Weihnachten in der Villa Meyer-Frankenforst

Hagen Ulrich Band 1 Hochzeit der Vampire

Hagen Ulrich Band 1 Hochzeit der Vampire

Am folgenden Tag, es war Heiligabend, ging Monika zu ihrem Großneffen und weckte ihn.
»Guten Morgen, mein Junge. Frohe Weihnachten.«
»Dir auch frohe Weihnachten!«
»Und bist du gestern noch beim Sport gewesen?«
»Ja sicher, will ja nicht einrosten«, gähnte Jan und streckte sich.
»Heute Abend möchte ich gern, dass du zu Hause bist. Da gibt es diese alte Sitte, Heiligabend genannt oder Fest der Liebe, irgendwas mit Geschenken und so, habe ich gehört«, meinte sie und Jan erkannte, dass die Strenge nur halb gespielt war.
»Sehr komisch!« Jan grinste etwas gezwungen. »Heiligabend mit Al-Quaida im Haus, wird bestimmt lustig. Ihr Taliban kommet, oh kommet doch all!«
»Jan!« Sie gab ihm eine Kopfnuss. »Was soll das? Zufällig weiß ich, dass Elias ein Geschenk für dich hat.«
»Was denn? Eine Granate mit Aufprallzünder? Einen Salzstreuer mit Anthraxsporen?«
»Jan, hör auf damit! Das ist nicht lustig. Die beiden sind nett und du weißt das eigentlich. Wenn sie das zu dir nicht sind, dann überleg mal, an wem das liegt!« Sie stand auf und verließ den Raum. Im Türrahmen drehte sie sich noch mal um. »So, und nun raus aus den Federn. Falls du noch das eine oder andere Geschenk besorgen willst, denk dran, bis 14 Uhr haben die Läden noch auf.«
Was wollen die mir denn schenken? Da muss ich denen ja auch noch was besorgen. Mist, verdammter! Ein Flugticket nach Hause, dachte er boshaft und sprang aus dem Bett. Allmählich wurde ihm bewusst, wie peinlich für ihn die Situation war. Soll das die Revanche sein? Mich blöd dastehen lassen vor allen?
Er flitzte Richtung Bad und lauschte, ob es leer war. Totenstille, Na, wenigstens ist Elias schon weg.
Ihm ging nicht aus dem Kopf, dass dieser ihm etwas schenken wollte.
Was kann der mir schon schenken? Irgendwie ja schon nett von dem … Kameltreiber?
Ihm fiel auf, dass er im Zusammenhang mit Elias nicht mehr in diesen Begriffen dachte. Stattdessen hatte er vor Augen, wie er Elias im Bad überrascht hatte. Und dann die Nacht, als Elias aus dem Bett gefallen war und er ihn im Arm gehalten hatte. Er schüttelte den Kopf und sprang unter die Dusche.
Später, in der Küche traf er seine Großtante. Der Rest der Hausbewohner war schon unterwegs.
»Er will mir echt etwas schenken? Und das ist kein Witz?«, platzte er heraus.
»Jan, Nina hat es mir gesagt und Elias hat sich anscheinend etwas ausgedacht. Es ist nichts Bösartiges oder so.«
»Ich verstehe das nicht«, murmelte er.
»Sag mal, kannst du dir vorstellen, dass von Elias trotz allem, was du ihm an den Kopf geworfen hast, etwas Nettes kommen könnte?«
»Nachdem er mich so an die Wand genagelt hat?«
»Rat mal, wer ihm den Tipp gegeben hat.«
»Wie bitte?« Er schaute die alte Dame fassungslos an.
»Das hattest du mehr als verdient! Und wenn er gewollt hätte, dann hätte er dich schön durch die Mangel drehen können. Ich habe ihn in Marokko auf der Jagd mit seinem Geparden gesehen. Er war es, der die Beute getötet hat, nicht der Gepard.«
»Und das soll mich beruhigen? Toll, gewalttätig ist er also doch. Habs ja geahnt.« Jan wollte nicht zugeben, dass er beeindruckt war.
Mit einem Geparden auf der Jagd, Donnerwetter.
»Du siehst nur das, was du sehen willst. Was direkt vor deiner Nase passiert, das siehst du nicht! Wie kann man nur so blind sein! Scheuklappen sind damit verglichen ja geradezu eine Sehhilfe!«
Jan lachte nervös und verließ die Küche, nachdem er sich schnell ein Brötchen und einen Kaffee genehmigt hatte. Auf ein ausführliches Frühstück hatte er keine Lust, das barg die Gefahr in sich, weiteren unangenehmen Fragen seiner Großtante ausgesetzt zu sein.
Irgendein Geschenk wird sich für die beiden Geschwister ja wohl noch finden lassen, dachte er und fuhr in die Stadt. Er ging zu Bouvier und fragte die Verkäuferin um Rat. Die war im Weihnachtsstress und stellte die Standardfragen. Für wen, wie alt, was darf es kosten und dann hielt er zwei als Geschenk verpackte Bücher in der Hand. Er war sich nicht ganz sicher, ob es das Richtige war.
Wieder dachte er an die Szene auf der Treppe, als Elias ihm am Schluss so dicht gegenübergestanden war und er ihm tief in die braunen Augen gesehen hatte. Jan gestand sich ein, dass er diese Augen schön fand.
Es ging auf den frühen Nachmittag zu und er machte sich auf den Heimweg. Die Geschäfte schlossen und die Stadt leerte sich.

