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Leseprobe aus dem Urban Fantasy Roman „Eifelprinzen“ von Hagen Ulrich

Ich arbeite schon etwas länger an dem in Bonn und in der Eifel spielenden Urban Fantasy Roman „Eifelprinzen“, der sich um die Mehlemer Familie Schlott mit ihrem hoffnungsvollen Sprößling Lele, ein uraltes magisches Erbe aus Kreuzfahrerzeiten, die etwas amtsmüde Göttin Hekate und eine alte Burg im Nationalpark Eifel mit ihren etwas seltsamen Bewohnern dreht. Im Tiefen Wald rund um Burg Eu geht es nicht so ganz mit rechten Dingen zu, denn dort residiert Achilles Agamemnon, XXV. Schlott von Schlott auf Eu, der dringend einen Erben braucht. Und den er auch hätte, wenn er nicht … aber ich will nicht zu sehr spoilern.

Als kleines Dankeschön für die zahlreichen freundlichen eMails, Genesungswünsche und Unterstützung während der letzten Tage und Wochen veröffentliche ich vorab das erste Kapitel, in dem Leander Leonidas Schlott, genannt Lele, die leicht schräge Familie Schlott vorstellt. Das Buch ist zu zwei Dritteln fertig und soll im Herbst 2021 erscheinen, höchste Zeit, denn seit drei Jahren habe ich kein Buch mehr veröffentlicht.

Hinweis: Das Kapitel ist noch unkorrigiert und unlektoriert, also seht über eventuelle Fehler hinweg und lernt ein Prachtexemplar von einem von sich selbst überzeugten Pubertier kennen.

Gestatten, Leander Leonidas Schlott, genannt Lele!

Am Anfang war das Chaos

Ich kann ja immer noch nicht so ganz begreifen, was sich in den letzten beiden Jahren abgespielt hat. Ehrlich jetzt, das ist alles so unwahrscheinlich und völlig Banane, das reicht für eine mehrteilige Serie der übelsten und kitschigsten Sorte auf RTL II, nach deren Ansehen man sich fragt, ob die IS-Terroristen nicht vielleicht doch ein kleines bisschen Recht haben, wenn sie den Westen für völlig durchgeknallt halten.
Aber was soll ich sagen? Es hat sich tatsächlich so ereignet. Der schlagendste Beweis dafür liegt neben mir. Da liegt er meistens.
Naja, wenn nicht gerade Vollmond ist. Dann turnt er durch den Wald und Gnade dem Rehbock, Hirsch oder Wildschwein, das ihm in die Quere kommt. Tischmanieren hat er wirklich nicht.
Meine Schwester Lizzie mag ihn nicht besonders. Andererseits mag auch niemand wirklich meine Schwester. Außerhalb ihrer Puschel-Clique. Sie ist Veganerin und zwar eine von der nervigen und penetranten Art. Appelliert bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an jeden, der nicht rechtzeitig flüchten kann, sich doch endlich vegan zu ernähren. Nur so könne man das unsägliche Leid der Tiere in den Fleischfabriken beenden und den Klimawandel stoppen.
Ich streichle dann immer die Petersilie auf dem Fensterbrett in der Küche und versichere der Pflanze, dass sie von mir nichts zu befürchten hätte. Das gilt natürlich auch für ihre Geschwister Dill, Basilikum, Oregano und die anderen italienischen Kräuter.
„Du solltest dich bewusster ernähren!“, sagt sie dann gern. Mit diesem leicht irren Blick in den Augen, mit dem ein Großinquisitor auch Jesus auf den Scheiterhaufen schicken würde. Auf ihrem Speiseplan dreht sich alles um Grünkernbratlinge, Tofuburger und Lauch-Kiwi-Smoothies!
Ehrlich! Lauch-Kiwi-Smoothies!
Ich warte auf den Tag, an dem Lizzies Haut sich grünlich verfärbt und sie auf Photosynthese umsteigt. Der Tag wird kommen!
„Aber davon werde ich höchstens bewußtlos!“, antwortete ich völlig ernsthaft, nahm den Bratling mit spitzen Fingern und warf ihn unserem Hund zu. Die Töle frisst normalerweise alles, aber sowas quittiert er auch nur mit einem Blick, der mich irgendwie schuldig fühlen lässt.
Meine Schwester ignoriert mich sonst, aber ich spüre ihren Ärger so deutlich wie man als Zuschauer die Stiere sieht, die bei der Stierhatz durch Pamplona rennen. Die kann man auch nicht ignorieren. Wenn meine Schwester sich aufregt, das aber nicht zeigen will, dann werden ihre Lippen immer ganz blutleer, so fest presst sie sie zusammen. Und dann ist da diese Ader auf der Stirn, die ganz dick wird.
