zu tun hatte«, sagte Carsten bedächtig. »Wir überwachen die Zoos, um zu verhindern, dass einer von uns aus Versehen in eine missliche Lage gerät.«
»Dem Jungen geht es gut. Er kann momentan nur nicht in die Öffentlichkeit, sonst wäre er sicher mitgekommen«, erklärte Cosmin. »Seinen Anblick kann man mit keiner noch so guten Verkleidung erklären.«
Carsten Schüller blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und wartete ab, während Cosmin kurz über Reuven berichtete.
»Ein Drache also. Das ist etwas Neues«, murmelte Carsten. »Das hatten wir noch nicht.«
»Und was ist nun mit den drei Gästen da drüben, die du mir gezeigt hast?«, fragte Cosmin.
»Unser Rudel gibt es seit acht Jahren. Jerome hat es bereits erklärt. Wir leben ganz gut, haben uns arrangiert und kommen klar«, erklärte Carsten und lächelte dünn. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung, als er fortfuhr. »Ein paar Vampire gibt es, die harmlos sind. Aber jetzt taucht in immer mehr Leuten ein Erbe auf, das uns überfordert.«
»Jerome sprach von Elfen und Dämonen«, sagte Cosmin vorsichtig und Carsten nickte, als er kurz mit der Hand auf den Jungen mit den lila Haaren zeigte.
»Der Junge mit den lila Haaren ist ein Incubus. Manche würden ihn Liebesdämon nennen, andere ein Sexmonster, weil er einmal im Monat, ähnlich wie wir Werwölfe bei Vollmond, etwas außer Rand und Band gerät. Ihr Vampire ernährt euch von Blut, der Junge braucht dann Sex. Und wenn ihn seine Phase zu einem ungünstigen Zeitpunkt erwischt, dann verursacht er Probleme.«
»Jerome sprach davon.«
»Ja, er ist sehr eifersüchtig und möchte Salentin nicht mit jemand teilen. Das ist das Hauptproblem der Beiden. Und er wurde auf der Autobahn bei Bielefeld geblitzt, als Salentin sich mit ihm beschäftigte. Das Foto kam in der Agentur an, weil er mit einem Firmenwagen unterwegs war.«
Cosmin, der gerade an seinem Getränk nippte, prustete los und verschluckte sich prompt vor Lachen. Das muss ich Basti erzählen.
»Entschuldige, aber mein Kopfkino …«
»Ging uns im Rudel auch so, und Jerome wird diese Geschichte ewig anhaften. Ich weiß bis heute nicht, wie er es geschafft hat, diese Fahrt zu überstehen. Aber Salentin hat noch ein anderes Problem. Er steht kurz davor, seine Wohnung zu verlieren.«
»Warum?«
»Augenblick«, sagte Carsten und lauschte einer Mitteilung. Er gab ein paar Anweisungen und drehte das Mikro des Headsets dann wieder weg, um sich wieder Cosmin zuzuwenden.
»Seine Nachbarn haben sich bei der Verwaltungsgesellschaft beschwert, weil er und andere seiner Spezies sich mit ihren Partnern einmal im Monat dort getroffen haben. Es geht dann etwa zwei Tage recht ausgelassen zu«, beschrieb Carsten das Problem und zuckte mit den Schultern. Sein Gesichtsausdruck sagte Cosmin genug.
»Zu dünne Wände?«, fragte Cosmin und Carsten nickte.
»Ich war einmal dabei. Wir Wölfe sind recht stark und ausdauernd, aber selbst uns …«, sagte Carsten und machte eine Pause. »Es ist so, dass auch Nachbarn sich eine Zigarette anzünden, wenn Salentin fertig ist.«
»Lass das nicht Sebastian hören«, entfuhr es Cosmin. »Der würde das sofort ausprobieren wollen.«
»Die Häuser gehören der Kirche. Außerdem spielt er hervorragend Saxophon. Seine Musik paßt nicht zu einer Party, aber du solltest ihn einmal hören, wenn er ‚All by myself‘ spielt.«
»Darin sehe ich kein Problem«, entgegnete Cosmin. »Ich kenne einen guten Oud-Spieler aus dem Buchari-Clan.«
»Sid, das ist der mit den weißblonden Haaren in der braunen Wildlederhose mit der grünen Weste, malt Bilder. Er ist besessen von seiner Kunst. Die Bilder können beängstigend sein, weil sie wahr sind. In diesen Bildern verarbeitet er die Realität, wie er sie in seinen Visionen sieht. Und diese Visionen, die er hat, sind teilweise sehr furchteinflößend. Aber das ist nicht das Schlimmste. Schlimm ist es, wie seine Bilder entstehen. Er berührt eine Person oder eine Sache, die der Person gehört, und hat dann manchmal eine Offenbarung. Und dann muss er malen.«
»Ein Seher?«, entfuhr es Cosmin ungläubig.
