Bundestagswahl 2021 und der Gendersternchen-Kulturkampf

Vielleicht bin ich mit meinen 54 Jahren schon zu alt, vielleicht als weißer schwuler Mann auch zu privilegiert – was weiß ich. Aber das Gendersternchen, so stelle ich es verwundert fest, beeinflußt meine Wahlentscheidung, welche Partei ich bei der Bundestagswahl 2021 wähle.

Ich werde auch weiterhin morgens zum Bäcker gehen, um dort meine Zeitungen und meine Brötchen zu holen. Ebenso wie ich zum Arzt gehe, wenn es nötig ist.

Unsere Bundesbienen auf der Bundeskunsthalle flogen jahrelang über Start- und Landebahn mit dem Regenbogen.
Unsere Bundesbienen auf der Bundeskunsthalle flogen jahrelang über Start- und Landebahn mit dem Regenbogen.

Ich werde nicht zu*r*m Bäcker*in gehen, um dort aus den Händ*innen der Bäckereifachverkäufer*innen (einen Bäckereifachverkäufer habe ich noch nie gesehen) meine Brötchen*innen und Zeitung*innen zu kaufen.

Und ich werde mich weiterhin für Gleichberechtigung einsetzen, d.h. für mich, dass ich es selbstverständlich finde, wenn Menschen für die gleichen Tätigkeiten die gleiche Entlohnung unabhängig vom Geschlecht erhalten und dass ihnen ebenso die gleichen Karrieremöglichkeiten offen stehen. Ebenso wie ich Transgender-Personen ein erfülltes und glückliches Leben wünsche, und es für mich selbstverständlich ist, dass Gesellschaft und Politik dafür das Menschenmögliche tun.

Bis einschließlich der letzten Bundestagswahl war ich klassischer Grün-Wähler, gern mit einem Blick nach links, denn als ehemaliger Bioland-Berufsimker, der schon lange einen Blick auf Artensterben und Umweltprobleme hatte, fand ich mich seit meiner Studentenzeit nie im konservativen Bereich wieder. Als schwuler Mann – für meinen Ehemann gilt das gleiche – sowieso nicht.

Bei der Bundestagswahl 2021 wird das anders sein

Wir haben zu unserer eigenen Verwunderung festgestellt, dass wir – die wir beide (Autor/Verleger plus KfW-Banker) eher klassische linke Positionen einnehmen – vom Gendern und dem Auftreten Linksidentitärer so angewidert sind, dass wir Rot oder Grün eher nicht wählen können. Spätestens als eine Debatte (Thierse, Eskens et al.) entbrannte, weil eine lesbische Frau mit Vornamen Heinrich nicht richtig gegendert wurde, war das Thema für uns erledigt. Das ist – mit Verlaub – für uns der Ausdruck einer Wohlstandsverwahrlosung, wenn das „richtige Gendern“ (in den Medien) die Nation bewegen soll.

Wir aossziieren Grün und Rot mittlerweile mit Begriffen wie Zensur und Sprachpolizei.

Es wird trotzdem nicht die AfD sein, die wir bei der nächsten Bundestagswahl ins Auge fassen. Dem AfDreckspack haben wir Einbrüche, Bedrohungen Hakenkreuzschmierereien nach der Aufnahme zweier Flüchtlinge zu verdanken.

Gender-Gegner -> Nazi?

Ich finde es persönlich auch immer „sehr nett“, wenn man als Gender-Gegner gleich im Lager der Völkischen verortet wird. Es zeigt eigentlich nur, dass sich die Extremisten – hier AfD, da Linksidentitäre – in ihrem Hass auf alles, was nicht ihrer Meinung ist, ziemlich ähnlich sind.

Obwohl wir – um das eher linke Gesamtbild zu betrachten – eher für einen deutlich höheren Mindestlohn sind, eine Vermögenssteuer begrüßen würden, eine viel schärfere Umwelt- und Klimapolitik mit Blick auf eine nicht mehr nur klimaneutrale, sondern eine klimapositive Ausrichtung wünschen, und wir Fridays for Future sehr wohlwollend wahrnehmen, haben wir festgestellt, dass uns das bei Grünen, Linken etc. verbreitete Gendern und der gewünschte Umbau der Sprache so sehr abstößt, dass RotRotGrün, GrünRot oder RotGrün für uns kaum infrage kommt. Es beeinflusst also unsere Entscheidung, wen wir bei der Bundestagswahl als wählbar ins Auge fassen.

Letztes Jahr hatten wir eine Wohnung im Haus an eine Studentin vermietet und sie berichtete uns, dass sich die Studis mittlerweile vorsichtig an ihre Dozenten wenden und fragen, ob sie in den Arbeiten gendern sollen. Ein Dozent der TH Köln, mit dem wir privat befreundet sind, erzählte uns genervt, dass es an der TH Köln eine Stelle gäbe, die Texte entsprechend korrigieren würde.

Es ist tatsächlich so, dass ich mich durch das Gendern, also das Verwenden des Gendersternchens in der geschriebenen Sprache, den sich die Grünen z.B. in ihrem Wahlprogramm rund 140mal gönnen, beim Lesen massiv belästigt, ja geradezu vergewaltigt vorkomme. Hartes Wort, ich weiß – aber warum sollte ich es anders formulieren, wenn es so massiv daherkommt?