Also, sie hat tatsächlich probiert, ihn zu einer veganen Lebensweise zu bewegen. Kein Scheiß! Diese Veganer sind wirklich so durchgeknallt und wollen sogar Katzen und Hunde umpolen.

Aber ich sollte mit dem Anfang der Geschichte beginnen und nicht mit dem Ende, wobei das eigentlich auch nicht das Ende ist. Damals ging ich in die zehnte Klasse eines Bonner Gymnasiums. Ich war nicht besonders gut in der Schule, was aber eher damit zusammenhing, dass ich mehr mit meinen Kumpels abhing und am Zocken war als zu lernen. Normal oder? Nicht dass Sie glauben, ich wäre doof. Aber ich verschwende meinen Intellekt nicht ohne Not.
Eines Tages kam ich nach der Schule nach Hause, ließ meinen Rucksack schwungvoll über den Marmorboden schlittern, wobei ich Lizzie um Haaresbreite verfehlte.
Das wütende Protestgeschrei dieser Heimsuchung ließ die Gläser im Schrank klirren. Nicht auszudenken, wenn ich sie getroffen hätte. Es war immerhin ein Eastpak-Rucksack und den ruiniert man sich doch nicht mit dem Make Up seiner Schwester.
„Mamaaaaaa!“
Sie hat so eine Stimme, wie sie die Fette Lady, die den Eingang zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors bewacht, gern hätte, um Gläser springen zu lassen. Ausprobiert hat sie es noch nicht, aber ich würde darauf wetten wollen, dass sie es schafft.
Auf jeden Fall tötet sie meine Nerven.
„Lele! Lass gefälligst deine Schwester in Ruhe! Du bist der Ältere und Vernünftigere.“
Voilà, meine Mutter. Eigentlich heiße ich Leander Leonidas, und damals wusste ich nicht, warum die männlichen Mitglieder unserer Familie diese bescheuerten Namen tragen. Jedenfalls nennt mich alle Welt Lele.
Ich wollte ihr an dieser Stelle nicht widersprechen, obwohl es eines der natürlichen Prärogative älterer Brüder ist, ihre kleinen Schwestern zu foltern. Jedenfalls im Alltag. Also lenkte ich das Gespräch auf ein unverfängliches Thema.
„Was gibt es zu essen?“
„Typisch. Denkt nur daran, seinen Magen vollzustopfen.“
„Ich hab Hunger!“
„Geht schon in das Esszimmer. Ich glaube, Frau Schröder hat das Essen gleich fertig.“
Die erste gute Nachricht an diesem Tag nach einer Doppelstunde Mathe bei einem brutalen Sadisten, der uns mit binomischen Formeln gequält hat und auf die Frage, wofür man im späteren Leben binomische Formeln gebrauchen könnte, äußerst uncool reagierte. Ich war immer der Ansicht, dass dieser Lehrer auch die charakterlichen Eigenschaften aufwies, die man benötigt, um ein Bootcamp zu leiten. Es halten sich hartnäckig die Gerüchte, wonach er ein Foto von diesem Sheriff in Arizona im Lehrerzimmer hatte aufhängen wollen. Dieser Typ, der sich als härtester Sheriff der USA bezeichnete und Häftlinge in rosa Unterwäsche gesteckt hat.
Aber Mathe ist Mathe und Essen ist Essen. Vor allem, wenn Frau Schröder, das ist unsere Köchin, es zubereitet. Meistens jedenfalls, denn manchmal setzt Lizzie ihre perversen Essenswünsche durch.
„Mama, ich will mit Chantal heute Abend auf eine Party. Darf ich?“
Ich verschluckte mich. Das war brandgefährliches Terrain, und für mich konnte das nur schlecht enden.
Es lief gewöhnlich so ab.
Mein liebreizendes Schwesterchen, mittlerweile sechzehn Jahre alt, würde sich stundenlang im Bad einschließen, und danach ihr Zimmer in ein postapokalyptisches Chaos verwandeln auf der Suche nach dem geeigneten Outfit. In letzter Zeit tendierte sie zu K Pop Fangirlie und das hieß greller Lippenstift, der den Betrachter erblinden ließ sowie tonnenweise Make-up. Zuletzt hatte sie einen kurzen Minirock präsentiert, der – wäre er noch kürzer gewesen – auch als Gürtel durchgegangen wäre. Hinsetzen hätte sie sich damit nicht können.
Auf Anordnung meiner almasedierten Mutter sollte ich mit zu der Party gehen, um auf Lizzie aufzupassen.