»Ja, Vampir, so einen wie ihn nennt man wohl einen Seher. Sid kann nicht erkennen, ob es Dinge aus der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft sind, die sich ihm zeigen. Es macht ihn fertig, und deswegen trägt er immer Handschuhe. Auch jetzt, denn natürlich will der Junge auch einmal unter seinesgleichen feiern.«
»Und das Mädchen? Was ist mit ihr?«
»Ich weiß es noch nicht, aber etwas ist an ihr, was nicht menschlich ist. Und dann sind da noch eine Vampirin und ihre Freundin.«
»Aber warum kommst du damit zu mir?«
»Unsere Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt. Mein Rudel verberge ich im Wolfsmanagementprogramm der Länder. Ansonsten leben wir ganz normal, haben unsere Jobs und unser Leben. Ich arbeite halbtags als Verhaltensbiologe. Halbe Stelle, doppelte Arbeit, aber dafür habe ich Zugriff auf einige Labore«, erläuterte Carsten und zog eine Grimasse, mit der er deutlich machte, dass die Bezahlung sich in Grenzen hielt. »Kurz vor dem Vollmond mieten wir uns meistens in einer Jugendherberge in der Nähe eines der großen Nationalparks ein. Dort gehen wir auf die Jagd.«
»Jugendherberge?«
»Die Eventagentur trägt uns, aber große Sprünge sind nicht drin.«
»Wie seid ihr überhaupt zu Werwölfen geworden? Jerome war nicht sehr ausführlich.«
»Die zwölfte Klasse eines Biologie Leistungskurses machte vor ein paar Jahren eine Exkursion in den Nationalpark Eifel. Ein Projekt zur Besichtigung potenzieller Wolfs-Habitate. Tagsüber Unterricht und am Abend wollten ein paar Jungs zu einer Party. Da liefen sie einem Wolf über den Weg, der sie nacheinander überfiel und gebissen hat. Die Wunden verheilten überraschend schnell, noch in der gleichen Nacht und sie kamen verstört zu mir. Zwei Tage später war Vollmond und der Werwolf rief sie. Ich folgte ihnen, der Werwolf überfiel auch mich und wollte mich den Jungs zum Ausweiden vorwerfen.«
Carsten lächelte und das Lächeln war nicht freundlich. Seine Kiefer mahlten aufeinander und er knirschte wütend mit den Zähnen, als er fortfuhr. »Er sagte, er hätte sie auserwählt. Sie seien fortan sein Rudel und müssten ihm gehorchen. Die Schüler waren ganz und gar anderer Meinung, denn er hatte sie nicht gefragt, ob sie zu Werwölfen werden wollten. Er hat sie in gewisser Weise vergewaltigt und sie zu einem Leben gezwungen, dass sich wohl niemand aussucht.«
»Wo kam er eigentlich her? So häufig sind Werwölfe nicht.«
Carsten zuckte mit den Schultern, was wohl so viel hieß wie ‚Ich habe nicht den geringsten Schimmer‘ und redete weiter. Der Barkeeper schob ihm einen doppelten Whiskey zu.
»Er war verrückt. Der Wolf schwafelte etwas von alten Pakten und Bündnissen, die über die Zeiten hinweg gelten würden. Wirres Zeug. Jedenfalls haben die Jungs sich auf ihn gestürzt und mich befreit. Da hatte er mich aber auch schon gebissen.«
Von einem Haufen frischgewandelter Teen Wölfe in der Situation kann man wohl nicht erwarten, dass sie rationell denken. Die haben vermutlich kurzen Prozess gemacht, überlegte Cosmin.
»Also habt ihr euch gegen ihn gewehrt, vermute ich?«
»Es gab einen Kampf, in dem er unterlag. Er war schon alt und nicht mehr sehr stark. Leider mussten wir feststellen, dass sich mit seinem Tod für uns nichts geändert hatte. Es ist ein Gerücht, dass mit dem Tod des Erzeugers der Fluch aufgehoben wird. Die Jungs blieben Werwölfe, ich war beim nächsten Vollmond dran und habe mich des Rudels angenommen, nachdem sie mich darum baten. Wir haben uns damit abgefunden. Da bleibt als logischer Schluss nur die Annahme, dass es kein Fluch ist. Zwei der Jungs waren zuerst sehr verzweifelt. Doch zusammen haben wir uns daran gewöhnt und unser Leben organisiert.«
Cosmin betrachtete den nicht mehr ganz jungen Werwolf mit Respekt. Ruhig und gelassen mit dem Whiskyglas in der Hand stand er vor ihm. Der geborene Anführer, stark und selbstbewusst und bereit, notwendige Entscheidungen zu treffen.
»Und seit etwa ein, zwei Jahren stoßen wir in solchen Jugendherbergen und bei unseren Events auf interessante Gäste. Junge Leute, die auf der Suche sind nach Antworten auf die Frage, was mit ihnen passiert. So wie dein Drache.«
Cosmin erinnerte sich, wie er vor nicht allzu langer Zeit mit Doktor Schäfer über Reuvens Situation gesprochen hatte. Er hatte schon damals vermutet, dass sich bei Reuven der erste Fall des Einflusses der Magie zeigte. In Sebastian zeigte es sich besonders deutlich.
Er seufzte. So viele unbekannte Fragen und keine Antworten auf die große Frage, was die Zukunft bringen würde.
»Vorhin hast du gesagt, dass dein Haus allen offen stehen wird, die in Frieden kommen. War das nur so daher gesagt, um die Menge zu beruhigen oder steckt mehr dahinter?«
»Ich habe, auch wegen Reuven, ein großes Anwesen gekauft. Aber wir sind dort noch nicht eingezogen. Es wird dort Platz sein für andere Bewohner. Wenn wir mit den Umbauten fertig sind, was noch etwas dauern wird. Also wenn du mit deinem Rudel einziehen willst, muss ich das erst mit den anderen besprechen.«
Carsten lachte herzhaft.
»So war das nicht gemeint, Vampir. Wir sind nicht obdachlos und ganz gut versorgt. Es geht mir um die drei. Und vielleicht noch andere, auf die wir künftig stoßen. Das Mädchen, der Incubus und der Seher. Es wäre gut für sie, wenn sie einen Ort hätten, wo sie hingehen können.«
»Ich werde darüber nachdenken. Versprochen«, sagte Cosmin und hielt Ausschau nach Sebastian.