RotRotGrün, GrünRot oder RotGrün ist quasi durch

Nach der nächsten Bundestagswahl wäre es schön, wenn weder AfD noch Gerndersternchen im Bundestag eine Rolle spielten.
Nach der nächsten Bundestagswahl wäre es schön, wenn weder AfD noch Gerndersternchen im Bundestag eine Rolle spielten.

So sehr, dass alles, was RotRotGrün, GrünRot oder RotGrün erstrebenswert macht, dahinter zurücksteht. Und das ist eigentlich eine ganze Menge, fast alles, was wir für wichtiger halten.

Es ist also die Erfahrung, dass uns das Gendersternchen als ein Angriff auf die Kultur und die eigene kulturelle Identität (Sprache, Literatur) vorkommt, was uns so sehr abstößt, dass wir bereit sind, unsere anderen Grundüberzeugungen dem unterzuordnen. Es kommt als schleichende Zensur daher, als Bevormundung und Kontrolle durch eine Sprachpolizei.

Nun bewegen wir uns nicht in einer queeren Blase, sondern finden bei den Kunden unseres Buchladens, im Bekannten- , Verwandten- und Freundeskreis die Ablehnung des Genderns glücklicherweise ziemlich verbreitet.

Es ist klar, dass der Zug bei Grünen und Linken diesbezüglich vor der Bundestagswahl 2021 nicht aufzuhalten ist. Aber ich hoffe eben, und setze mich dafür ein, dass der Streit um den * die Grünen den Wahlsieg kostet. Und das, obwohl wir Annalena Baerbock durchaus sympathisch und auch als kompetent genug ansehen, um eine Bundesregierung anzuführen.

Nur um es abschließend klarzustellen. Ich will nach der Bundestagswahl keine AfD im Parlament (leider unrealistisch) und schon gar nicht in der Regierung, am liebsten wäre mir als ein Teil des Kampfes gegen die Völkischen ein AfD-Parteiverbot. Das ist längst überfällig.

Aber die Linksidentitären, die sich bei Grünen und Linken tummeln, (siehe „Generation beleidigt) sind mir mit ihrem Kulturkampf ähnlich zuwider.

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Lilith Dandelion
13 Tage zuvor

Erste unbewiesene Behauptung der Gender-Fans: Gendern verändert die gesellschaftlichen Verhältnisse und bringt uns der Gleichberechtigung näher.
Es gibt sogar Argumente, dass Gendern seit Jahrhunderten nicht die perfekte Gleichberechtigung herbeigeführt hat. Denn Deutsch gendert schon so lange, dass wir es gar nicht mehr merken. Es gibt 9 (neun!) verschiedene Verwendungen für das Wort „sie/Sie“, aber nur eine einzige für „er“.
Sogar eine rein männliche Gruppe wird wie angeredet? „Sie, meine Herren…“
Auch wird jeglicher Plural mit „die“ gebildet. Und nein, das ist kein rein generisches Geschlecht wie „der Tisch“ oder „die Brille“, sondern betrifft Personen.
Zweite unbewiesene Behauptung: Ein Wort hat aufwertende Wirkung. Umgekehrt mag das ja gelten, denn permanente Diskriminierung zerstört Selbstwertgefühl. Aber das funktioniert nur in einer Richtung. Erinnern wir uns daran, wie die Fremdarbeiter in Gastarbeiter umbenannt wurden, um sie aufzuwerten. Und wieviele waren dann wirklich Gast in deutschen Familien? Es wurde eher der Hohn draus. Das Wort an sich ist wehrlos. Nimm ein gutes Wort im Kontext diskriminierender Gedanken — es wird verschlissen! Nimmst du aber ein verfehmtes, peinliches Wort, wie „schwul“ es früher einmal war, stolz in Anspruch und schleuderst es kühn deinen Gegnern an den Kopf, dann wird es ein wehrhaftes Wort, ein Kampfbegriff.
Wollen Frauen wirklich in ein sprachliches Gehege? Solange ihre Leistungen nicht selbstverständlich anerkannt werden, ist das eher kontraproduktiv. Weibliche Kunst, Wissenschaft, Technik. Dünnes Eis!
Denn: Es sind die Gedanken, die werten, nicht die Wörter. Wörter werden von Gedanken umgewertet.
Am schlimmsten ist — wie in diesem Artikel verdeutlicht — wenn man nur noch in politischen Komplettpaketen schreiben und denken darfst. Du genderst nicht, du bist also rechts.
Gibt es ein deutlicheres Anzeichen dafür, dass wir uns gesellschaftlich in eine Richtung bewegen, die auf Grundschul-Mobbing hinausläuft?
Und komme ich der Gleichberechtigung nicht viel näher, wenn ich mich rotzfrech als Autor, Künstler und Denker präsentiere?

Dr. Maria Hobl
Dr. Maria Hobl
12 Tage zuvor

Vielen Dank für diesen Text – ich habe bei den Überlegungen wen ich wählen werde das gleiche Problem. Die SPD-Vorsitzende erscheint mir wie eine strenge Tante. …und das mag ich nicht. Der Bayrische Rundfunk (Radio) hat sich gegen das Gendern entschieden, weil so viele Hörer dies wünschen. Ich habe aber mittlerweile Bedenken, in meinem Bekannt*innekreis meine Meinung offen zu äußern, weil das wie ein Sprengsatz wirkt. Schöne neue Welt!