„Das werde ich nicht. Jedenfalls nicht so. Wenn Lizzie eine Karriere auf dem Straßenstrich plant, ist mir das egal. Aber ich werde nicht als ihr Zuhälter gehen. Soll doch Tyler …“
„Lele!“
Der genervte Blick meiner Mutter war nur halb gespielt.
Man muss dazu wissen, dass Lizzie ein Händchen dafür hat, an die dümmsten Deppen zu geraten. Und vor einem Jahr hatte sie – Gipfel der Dummheit – ihre Angel ausgerechnet nach Tyler Brooks ausgeworfen. Tyler ist der Sohn eines amerikanischen Geschäftspartners des Architekturbüros, für das mein Vater arbeitet und im Sommer waren wir im Urlaub bei den Brooks zu Besuch gewesen. Deren Haus sah aus, als ob Martha Stewart sich dort ausgekotzt hatte. Ein Alptraum in Kitsch und Deko.
Solange er nicht den Mund aufmachte, war Tyler eigentlich ganz in Ordnung. Außer „Amazing. Great! Wonderful. Awesome. Cool!“ in verschiedenen Variationen kam da nicht viel und er war sehr erstaunt, als er in einer Nachrichtensendung die Kanzlerin sah.
„But wer ist the Kaiser?“, fragte er. Tyler hatte es übrigens, und wer hätte das gedacht, einem Sportstipendium zu verdanken, dass er auf ein College gehen konnte. Und sein Trainer hatte ihm dieses Foto von Beckenbauer gezeigt.
Er sollte ein Jahr bei uns leben und Deutsch lernen, was dazu führte, dass wir anfangs zu den Mahlzeiten Gebete sprachen und dem Herrn für das Essen dankten. Jedenfalls in den ersten Wochen.
Ich war ja eher dazu geneigt, unserer Köchin für das Essen zu danken, aber was weiß ich schon.
Tyler war also die sprichwörtliche amerikanische Sportskanone, kam aus einer bibelfesten Familie, die sich bis auf die Töchter der Revolution zurückführte und war auch ansonsten strohdoof.
Und dann traf er auf Lizzie, eigentlich Elizabeth, einst von meinem Vater nach Königin Elizabeth benannt, auch als die jungfräuliche Königin bekannt. Ich weiß bis heute nicht genau, was meine Eltern dazu gebracht hatte, meine Schwester nach Elizabeth I. zu benennen. Good Queen Bess und Lizzie hatten, was das Thema Jungfräulichkeit betraf, allerdings manches gemeinsam. Beide waren im Sternzeichen Jungfrau geboren und nicht verheiratet. Nur mit dem jungfräulichen Leben hatten sie es nicht so.
Das habe ich übrigens von ihm gelernt. Also das mit Queen Bess. Er fährt total auf Shakespeare ab.
Tyler? Wie kommen Sie jetzt auf Tyler? Der und Shakespeare? Also bitte!
Lizzies Essex 1Liebhaber von Elizabeth. Ein später ziemlich kopfloser Typ, was irgendwie an Tyler erinnert. Im übertragenen Sinne, denn obwohl Tyler eine doofe Hohlbirne ist, hat er auch Qualitäten. Irgendwo bestimmt. hieß Tyler, und ich konnte Lizzie ja so gut verstehen, was Tyler betraf, insbesondere was Sex mit Tyler betraf. Im Gegensatz zu meiner Schwester war Queen Bess wohl so schlau gewesen, dem Thema Verhütung mehr Bedeutung beizumessen. Aber ich greife der Geschichte mal wieder vor.
Tyler Brooks III., von den Brooks aus Georgia, Sie wissen schon, lebte nun also bei uns. Er verstärkte das schulische Soccer-Team an meinem Gymi, was dieses ganz in Verzückung wegen der nun größeren Siegchancen bei den anstehenden Schulmeisterschaften versinken ließ. Und er sorgte dafür, dass einige Schülerinnen von einer Karriere als Cheerleaderinnen träumten.
Aber bevor wir uns mit Tyler beschäftigen, insbesondere was Tyler und meine Schwester betrifft, wobei das nicht der wichtigste Part dieser Geschichte ist, muss ich Ihnen noch den Rest der Familie vorstellen. Da sind noch meine Eltern, und damals dachte ich, damit wäre meine Familie komplett.
Perikles Ptolemäus Schlott, das ist mein Vater, ist Architekt. Er baut Häuser, saniert Wohnanlagen und arbeitet wirklich gut. Jedenfalls steht das so immer in der Zeitung, wenn eines der Projekte, an dem er gearbeitet hat, der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Die Zeitungen berichten darüber gern, weil es meistens Wohnanlagen im sozialen Bereich sind.