»Heute Abend sind etwa tausend Besucher hier«, sagte Carsten zufrieden. »Wir sind ausverkauft, das wurde mir gerade gemeldet. Etwa hundertfünfzig Gäste zählen zu den Vampiren, Dämonen, Wölfen, Höllenhunden, Elfen oder Feen. Und ein paar Reservekarten hält der Einlass zurück, falls aus dieser Gruppe jemand auftaucht, der keine Klubcard hat. Die Menschen können überallhin, aber unsereins hat nur diesen Platz, um in seiner natürlichen Form zu erscheinen. Die meisten kommen damit klar, aber Sid, Salentin und das Mädchen sollten nicht allein sein.«
Der folgende Satz ließ Cosmin vor Schreck zusammenfahren.
»Und noch eins, Vampir. Wir kennen deine Geschichte.«
»Was soll das heißen?«
»Wir kommen herum. Wir waren auch in Sachsen auf der Jagd. Unheimliche Gegend, selbst für einen Werwolf. Komische Leute, diese Sachsen. Viel Düsternis in den Köpfen, auch jene Dunkelheit, die mehr ist als Dunkelheit. Und versteckte Leichen. Bestialisch zugerichtete Leichen, allesamt ohne Blut. Wir wissen, wie ein Mensch aussieht, der einem mordgierigen Vampir in die Hände fiel.«
»Wann wart ihr da? Und wo genau wart ihr auf der Jagd?«, fragte Cosmin tonlos.
»Vor zwei, drei Monaten jagten wir in der Nähe von Plauen. Da fanden wir die Leichen von drei Frauen und einem Mann. Der Geruch des Vampirs war noch frisch«, sagte Carsten mit finster zusammengezogenen Augenbrauen. »Aufgerissene Kehlen und gebrochene Knochen. Der Boden war blutgetränkt. Der Vampir, der das gemacht hat, ist ein elender Sadist, der sich am Leid seiner Opfer weidet. Wir konnten die Verzweiflung und die Angst seiner Opfer immer noch spüren. Er hat sie tief in den Wald verschleppt, und sie dort ausbluten lassen. Ich glaube nicht, dass er viel von ihnen getrunken hat. Was sagst du dazu, Vampir?«
Cosmin lehnte an der Theke, und seine Hand umklammerte ein Glas. Er atmete tief ein und versuchte, sich zu beruhigen, denn während Carstens Schilderungen war ihm schlecht geworden.
»Ich sehe, dass wir beide wissen, wer dahinter steckt. Du solltest das in Ordnung bringen.«
Und dann sagte er noch etwas, was Cosmin zusammenzucken ließ. Ganz gelassen und selbstverständlich sprach er es aus.
»Du bist der Fürst.«
Als Cosmin antworten wollte, ließ Carsten ihn nicht zu Wort kommen.
»Ich weiß, was du sagen willst. Aber dein Erbe kannst du nicht ignorieren oder ausschlagen, denn es wird dich immer verfolgen. Selbst hier sprach sich bei jedem aus der Community dein Name sofort herum, als er an der Theke im kleinen Saal genannt wurde. Das raste wie ein Lauffeuer herum. Du warst Reuvens Stimme bei der Polizei, du bist die Verbindung zu den Bucharis und du bist der Erbe. Viele Vampire warten darauf, dass du deinen Platz einnimmst. Sollen sie Angst oder Respekt vor dir haben?«
Der Werwolf wartete seine Antwort nicht ab, als er fortfuhr.
»Köln ist unsere Heimatstadt und wir werden nicht dulden, dass sich hier etwas Ähnliches abspielt. Dieser andere Vampir ist ein Monster der übelsten Sorte und für solche Wesen ist kein Platz. Er ist wie der Werwolf, der uns angriff. Egoistisch und irre.«
Ioan holt mich überall ein, dachte Cosmin frustriert.
»Ich habe einmal gegen Ioan gekämpft und verloren. Seitdem hat er mich gezwungen, für ihn zu arbeiten. Und er hat mittlerweile wichtige Verbündete, die er kontrolliert.«
Er blickte Carsten prüfend in dessen braune Augen und sah nichts als freundliche Neutralität und die Bereitschaft, ihm zuzuhören. Kurz versuchte er, in dessen Gedanken zu lesen, stieß aber auf Widerstand.
»Keine Spielchen, Vampir«, warnte Carsten eindringlich und bleckte die Zähne. »Das kommt nicht gut. Ich will lediglich wissen, woran wir mit dir sind.«
»Es war nicht böse gemeint«, beschwichtigte Cosmin und entschied sich dann, Carsten mehr zu erzählen. Ihm sind die Bucharis bereits bekannt und vielleicht ist es Zeit, noch andere Verbündete zu suchen.
In den folgenden Minuten, die nur von gelegentlichen leisen Ausrufen Carstens unterbrochen wurden, weihte er den aufmerksam lauschenden Alpha in das Geheimnis seines Erbes ein.
Danach dachte Carsten eine Weile nach. Der Barkeeper fragte nach Getränkewünschen und dieses Mal orderte Cosmin einen Cocktail. Während dessen beobachtete Cosmin das lärmende Geschehen um sie herum. Sebastian sah glücklich aus und Cosmin, der sich das nicht nehmen ließ, fing einige von Sebastians Gedanken und Empfindungen ein.
Sein Freund sah nicht nur glücklich aus, er war überaus erregt. Ihm gefiel ein Junge, der mit ihm flirtete und ihm jetzt sogar einen Kuss zu hauchte. Sebastian tanzte mit ihm, und Cosmin sah belustigt und mit einer Spur Eifersucht zu, wie sein Freund den Jungen ermutigte. Da knisterte es kräftig zwischen den beiden. Erotische Spannung lag in der Luft.