Am Abend trafen sich Familie und Freunde im Wintergarten, der ein wenig umgeräumt worden war, um einem Tannenbaum neben dem Esstisch Platz zu machen.
Nach dem traditionellen Weihnachtsessen, Bockwurst mit Kartoffelsalat, mit Rücksicht auf die Gäste Rinderwurst, gab es die Bescherung. Geschenke wurden getauscht und zuletzt bat Elias um Ruhe. Er nickte seinem Lehrer zu, der schon aufstand, um seine Klarinette zu holen. Zu seinen Gasteltern gewandt, sprach er:
»Ich möchte euch danken, dass ihr uns aufgenommen habt und für uns da seid. Es ist nicht immer einfach«, er blickte zu Jan, »aber es gibt ja auch schöne Momente, wie jetzt zum Beispiel. Seitdem wir hier sind, habe ich kaum Oud gespielt. Heute will ich sie endlich wieder erklingen lassen.«
Er ging vor ins Wohnzimmer. Familie und Freunde folgten. Zuletzt und zögernd kam Jan und blieb unsicher vor ihm stehen.
»Jan, setz dich bitte. Genau da, direkt vor mich. Bitte.«
Er verteilte die anderen und zog zwei Stühle an seine rechte und linke Seite, die er seinem Lehrer und Mounia zuwies. Seine Schwester hatte die beiden arabischen Trommeln mitgebracht, mit denen sie ihn und Faris in der Kasbah begleitet hatte.
»Ich habe schon in Tunis daran gearbeitet, seitdem mir das Buch in die Hände fiel, das in der Kasbah im Archiv der Familie aufbewahrt wurde. Es ist eine alte Schrift aus dem zehnten Jahrhundert eines arabisch-andalusischen Autors, der Ibn Hazm Al-Andalousi hieß. Poet, Literat, Politiker und vieles mehr. Sein berühmtestes Werk ist ‚Das Halsband der Taube‘. Er schreibt über Gefühle, über Liebe, Trauer, Freundschaft, Hass, Leidenschaft, Neid, Missgunst und Blindheit«, wieder sah er zu Jan, »alles, was einen Menschen ausmacht.«
Er holte ein kleines Päckchen hervor.
»Dies ist eine französische Übersetzung des arabischen Textes und ein Teil meines Geschenks für dich, Jan. Der andere Teil sind die Gedanken, die ich beim Lesen des Buches hatte und die ich versucht habe, in Musik zu fassen. In Tunis war ich mit meinen Ideen nicht so recht zufrieden. Mittlerweile hat sich bei mir jedoch viel ereignet, und jetzt bin ich so weit, dass ich es spielen kann.« Er blickte Mounia an und nickte ihr zu. »Lehnt euch bitte alle zurück und schließt die Augen.«
Seine Schwester gab ihm mentale Unterstützung, sodass alle den Wunsch verspürten, es sich bequem zu machen. Monika kuschelte sich an Clemens‘ Seite, Nina lehnte sich an ihren alten Hausarzt und Oleg, der es sich in dem alten Ohrensessel bequem gemacht hatte, entspannte sich.
Jans großer Kater rollte sich auf Olegs Schoß zusammen. In Jans Kopf ließ Elias seine Stimme ertönen, jedoch so, dass Jan nicht merkte, dass nur er es hörte.
Schau mich an!
Und dann begann Elias mit dem Spiel. Wie in der Kasbah gab seine Schwester den Rhythmus vor, und er schuf die Themen rund um die Kapitel und Gedichte des Buches. Er kannte die Texte auswendig, so oft, wie er sie gelesen und über die einzelnen Kapitel nachgedacht hatte.
Sanft, aber unnachgiebig zwang er Jan zum Zuhören und ließ ihn an seinen Empfindungen teilhaben. Er beobachtete den großen Studenten, der mit weit aufgerissenen Augen lauschte. Der junge Vampir sah ihm die ganze Zeit fest in die strahlend blauen Augen. Elias ließ seine Akkorde und Tonfolgen auf Jan eindonnern, wo es nötig war, und sanft streicheln, wo es möglich war.
Er ließ ihn die Trauer spüren, als Mounia und er die Nachricht erhielten, dass ein Großteil der Familie umgekommen war, die Wut und Fassungslosigkeit angesichts dieser Sinnlosigkeit. Jan erlebte die Freude über sein Können auf der Laute, er fühlte aber auch den Verlust, den Elias mit dem Tod seines ihm besonders nahe stehenden Cousins Samy erfahren hatte.
Nie wieder würden sie durch die Wüste laufen, gemeinsam auf der Jagd mit ihren Geparden, nie wieder nach dem Essen in den Dünen liegen, der eine mit dem Kopf auf dem Bauch des anderen liegend und zärtlich durch die Haare streichelnd.
Elias teilte mit Jan die Wut, die er während ihrer Auseinandersetzung auf der Treppe empfunden hatte, aber auch, wie traurig er eigentlich über diesen Streit war. Zu den Instrumentenklängen trug Elias Gedichte vor, wie er sie von Faris gelernt hatte.
Faris nahm die einzelnen Themen mit der Klarinette auf, und der kristallklare Klang dieses Instrumentes verschärfte noch das Empfinden, das Elias kommunizierte. Er drückte mit der Oud seine Gefühle aus, wie er es noch nie getan hatte. In diesen Momenten merkte er auch, dass er dadurch mit der Trauer abschloss, eine Phase beendete und sich für Neues bereit machte.
Als die Drei das Konzert beendet hatten, waren nahezu neunzig Minuten vergangen. Faris, Mounia und Elias stand der Schweiß auf der Stirn, und Elias war wie gerädert. Auch Faris und Mounia waren müde, mental aber nicht so ausgepowert wie Elias. Die Zuhörer waren von der Intensität des Spiels gefesselt und Nina schaute zwischen ihrem Bruder und Elias hin und her. Jan saß da, sah genauso erschöpft aus wie Elias, der ihn scheu anlächelte.
»Frohe Weihnachten, Jan!«
Jan nickte ihm zu und ließ nicht die übliche Kälte sehen. Er öffnete den Mund, klappte ihn zu und setzte erneut zum Sprechen an. Schließlich brachte er ein heiseres ‚Danke‘ hervor, erhob sich und verließ den Raum.