Und zuhause erzählt er auch gern davon. Die vielen glücklichen, aber sozial benachteiligten Familien und Rentner, die jetzt ein Dach über dem Kopf haben.
Rührend.
Allerdings hatte es mich schon etwas gewundert, dass man im sozialen Wohnungsbau so viel Geld verdient. Immerhin leben wir in Mehlem, einem Stadtteil von Bonn, in dem man die Häuser, die mein Vater baut, eher nicht findet. Diese Häuser haben normalerweise keinen Rheinblick, einen eigenen Bootsanleger mit Bootshaus oder einen beheizbaren Swimming Pool.
Bis ich irgendwann herausfand, dass er außerdem noch für einen Immobilienfonds beratend tätig ist, der gern Häuser und Wohnungen aufkauft, diese aufwendig saniert und dann die Mieten erhöht. So dass die alten Mieter ausziehen müssen, weil sie sich die Wohnungen nicht mehr leisten konnten. Das nennt man Gentrifizierung und in der neunten Klasse habe ich für eine Hausarbeit zu dem Thema eine glatte Eins bekommen.
Ich saß schließlich an der Quelle und als ich meinem Vater die bewertete Arbeit zeigte, war er sehr zufrieden. Ich hatte natürlich sämtliche Namen geändert, aber die Daten und Fallzahlen stimmten. Bis auf die Fußnoten.
„Junge, ich bin ja so stolz auf dich!“, hatte er gesagt. „Aus dir wird mal etwas! Etwas Besonderes!“
Womit er recht hatte, wie sich später zeigte, aber ganz anders als wir uns das alle hätten vorstellen können.
Meine Schwester hatte so getan, als würde sie sich einen Finger in den Hals stecken.
Über meine Mutter Wanda Erdmute Schlott habe ich noch nichts gesagt.
Wie soll ich sie richtig beschreiben? Der Swimming Pool, das Boot und der Garten, die zu unserem Haus gehören, waren Schauplatz zahlreicher Poolpartys und Gartenfeste und spielen in ihrem Leben und natürlich in unserem eine große Rolle.
Sie beginnt den Tag gern mit einem Glas Mumm und ist ohne diesen kleinen Muntermacher nicht wirklich ansprechbar.
Jeder hat sein kleines Laster.
Ein größeres Problem ist ihre Kontrollsucht, die sich darin ausdrückt, dass sie unseren Tagesablauf sehr genau regelt und das seit Kindergartenzeiten. Sie hatte den Kindergarten ausgesucht und dabei darauf geachtet, dass die Kita nicht nur mehrsprachig war. Allerdings hatten Lizzie und ich wenig Begeisterung dafür gezeigt, tibetanische Hochlanddialekte zu lernen und den Himalaya zu töpfern.
Mein Vater tauchte aus seiner Arbeit auf, analysierte die Lage, traf eine Entscheidung und setzte sie durch. Er entschied, dass es nicht nötig war, uns frühkindlicher Hochbegabtenförderung zu unterziehen und wir landeten dann in einem normalen Kindergarten.
Unsere Mutter kompensiert solche Vorkommnisse auf ihre Art.
Wir bekamen einen Pool mit Poolboys und eine Köchin. Es finden seitdem regelmäßig Gartenpartys bei uns statt, und sie hat sich einen Humvee zugelegt, von dem sie sich nicht mehr zu trennen gedachte.
Wir wechselten also den Kindergarten.
Später, in der Grundschule, war meine Mutter der Ansicht, wir erführen nicht genug Förderung und insbesondere meine besonderen intellektuellen Fähigkeiten würden nicht ausreichend berücksichtigt. Nach verschiedenen etwas ausufernden Elternabenden wechselten Lizzie und ich die Schule.
Der Swimming Pool wurde um einen Whirl Pool erweitert und der Name Schlott begann, bei Lehrern und anderen Eltern für Schnappatmung zu sorgen.
In der vierten Klasse gab es einen Masernausbruch. In Düsseldorf wohlgemerkt, nicht in Bonn, aber nach Ansicht meiner Mutter hätte die Grundschule Desinfektionsschleusen einrichten sollen.
Wir wechselten die Schule.
Da der Swimming Pool nicht zum Wellenbad ausgebaut werden konnte, bekam meine Mutter einen Wintergarten mit UV-durchlässiger Verglasung, damit wir auch im Winter die notwendige Menge an Sonnenlicht aufnehmen konnten.
Lizzie und ich waren die einzigen Schüler, die auch im Winter mit einem Sonnenbrand zur Schule kamen.