Hase, da lässt man dich einmal von der Leine, und schon bist du auf Beutezug, dachte er belustigt und sah sich den anderen Tänzer an. Ein Kapuzen-Tanktop in schwarzem Lederimitat, ebensolche Shorts, da hatte die Verpackung eines sportlichen Körpers auf langen, leicht behaarten und muskulösen Beinen Sebastians Blut zum Kochen gebracht. Die beiden kamen sich näher und tanzten immer enger.
»Dein Freund da drüben?«, fragte Carsten.
»Ja, der kleinere im Maleficient-Cosplay, das ist Sebastian. Kennst du den anderen?«
»Das ist Pierre, einer der Walking Acts, der heute aber frei hat und es anscheinend auf deinen Freund abgesehen hat. Ist uns mal zugelaufen.«
»Zugelaufen?«
»Höllenhund. Verwandt mit den Gargoyles. Etwas seltsame Wesen. Nicht von der intellektuellen Sorte, aber ehrlich, treu und mutig bis zur Selbstaufgabe, wenn sie sich einmal jemandem angeschlossen haben. Ideale Wächter und Security. Man muss aufpassen, was man ihnen sagt, denn sie haben einen Hang, alles sehr wörtlich zu nehmen. Und sie sind absolut ehrlich, sie können nicht lügen.«
»Hm …«, machte Cosmin unschlüssig.
»Ich kann ihn in die Schranken weisen«, bot Carsten an.
Wenn Sebastian Spaß mit einem anderen Typen haben möchte, entschied Cosmin, dann soll er das ruhig haben.
»Sebastian ist nicht mein Eigentum. Wir sind Partner und Freunde, aber nicht verheiratet«, stellte er klar und lachte kurz, weil ihn die Vorstellung, Sebastian zu heiraten, irgendwie amüsierte. Auf die Idee war er bisher noch nie gekommen. Obwohl er mit Cosmin und Jan ein solches Paar vor Augen hatte.
Darüber muss ich mir wirklich Gedanken machen, überlegte er. Memo an mich, es wird Zeit, dass ich wirklich sesshaft werde.
»Pierre hat eine Schlüsselkarte zu den Räumen, die auch die Incubi nutzen, wenn sie ihren Hunger stillen. Er wird dir deinen Freund bald entführen. Aber du bekommst ihn unversehrt zurück. Pierre ist in Ordnung. Sehr devot, und er macht fast alles, was man ihm sagt.«
Cosmin, der daran dachte, dass sein Freund im Bett darauf stand, von ihm genommen zu werden, grinste plötzlich und fühlte sich erleichtert.
»Ja, dann bin ich sicher, dass ich Basti unversehrt zurückbekomme.«
Einen Augenblick blinzelte Carsten verständnislos, dann lachte er schallend, als er kapierte. Er klopfte Cosmin auf die Schulter.
»Vampir, du gefällst mir«, meinte er glucksend und wurde übergangslos ernst. »Aber das mit deinem Cousin Ioan, das musst du in Ordnung bringen. Kommen seine Verbrechen ans Licht, dann werden die Menschen wieder gnadenlos Hatz auf uns alle machen.«
»Ioan ist reich, sehr viel wohlhabender und einflussreicher als ich. Er hat Verbindungen zur Polizei, zu Politikern und der Kirche. Er ist ein skrupelloser Mörder, aber intelligent und gerissen. Er manipuliert seine Umgebung und hat willfährige Helfershelfer. Sogar solche, die ihm freiwillig folgen und seine Machenschaften decken.«
»Aber du bist der Fürst«, wiederholte der Werwolf ernst. »Dir werden sie folgen, wenn du sie rufst. Und er da«, er wies auf Sebastian, »zieht die Magie auf sich. Seitdem ihr in Bonn seid, tauchen immer mehr Wesen auf, darunter der Drache, Dämonen. Entweder ist es die Magie, die das Erbe in den Menschen weckt oder dein Magier wirkt wie ein Signalfeuer, das magische Wesen anzieht.«
»Und das sagt ein Biologe, ein Wissenschaftler?«, fragte Cosmin skeptisch und beobachtete, wie Pierre Sebastians Hand ergriff und mit ihm die Tanzfläche verließ. Sie verschwanden im Gewühl der Zuschauer.
»Wusstest du, dass das Erbgut einer Maus und eines Menschen sich in nur drei Prozent voneinander unterscheidet? Schau dir das Chromosom 16 der Maus an. 731 Gene hat dieses Chromosom, und nur vierzehn von ihnen finden sich nicht beim Menschen. Und der Mensch hat 21 Gene auf seinem Chromosom 16, die sich nicht bei der Maus finden. Interessant, nicht wahr?«, meinte der Alpha. »Überleg mal, wie gering die Unterschiede zwischen uns Werwölfen, Vampiren, Dämonen und Elfen sowie Menschen dann sein können und woran es liegen könnte, dass es nur so wenige von uns – ich nenne das jetzt mal so – magieempfänglichen Wesen gibt. Wenn sie auch mit zunehmender Tendenz hier auftauchen.«
Die ruhige Art des Werwolfs, und seine Sicht der Dinge gefielen ihm. Bis auf die Sache mit dem Erbe. Carsten schien jemand zu sein, der die Lage nüchtern analysierte, Lösungsvorschläge heranzog und abwog.