Für Jan war das Erlebte ein Frontalangriff auf seine Abwehr. Er war total überrascht, ja förmlich überrannt worden. In ihm tobte ein Aufruhr an Gefühlen. Elias‘ Stimme hatte nicht bedrohlich geklungen, sondern sanft, liebevoll und schmeichelnd. Und er konnte verdammt gut auf seinem Instrument spielen, das musste Jan zugeben. Die vorgetragenen Verse hatten ihn ebenfalls berührt. Eine bisher unbekannte Saite in ihm war berührt worden und ihr Klang hallte immer noch.
Jan hatte auch die Trauer um die getötete Familie gespürt. Teilweise waren Bilder vor seinem inneren Auge aufgeblitzt, von denen er nicht verstand, wie er sie sehen konnte. Was er Elias die ganze Zeit unterstellt hatte, Aggression und Gewalt, davon war nichts zu spüren gewesen. Dafür aber freundliche Gefühle ihm gegenüber, was ihn vollends verstörte.
Warum ist er so nett zu mir, fragte er sich. Alles hatte schön geklungen und war ihm zu Herzen gegangen. Er war völlig aus der Spur gebracht.
Himmel, balzt der mich etwa an? Mag der mich? Jan war fassungslos. Er ahnte, dass der andere Junge ihn trotz allem sehr mochte und ihm etwas anbot. Und er gestand sich, dass er auch etwas fühlte.
Am Ende des Abends löste die Gruppe sich auf. Oleg brachte den Doktor in sein Haus und fuhr dann selbst. Faris war in einem der leeren Zimmer des obersten Stockwerks einquartiert worden.

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