In der fünften Klasse … nicht so wichtig, meine Mutter bekam das Bootshaus und einen eigenen Bootsanleger.
Im Schulamt soll es einen Aktenordner mit dem Stichwort Indominus Regina geben, der etwas mit meiner Mutter zu tun hat. So heißt es zumindest.
Gelegentlich zeigte mein Vater aber so etwas wie familiäres Verantwortungsgefühl. Er griff dann ein, wenn meine Mutter einen spektakulären Fehlgriff tat, was mich und meine Schwester betraf.
Er ist recht genügsam, was tägliche Bedürfnisse wie Essen betraf.
Ausgefallene Hobbys – Fehlanzeige!
Andere Frauen – Fehlanzeige! Gut, er ging golfen und es gab Geschäftsessen, oft auch bei uns im Haus, aber das war eben geschäftlich.
Einmal lobte ein Besucher das wirklich gute Essen, das am Abend serviert wurde. Ich habe vergessen, was es war, in der Hinsicht komme ich ganz nach meinem Vater, aber es war viel von „auf Bett von“ und „an Sauce aus“ die Rede.
„Meine Frau kocht nicht. Könnte sie kochen, würden wir viel Geld sparen“, hatte er gesagt. Das war natürlich nicht nett, aber meine Mum ist nicht auf den Mund gefallen.
„Und wenn du besser“, sagte sie maliziös und machte eine kurze und sehr vielsagende Pause, bevor sie mit einem Lächeln fortfuhr, das den Rosen Frostschäden bescherte, „wärst, könnten wir uns den Gärtner und die Poolboys sparen.“
Mit dem Gelächter, das nach einer kurzen peinlichen Pause losbrach, war das Thema erledigt und ich wusste jetzt auch, weshalb meine Mutter sehr viel Wert darauf legte, die Vergabe der Ferienjobs an Studenten persönlich zu regeln.
Sie ist eben ein ziemlicher Kontrollfreak und gegen ihren Willen wagt es kein Grashalm, sich nach der Sonne auszurichten.
„Och nö, nicht die Poolboys“, protestierte ich und jetzt schauten einige Gäste doch recht irritiert. Damals war ich auch erst vierzehn Jahre alt.
Ich konnte sie gut verstehen. Sie bevorzugte den dunklen Typ. Ich auch, was aber auch damit zusammenhängt, dass ich selber strohblond und sehr hellhäutig bin. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.
Der Typ, der sich unter dem Schein einer leuchtenden 30 Watt Glühbirne einen Sonnenbrand holt und dessen Haut im Sommer von weiß über krebsrot zu dunkelweiß mutiert, das bin ich.
Jaja, lachen Sie nur! Ich kann Edward Cullen in den Schatten stellen, und das buchstäblich, denn meine Haut reflektiert die Sonne.
Cullen glitzert.
Ich strahle!
Das kann auch nicht jeder.
Also, mein Vater lebte für seine Arbeit, meine Mutter lebte für die Poolboys, meine Schwester lebte für sich und ich zockte zusammen mit meinen Kumpels Final Fantasy. Jeder braucht schließlich irgendetwas, für das er leben kann.
Wir waren eine ganz normale Bonner Mittelschichtfamilie. Ich erzähle Ihnen das so ausführlich, damit Sie sich ein Bild von uns machen können. Und auch wenn ich ein bisschen rumgeätzt habe, unsere Familie funktioniert. Unsere Eltern haben eine eher freundschaftliche Beziehung und führen eine offene Ehe. Unter einer Ehe stelle ich mir zwar etwas anderes vor, aber schließlich ist das ja eine Sache zwischen meinem Vater und meiner Mutter.
In diese Familie platzte Tyler herein, denn mein Vater in seiner Kombination aus Gutmütigkeit, Familienbewusstsein und Geschäftssinn hielt viel davon, unseren Horizont zu erweitern.
Was allerdings dieser bibeltreue All-American-Posterboy beitragen sollte, blieb mir ein Rätsel. Die Evolutionstheorie war Teufelszeug und Dinosaurierskelette tat er ab als gefakte Beweise linksliberaler Wissenschaftsfetischisten und bolschewistischer Agenten, die Amerika der Pornografie und dem Antichrist ausliefern wollten.
So predigte es jedenfalls sein Onkel, ein Baptistenpastor, und Tyler war wie auch der Rest der Familie regelmäßig bei den Gottesdiensten zugegen.
Tyler verkaufte dort DVDs mit den Predigten seines Onkels und half dabei, den Satan von Amerika fernzuhalten.
Nun ja.