»Du meinst also, dass es eine natürliche Erklärung für die Existenz von magischen Wesen gibt?«
»Ich denke darüber nach und habe den Ansatz einer These. Es gab zufälligerweise eine Blutprobe von Jerome, die aus der Zeit vor seiner Verwandlung zum Werwolf stammte. Ich habe mir diese Probe besorgen können und untersucht.«
»Was kam dabei heraus?«
»Ich konnte nur Teilabschnitte analysieren, denn ich habe nur kurzzeitig Zugang zu dem Genomsequenzierer, mit dem an meiner Universität das Erbgut von Wölfen untersucht wird. Ich schmuggelte zwei Proben von Jerome ein. Als ich sein heutiges Erbgut mit dem aus der damaligen Probe verglich, fiel mir auf, dass ein Chromosom sehr geringfügige Abweichungen hat. Es schienen einzelne Abschnitte aktiver zu sein. Und in den Zellen der neuen Probe tauchten mehrere Nukleotide auf, die vorher nicht da waren.«
»Das ist interessant«, erkannte Cosmin und war höchst aufmerksam.
»Natürlich kann man vom Untersuchungsergebnis zweier Blutproben nichts ableiten. Schließlich gibt es auch natürliche Ursachen für die Veränderung des Erbguts. Aber es liefert Ideen, und ich habe dann Blut- und Speichelproben aller Werwölfe meines Rudels untersucht. Da wir alle von einem Werwolf gebissen wurden, haben wir den gleichen Ursprung. Im Speichel findet sich natürlich auch Erbgut, Zellen aus der Mundschleimhaut, und bei allen von uns taucht dieses veränderte Chromosom auf«, erläuterte Carsten weiter. »Das Wolfsansiedlungsprojekt, das von mehreren Universitäten gesteuert wird, hat leider keinen Hochdurchsatz-Genomsequenzierer, mit dem ein vollständiges Genom innerhalb weniger Stunden aufgeschlüsselt werden könnte. Die Dinger kosten ein Schweinegeld.«
»Wir sollten diese Ideen bei Gelegenheit mit Lalla Sara, dem Oberhaupt des Buchari-Clans, diskutieren. Ich bin sicher, dass es sie interessieren wird.«
»Warum?«
»Die Buchari-Stiftung fördert Wissenschaftler und außerdem hättest du da ebenfalls eine überschaubare Familie. Eine Untersuchung von deren Blutproben ergäbe sicherlich interessante Untersuchungsergebnisse«, überlegte Cosmin. »Ja, davon bin ich überzeugt.«
Carsten nickte, nachdem er kurz nachgedacht hatte. »Zwei magische Spezies zu untersuchen und zu sehen, ob es Parallelen gibt, das wäre sicherlich hochinteressant.«
»Ich habe auch schon darüber nachgedacht, ob es möglich sein könnte, für uns Vampire einen Ersatz für menschliches Blut zu schaffen. Die Bucharis brauchen nur teilweise Blut und vertragen tierisches Blut, aber ich komme damit nicht klar. Wir bräuchten Wissenschaftler, denen wir vertrauen können«, stellte Cosmin fest. »Warum leben einige von uns länger, fast ewig, werden nicht krank, werden mit zunehmendem Alter stärker oder können sich verwandeln? Was ist der Grund, dass Sid Visionen hat, ich Nebel rufen oder mich im Nebel tarnen kann?«
Der Werwolf musterte ihn aufmerksam.
»Nebel?«
Cosmin nickte und schloß die Augen. Er bewegte lautlos die Lippen und dann sah er durch die großen Fenster nach draußen. Carsten folgte seinem Blick und nickte beeindruckt, als graue Nebelschwaden wie Trockeneisschwaden über den Bahnhofsvorplatz waberten. Gelegentlich traf ein Lichtstrahl auf die Nebelschwaden und ließ sie in Rot, Blau oder Grün erstrahlen.
Und dann zerfaserten die Nebelschwaden und lösten sich auf.
»Sicherlich nützlich.«
»Früher auf der Jagd, aber heute eher weniger. Blutkonserven muss man damit nicht beeindrucken.«
Sebastian erschien wieder, ohne den attraktiven Pierre, und sah sich suchend um, bis er Cosmin entdeckte und auf ihn zukam. So ganz zufrieden sah er nicht aus und Cosmin unterdrückte ein Lächeln.
»Ich glaube, ich habe dich lange genug mit Beschlag belegt, Vampir. Du solltest dich um deinen Freund kümmern. Es war ein aufschlussreiches Gespräch, dass wir miteinander geführt haben und ich muss mich auch um andere Gäste kümmern.«
»Wir bleiben in Verbindung«, sagte Cosmin freundlich zu.
»Und denk an dein Erbe … Fürst«, setzte Carsten bedeutsam hinzu, um sich dann anderen Gästen zu widmen.
»Du Cosmin, also das hättest du erleben sollen! So ein Reinfall«, schimpfte Sebastian erbost, ohne den sich entfernenden Carsten weiter zu beachten. »Das ist mir ja noch nie passiert. Dieser Typ, total süß, erst macht er auf harter Kerl und dann sowas!«
»Wieso?«, fragte Cosmin erheitert und genoss die Ablenkung nach dem Gespräch mit dem Werwolf. Was sind schon Diskussionen über Magie, mein Erbe und magische Spezies, wenn Sebastian Harrach seine Prioritäten setzt.
»Der hat mich nach Strich und Faden angebaggert, fand mich heiß, schleppt mich in so einen Raum, wo schon andere Typen zugange sind, und dann stellt sich heraus, dass er auf Kuschelsex steht. Er wollte mich zu sich nach Haus nehmen. Also wirklich, wer ahnt denn sowas!«, beschwerte Sebastian sich missmutig. Sein Kostüm saß noch genauso wie zu Beginn des Abends. Da war nichts gelaufen, wie Cosmin feststellte.
»Pierre hat dir gefallen?«
»Mhm, das hat er. Hey, woher weißt du überhaupt, wie er heißt?«, fragte Sebastian. »Ich habe seinen Namen doch gar nicht genannt.«
»Wir haben euch beobachtet«, sagte Cosmin und erklärte Sebastian, über was er mit dem Werwolf alles gesprochen hatte. Sein Freund war aber momentan an anderen Dingen interessiert und hörte nur halb zu.