Mein Vater hat dafür gesorgt, dass es uns gut geht. Muß man ja auch mal anerkennen. Und meine Mutter mit ihrem Händchen für heiße Poolboys und Gärtner hat mir schon früh darüber Klarheit verschafft, was mir die Hose eng werden ließ.
Er hatte übrigens entschieden, dass wir unsere Mehlemer Blase verlassen sollten und – Gipfel der Demonstration seines Engagements für die sozial Benachteiligten – auf der Gesamtschule Tannenbusch unsere Abschlüsse machen sollten. Gut, es gab auch noch andere Gründe, aber die waren völlig übertrieben, wenn Sie mich fragen. Aber das ist ein anderes Thema.
Später erfuhr ich, dass das Architekturbüro, für das er arbeitete, in die Sanierung und den Neubau von Schulen einsteigen wollte. Alles andere hätte mich auch überrascht.
Tannenbusch!
Ich hatte gar nicht gewusst, dass die dort Schulen haben. Brennende Mülltonnen, die schon, und auch Bullen, die sich Schießereien mit Drogendealern und Zuhältern sowie der örtlichen Salafisten-Zelle liefern, sowas in der Art verbindet man mit Tannenbusch.
Ein echter Kulturschock. Tannenbusch ist sowas wie die Bronx von Bonn. Viele Hochhaussilos aus den 70ern, kaum Grünflächen, hier werden neue Schüler nicht gerade freundlich willkommen geheißen, vor allem nicht, wenn sie aus dem Nobelvorort Mehlem kommen.
Ist schon krass hier, aber vermutlich okay, wenn man sich arrangiert und an die Metalldetektoren sowie an die Drogenkontrollen gewöhnt hat. Nicht selten steht auch die Polizei vor der Schule. Sie bringt oder holt Schüler ab, meistens holt sie sie ab.
Tyler fand sich dort übrigens gut zurecht. Allerdings stufte er die Bewaffnung der Polizisten, deren Streifenwagen vor der Gesamtschule Tannenbusch stand, als etwas dürftig ein.
Er hielt mir einen Vortrag über die Vorzüge halbautomatischer Schnellfeuerwaffen, von denen sein Vater einige hatte.
Dort bin ich Cengiz das erste Mal über den Weg gelaufen.
Es war am ersten Tag nach den Sommerferien und der Wechsel an die Integrierte Gesamtschule Tannenbusch stand bevor. Ich hatte gerade mein Motorrad abgestellt, meine heiß geliebte und wunderschöne schwarze Enduro. Gebraucht gekauft von einem Biker, der achtzehn geworden war und jetzt auf ein größeres Bike umsteigen wollte. Sie war etwas schneller als erlaubt und ich war im Sommer häufig in der Eifel damit unterwegs.
Ich suchte den Weg ins Sekretariat und sah mich um. Naja, ich hatte da etwas zu klären. Schulwechsel und so.
Ein paar Schüler kamen mir entgegen.
„Hey! Wo geht es denn ins Sekretariat?“
„Neu hier?“, fragte der Älteste.
„Mhm!“
„Da lang, durch die Glastür, die neben dem Gummibaum.“
„Danke!“
„Ich bin Cengiz Karadeniz.“
Als er mir den Rest der Familie Karadeniz vorstellte, fiel mir der Unterkiefer auf die Brust. Er, seine Schwestern Roxane und Hatice und seine jüngeren Brüder und Cousins verteilten sich auf unterschiedliche Jahrgänge.
„Cengiz 2Die türkische Variante von Dschingis Khan, der recht erfolgreich ein Start-up in Asien gründete, das ihn sogar überdauerte.? Tamerlan 3Timur I lenk, auch Begründer eines Start-ups, das allerdings eher kurzlebig wegen einiger grundsätzlicher Strukturschwächen war. Aber er hatte einige kreative Ideen in der Architektur und ließ aus den Schädeln getöteter Feinde Pyramiden errichten. Man könnte sie als frühe Vorläufer von Litfaßsäulen einstufen, und die Werbeaussage kam rüber.? Orhan 4Begründer der Dynastie der Osmanen. Den Osmanen haben wir immerhin den Film Topkapi zu verdanken. Muss man gesehen haben.? Attila 5Noch so ein Menschenfreund, der sich um Europa verdient gemacht hat.? So heißt ihr? Is nich wahr!“
„Was dagegen?“, knurrte Orhan mich an. Er stand breitbeinig vor mir und ich erwartete eigentlich, dass er sich großmäulig in den Schritt fasste.
„Das sind die größten türkischen und tapfersten Krieger, Alter!“, sekundierte Tamerlan.
„Ja. Besonders Dschingis Khan, Attila und Timur! Sowas von türkisch!“
Ich habe noch nie meine Klappe halten können.