»Ui!«, machte Sebastian und suchte die Menge ab, »so viele heiße Vampire und andere Wesen sind hier? War ja klar, dass ich bei dem einzigen Typen lande, der auf Blümchensex steht und ne Kuschelmaus ist. Und sowas nennt sich Höllenhund! Nicht zu fassen!«
Er murmelte noch etwas vor sich hin, und Cosmin glaubte, etwas wie Höllenpinscher gehört zu haben. Fast überkam ihn Mitleid mit Sebastian und er ließ seine Hände auf dessen Po wandern. Sebastian dampfte förmlich vor Lust angesichts der vielen Besucher, von denen einige flirteten.
»Hase, also wenn du mit mir vorliebnehmen willst«, sagte Cosmin zufrieden, »mich musst du nicht erst erobern.«
Er saß auf einem Barhocker und zog seinen Freund noch näher zu sich heran, sodass sein Kinn auf Sebastians Schulter zu liegen kam.
»Weiß ich doch, aber Appetit holen wird man sich ja noch dürfen«, flüsterte Sebastian und bog den Kopf zur Seite. Cosmin berührte mit seinen Lippen den Hals des jungen Mannes, spürte das Pochen des Blutes und atmete genussvoll den Duft ein, der von Sebastian ausging. Die Lippen wanderten über den Hals, seine Zungenspitze tastete über die Hautoberfläche und Sebastian kicherte, als er seinen Po zwischen Cosmins Beine drückte.
»Willst du noch bleiben oder sollen wir fahren? Wir können uns auch die Keycard für den Klubraum besorgen«, bot Cosmin an.
»Nee, lieber nicht. Morgen können wir ausschlafen«, wehrte Sebastian ab. »Ich möchte keine schnelle Nummer. Dafür liebe ich dich viel zu sehr und der Sex mit dir ist so geil, dass sich auch das Warten lohnt.«
Cosmin drückte kurz zu und schloß seine Arme um Sebastians Bauch.
»Hast du Durst?«
Schon eilte der Barkeeper heran und nahm Sebastians Getränkewunsch entgegen. Wenig später kam das gewünschte Getränk. Ein gekühlter Fruchtcocktail, alkoholfrei, wanderte durch Sebastians Kehle.
»Aber das ist ja ein Ding, dass wir so bekannt sind«, staunte Sebastian. »Hätte ich jetzt nicht gedacht. Und dass es in Köln so viele Vampire und ein Werwolfrudel plus Dämonen gibt – wow!«
»Hase, ich bin nicht so begeistert. Hast du nicht zugehört?«, fragte Cosmin etwas vorwurfsvoll.
»Doch, du bist der Radulescu-Prinz«, bekam er zu hören, »und der Wolf meint, du solltest Ioan bekämpfen. Da hat er doch recht.«
»Basti, in einem Krieg gibt es immer auch Opfer. Ioan lässt sich nicht so einfach bekämpfen. Er wird Verbündete haben, darunter Leute wie deinen Vater oder den Bischof. Das wird schwer und gefährlich. Für uns alle.«
»Aber Ioan ermordet Leute, das hast du selber gesagt«, wandte Sebastian ein und seine Augen blitzten erregt, als er ihn ansah. »Das geht nicht. Und er will dein Erbe.«
Cosmin seufzte.
»Basti, der Wolf hat auch gesagt, dass ich der Fürst bin. Das denken einige der Vampire hier.«
»Na wenn die dich wählen und akzeptieren, dann solltest du das annehmen. Ich finde das gut.«
»Ich soll mir die blutige Krone aufsetzen und dann womöglich einen Thron aufstellen, mit Hofstaat und all dem Brimborium? Du spinnst! Willst du dann mein Prinzgemahl sein? Das meinst du nicht ernst.«
Sebastian lachte herzhaft.
»Quatsch, so wörtlich meine ich das nicht. Aber weißt du noch, wie du mir im Hotel in Marrakesch erklärt hast, wie reich du bist, dass du Menschen ins Unglück stürzen oder glücklich machen kannst? Und dass du das viele Geld sinnvoll einsetzen willst?«
»Natürlich, großer Reichtum bedeutet auch große Verantwortung.«
»Es ist mir wahnsinnig schwergefallen, damit klar zu kommen, dass du so in Geld schwimmst. Das weißt du«, sagte Sebastian ruhig. »Aber ich habe es akzeptiert. Dann tu doch was für die anderen Vampire. Oder für die Werwölfe und Dämonen. Hilf Carsten bei seiner Forschung, so wie du Malte und mir mit unserer Firma hilfst. Wenn der so ein Genomdingsbums braucht, kannst du ihm dann nicht eines kaufen? Und stell dir mal vor, es gäbe wirklich einen künstlichen Blutersatz. Dann bräuchte niemand mehr vor Vampiren Angst zu haben.«
»Da ist was dran, Hase«, gab Cosmin zu.
»Wenn so ein Incubus wie Salentin Hilfe braucht und nett ist, warum ihm dann nicht helfen? Oder so wie du Reuven geholfen hast, zusammen mit Herrn Lux.«
»Aber als Fürst«, murmelte Cosmin unwillig, »anderen Befehle geben oder wie ein Herrscher Gesetze erlassen, das geht doch nicht.«
»Stimmt, das ist vorbei. Aber wenn du Malte ohne Zwang hast beibringen können, dass man gelegentlich auch mal den Müll rausbringt, dann wirst du sicher auch anderen Vampiren beibringen können, dass man Menschen leben lässt oder am besten gleich auf Blutkonserven umsteigt.«
Sebastian hatte sich mittlerweile aus seiner Umarmung gelöst und stand vor ihm. Aber immer noch ganz nah. Eine Hand lag auf seinem Oberarm. Ernst und konzentriert, mit einem sehr überzeugten Ausdruck im Gesicht sah er ihn an.