„Wie war dein Name noch mal, Schwuchtel?“
„Leander Leonidas. Das sind Namen griechischen Ursprungs. Aber er hört auch auf Lele.“
Wie ich schon sagte, ich habe noch nie meine große Klappe halten können und Lizzie, diese blondgelockte Stöckeltröte auf zwei Beinen, hatte die Gabe, im unpassendsten Moment aufzutauchen und ihren Senf dazugeben müssen.
Et nunc et semper et saecula saeculorum. 6Lat.: Wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Wir reden hier von einer Grundwahrheit des Lebens.
Die Antwort auf die völlig überflüssige Erläuterung war Gegröle und so stand das harmlose Griechenland den völlig überdrehten Nachfahren der Janitscharen des Osmanischen Reiches gegenüber.
Ein Teufelskreis!
„Was will die Bitch denn?“
Orhan entpuppte sich immer mehr als widerlicher Prolet. Und dann dieses aufgesetzte Gangsta-Gehabe. Bescheuert! Wenn jemand meine Schwester eine Bitch nennt, dann bin ich das. Älterer Bruder und so.
Kennen Sie die Geschichte von diesem Bodybuilder, der seine Muskeln mit Clenbuterol(*FN* Ein mittlerweile verbotenes Mittel, das in der Kälbermast eingesetzt wurde.*FN*) pimpen wollte? Klappte nur begrenzt und ging aufs Gehirn. Ich weiß natürlich nicht wirklich, ob Orhan … aber mal ernsthaft, wer hat mit fünfzehn solche Muskeln? Und wofür? Das sah doch nicht mehr ästhetisch aus.
Un-ent-schuld-bar.
Es sei denn, seine Eltern wären Kim Jong Un und die Schwester von Jabba the Hutt. Das könnte man ihm ja nun nicht vorwerfen.
Ich finde schon, dass ein Kopf auf einem Hals sitzen sollte. Bei Orhan ging der Kopf direkt in den Brustkorb über, denn der Hals hatte sich in einem Anfall von Schüchternheit zwischen den Schultern versteckt. Und das bisschen, was vom Halsansatz übrig war, lief Gefahr von diversen dicken Goldketten erwürgt zu werden.
Sie finden, dass ich übertreibe?
Naja, vielleicht.
Aber wirklich nur ganz wenig.
„Ich hab dich hier noch nie gesehen, Schwuchtel. Warte mal, arbeitest du nicht beim Mäckes an der 565? Und deine Schwester besorgt es dort den Truckern?“
Tamerlan und Attila machten auf cool und übten sich in der Disziplin des choreographierten High-Fives. War klar.
„Nein, aber wenn ich da arbeiten würde, hättest du meine Spezial- Sauce „Fünf Freunde“ bekommen“, antwortete ich liebenswürdig. Ich machte eine obszöne Auf-und-Ab-Bewegung mit der Hand, beulte mit der Zunge meine Wange aus, zwinkerte Orhan zu und leckte mir über die Lippen.
„Soll aber ein bisschen salzig schmecken. So wie Ayran.“ 7Ayran ist ein türkisches Getränk auf Basis von Yoghurt, Wasser und etwas Salz. Und es ist wirklich lecker und erfrischend. Weshalb es nicht wirklich nett ist, diese Assoziation herzustellen.
Wenn ich eins gelernt habe im Umgang mit solchen Idioten, die im eher flachen Teil des menschlichen Genpools herumplanschen, dann dass man ihnen am besten den Wind aus den Segeln nimmt, indem man sie aus dem Konzept bringt. Oder lächerlich macht. Oder beides.
Jedenfalls starrte Orhan mich mit offenem Mund an. Hatte ich vergessen zu sagen, dass er einen Becher Ayran in der Hand hielt, aus dem er gerade etwas trinken wollte?
Es hatte geklappt.
Der Effekt wurde leider zunichte gemacht von den Mädchen, die Jabbas hoffnungsvollen Sohn auslachten. Es dauerte etwas, aber dann lief er dunkelrot an, ballte die Fäuste und wollte auf mich los.
Naja, man kann sich ja auch mal irren. Ich machte sicherheitshalber einen Schritt zurück und behielt ihn im Auge.
„Orhan, die Schwuchtel will Blut spenden. Hat er deutlich gesagt?“
„Ja, und zwar durch die Nase“, grunzte Orhan.
Cengiz hatte bisher nicht viel gesagt, sondern nur gegrinst. Jetzt schaltete er sich ein, sagte ein paar Sätze auf Türkisch und damit war die Sache anscheinend erledigt. Er streckte den Arm aus, und seine Brüder verzogen sich, nicht ohne mir ein paar sehr finstere Blicke zuzuwerfen.