»Mach nicht so ein Gesicht, als ob Malte dir den Weinkeller geplündert hat. Du kannst Regeln aufstellen für das, was wichtig ist, und für diejenigen, die deine Hilfe wollen und dich als Fürsten betrachten. Ist doch egal, wie du dich nennst. Solange aus Cosmin, dem Batmännchen auf Biker-Pumps, nicht Cosmin, der blutgierige Pfähler wird.«
»Und Ioan? Was rätst du mir im Umgang mit Ioan, oh du weiser Berater?«, fragte Cosmin halb ironisch. »Wer Macht ausübt, muss auch unangenehme Entscheidungen treffen. Es bedeutet nicht nur, einen Drachen aufzunehmen und ihm zu helfen.«
Sie ignorierten den Partylärm und die sie umgebenden feiernden Partybesucher. Auch die erotische Stimmung, die noch vor wenigen Momenten zwischen ihnen geherrscht hatte, war verflogen. Cosmin spürte, wie wichtig Sebastian seine Fragen nahm.
»Wenn es bedeutet, dass man sich, seine Familie und Freunde dadurch schützt, dann müssen auch Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden, die schwer sind. Das ist in jedem Staat so. Und Ioan greift uns an, weil du ihm im Weg bist. Er hat versucht, mich durch diesen Polizisten töten zu lassen. Er hat versucht, Jan ermorden zu lassen, vermutlich um meinem Vater einen Gefallen zu tun. Ich habe das nicht vergessen und wenn ich daran denke, dann macht mir das nicht wenig Sorgen«, sagte Sebastian ganz offen. »Manchmal wache ich nachts auf und habe Angst, wenn ich mich daran erinnere. Ich kann mich mit meiner Magie Ioan vielleicht zur Wehr setzen. Aber was ist mit Malte? Was ist mit meinen Neffen? Mit anderen unschuldigen Leuten?«
Cosmin atmete tief ein und es lief ihm kalt den Rücken herunter. Er war sehr bestürzt, als Sebastian so direkt davon sprach, dass er tief in seinem Innern doch Angst vor Ioans Machenschaften hatte. Und er sah sich nicht zum ersten Mal damit konfrontiert, dass unsichtbar über ihnen eine immense Bedrohung schwebte. Es blieb nichts anderes übrig, er würde sich dieser Bedrohung wirklich stellen müssen.
In ihm reifte der Entschluss, den Kampf aufzunehmen.
»Du hast recht, Basti, das kann so nicht weitergehen. Ich muss mir dazu etwas einfallen lassen«, sagte er entschlossen.
»Ja, und dazu gehört, dass du deine Rolle annimmst. Wenn die anderen Vampire wollen, dass du derjenige sein solltest, der sie vertritt, dann ist mir das lieber, als Ioan als Vampirfürst zu sehen. Und das willst du ja schließlich auch nicht.«
Cosmin schüttelte sich bei dem Gedanken.
»Ich möchte wieder tanzen, aber dieses Mal mit dir«, bat Sebastian, trank seinen Cocktail aus und stellte das leere Glas auf der Theke ab. Cosmin folgte ihm bereitwillig und zusammen tanzten sie in dem Größeren der beiden stuckverzierten Säle des historischen Kölner Veranstaltungsortes. Hin und wieder synchron und Sebastians Gedanken entnahm Cosmin, dass der junge Mann dabei auch an den Abend im Plauener Sodom dachte, wo sie sich zum ersten Mal nahe gekommen waren.
Bis weit in die Nacht hatten sie Spaß und verdrängten die Gedanken an Ioan, Fürstenerbe und andere Herausforderungen und Gefahren. Hin und wieder begegnete ihnen jemand auf dem Dancefloor mit einer gewissen Herausforderung. Gedanken und Empfindungen wechselten zwischen ihnen hin und her, Aggressivitäten und Unsicherheiten verschwanden und machten Beruhigung und Akzeptanz Platz.
Spät in der Nacht kehrten sie nach Bonn zurück und nachdem Sebastian sich aus seiner Verkleidung befreit hatte, und sie im Bett lagen, schmiegte er sich an Cosmin.
Es dauerte nicht lange und dann kündeten ein bereitwilliges Seufzen, streichelnde Hände und weiche Lippen auf seiner Haut davon, dass Cosmin auch noch nicht schlafen wollte.
»Hase?«
»Mhm?«
»Pierre hat dir gefallen?«
»Öhm, ja, schon«, gab er zu und stieß die Decke beiseite, sodass er nackt vor Cosmin lag.
»Hättest du dich von ihm nehmen lassen?«, fragte Cosmin und ließ seine Hand zwischen Sebastians Beinen tasten. Nur zu willig, wie rollig presste Sebastian sich den Händen entgegen und stöhnte lustvoll unter den Berührungen.
»Hach, ich weiß nicht!«, zögerte Sebastian und schlug etwas kokett die Augen nieder.
Cosmin knurrte vernehmlich und drehte ihn erregt auf den Rücken. Er kniete vor ihm und starrte seinen überraschten Freund an.
Schnell und heftig hob er Sebastian an den Hüften an und zog ihn zu sich heran. Mit geübten Griffen hob er den Po an und drang heftig in ihn ein, sodass Sebastian erstickt keuchte, und ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
»Gott, ist das heiß, mach weiter!«, wimmerte er erregt und umklammerte mit seinen Beinen den zustoßenden Cosmin. Dann wollte er seinen eigenen harten Schwanz in die Hand nehmen, doch Cosmin ergriff ihn an beiden Handgelenken und drückte sie aufs Laken.
»Ich will aber kommen«, stöhnte Sebastian. »Lass mich doch!«
»Nein!«, keuchte Cosmin und hielt ihn fest, während seine Stöße immer heftiger wurden, bis er schließlich in Sebastian kam. Dann löste er sich von seinem immer noch erregten Freund, dessen Schwanz immer noch steil emporragte.
An der Spitze glänzte ein wenig Flüssigkeit und blitzschnell leckte Cosmin den Tropfen auf, bevor er den Schwanz ganz in den Mund aufnahmen und mit der Zunge umspielte.
Sebastian warf den Kopf hin und her, seine Hände versuchten irgendwo Halt zu finden, gleichzeitig stöhnte er lustvoll.
Doch dann ließ Cosmin von ihm ab und griff neben das Bett. Förderte etwas zutage. Blitzschnell zog er einen elastischen Cockring über Sebastians Erektion und massierte sanft den prallen Schaft.
»Was hast du vor?«, gurgelte Sebastian und wand sich weiter unter unbarmherzig massierenden Händen.
»Schhht«, machte Cosmin und nahm eine neben dem Bett stehende Flasche mit einem Massageöl, das er großzügig von oben bis unten auf Sebastians Körper verteilte. Es war mehr, als dessen Haut aufnehmen konnte, aber Cosmin erregte der Anblick des nassen, vor ihm liegenden und vor Öl glänzenden Körpers erneut. Öl tropfte in kleinen Bächen von Sebastian herunter.
Abwartend lag Sebastian vor ihm und beobachtete ihn gespannt.
Langsam kam er auf allen vieren näher. Hockte sich über ihn, bis er Sebastians harte Erektion unter sich spürte. Er umfasste sie mit der Hand und führte die Spitze an seinen Po. Dann ließ er sich herabsinken und fühlte mit Genuss, wie der glühende Schaft in ihn eindrang. Und wie sich gleichzeitig seine Erektion aufbaute und vor Sebastians Blick zuckte.
Vor sich sah er das ungläubige Gesicht Sebastians, dessen weit aufgerissenen Augen ihn anstarrten. Sein halbgeöffneter Mund stieß Laute der Lust hervor, während Cosmin sich auf Sebastian auf und nieder bewegte, ihn geradezu ritt. Dann beugte er sich vor, kam auf dem öligen Körper des Jungen zu liegen, doch gleichzeitig begann Sebastian zuzustoßen, und sie wälzten sich in lustvoller Extase auf dem Bett.
Sebastian griff ihm in den Nacken und zog Cosmins Kopf an seinen Hals. Er bog den Kopf beiseite.
»Bitte!«, flüsterte der junge Mann, und Cosmin biß zu, ließ das heiße Blut des Jungen in seinen Mund strömen und schluckte es gierig, bevor er die Wunde des Stöhnenden wieder verschloss.
Sebastian bewegte sich wieder in ihm und die Erektion war immer noch steinhart. Und Cosmin genoss die Hitze seines Freundes, das heiße Brennen. Sie rollten sich herum, Cosmin kam unter Sebastian zu liegen und dieses Mal schlang Cosmin seine Beine um Sebastian.
»Küß mich!«, keuchte Cosmin und Sebastian folgte bereitwillig. Seine Zunge spielte um Cosmins Fänge. Dann verdrehte der Junge die Augen, keuchte auf und kam in ihm. Seine Hände krallten sich in Cosmins Rücken, er wälzte sich wieder unter ihn und Cosmins Schwanz schlug auf Sebastians Bauch. Glitt über die ölige Haut und schoss dann eine heiße Ladung ab.
Nach einer Weile, als ihr Herzschlag sich wieder beruhigt hatte, zog Cosmin Sebastian auf sich. Er wollte dessen Wärme spüren, denn das Gefühl dieses warmen Körpers auf seiner Haut, das liebte er besonders.
Sie schwiegen, bis Sebastian kleine Küsse auf Cosmins Lippen setzte.
»Das ist das erste Mal, dass du dich von mir hast ficken lassen«, stellte Sebastian fest und seine Stimme hörte sich ganz benommen an.
»Jede gute Schallplatte hat auch eine B-Seite«, grinste Cosmin. »Wenn du derjenige bist, mag ich es auch.«
Sie standen auf, gingen duschen und dann bezog Cosmin das Bett neu. Als Sebastian sich etwas anziehen wollte für die Nacht, ließ der Vampir es nicht zu.
»Hase, komm in meine Arme, da ist es warm genug und ich kann dich besser spüren«, flüsterte er liebevoll.
»Du willst bestimmt nachher noch mal …«, vermutete Sebastian.
»Vielleicht träumst du heute Nacht von meinen Lippen, wie sie über deinen Hals streicheln, von meiner Zunge, wie sie deinen Körper erforscht, von meinen Händen, wie sie dich sanft in die richtige Position bringen, von meinem Mund, der deinen Schwanz aufnimmt, von meinen Fingern, die deine süßen kleinen Pobacken spreizen, von meiner Zunge, die dich vorbereitet. Und dann wirst du wach, und stellst fest, dass du dich nicht bewegen kannst und mir ausgeliefert bist«, flüsterte Cosmin ihm ins Ohr, als sie wieder im Bett lagen.
Er antwortete nur mit einem mit einem kleinen glücklichen Seufzer, wie Cosmin ihn nur zu gut kannte. Und dann kuschelte sich Sebastian in seine Arme und schlief ein.
Cosmin blieb noch eine Weile wach, bis auch er einschlief