„Faß mich an und du bist tot!“, blaffte Tamerlan Cengiz an und streckte ihm alle Finger entgegen.
Schräg!
Hatice und Roxane waren schon dabei, sich mit Lizzie über Whatsapp zu verbinden. Wieso geht das bei Mädchen immer so schnell? Die kannten sich kaum, und schon stöckelten sie zusammen zum Näschenpudern Richtung Schultoilette.
Unglaublich!
„Du bist also Lele?“
Cengiz streckte mir freundlich die Hand entgegen und ich muß wohl ziemlich blöd aus der Wäsche geglotzt haben. Wer rechnet denn damit, dass Dschingis Khan Manieren hat?
„Oder soll ich lieber Leander sagen?“, fragte er höflich.
Ich blinzelte.
„Nee, Lele ist schon okay. Ein Name ist wie der andere.“
„Sag das nicht. Ein Name sagt auch etwas über seinen Träger aus und drückt ihm seinen Stempel auf. Namen wohnt Magie inne.“
Er meinte das völlig ernst.
„Magie?“
„Du hast doch offensichtlich erwartet, dass ich Respekt von dir fordere? Wallah, Alter, isch schwör, wisch isch sonst mit dein dreckige Fresse Boden auf!“
Die Verwirrung nahm kein Ende. Ein höflicher Dschingis Khan mit tiefgründigen Überlegungen und einem Hang zu sarkastischem Humor. Und das am ersten Tag an einer neuen Schule in der Bonner Bronx.
Ich sah zu seinen Brüdern, die in einiger Entfernung auf dem Schulhof standen und er folgte meinem Blick.
„Orhan kurt gerade“, erklärte er nüchtern.
„Hab es mir gedacht, so aggro wie der drauf ist.“
„Er macht alle paar Monate eine Kur. Ein Mix aus Steroiden und Hormonen, alles zum Muskelaufbau. Das sind Nebenwirkungen der Testosteron-Spritzen.“
„Und seine Eltern lassen das zu? Meine würden mir sonst was erzählen, wenn ich mir son Zeug reinpfeifen würde.“
Ich ging zwar auch in ein Fitnesscenter und probierte hier und da etwas aus, aber alles in Maßen. Außerdem war das Zeug schweineteuer.
Mal ernsthaft, meine Eltern ließen meiner Schwester und mir eigentlich fast alle Freiheiten. Wir trafen unsere eigenen Entscheidungen. Ein paar Mal fällt man damit auf die Nase und wenn man daraus nichts lernt, ist Hopfen und Malz verloren.
Er zuckte mit den Schultern und sein Gesichtsausdruck sagte mir, dass er über Little Jabba ähnlich dachte.
„Meinem Onkel gehört ein Boxclub, da geht er hin und trainiert. Er will später für ihn arbeiten.“
Jetzt klingelte es bei mir.
Karadeniz.
Boxclub.
Der Familie Karadeniz gehörte eine Vielzahl an Immobilien in Bonn, nicht nur der Boxclub, sondern auch Restaurants, Bars und Clubs, und auf unseren Gartenpartys war ich Selim Karadeniz begegnet. Er war einer der Kunden meines Vaters.
„Kennst du Selim Karadeniz?“
„Natürlich. Er ist mein Onkel.“
In dem Augenblick klingelte es zur dritten Stunde. Der Schulhof leerte sich, denn die Schüler strömten in die Unterrichtsräume. Einige schmissen Kippen auf den Boden und traten sie hastig aus, bevor sie ins Schulgebäude gingen.
„Ich hab jetzt Unterricht. Wir sehen uns.“
Er nickte mir zu und verschwand im Gebäude. Ich sah ihm hinterher. Sorgsam geschnittene schwarze Haare, scharfer Undercut. Ein Rucksack hing ihm halb über den Schultern. Darunter ein bordeauxroter Hoodie, der etwas an ihm herumschlabberte, eine Cargohose im Tarnfleckstyle mit Bündchen, die kurz über den Knöcheln endeten. Und rote Chucks von Converse.
Eigentlich sah er ganz niedlich aus.
Aber ein Türke? Ein Karadeniz? Vergiß es, Lele. Da hat man geschätzte zweihundertfünfzig Familienmitglieder am Hals. Und damit sind nur die Verwandten in direkter Linie gemeint. Ohne Cousins und Cousinen, die noch irgendwo in Ostanatolien ansässig waren.
Kurz bevor er im Flur verschwand, drehte er sich um und zwinkerte mir zu.
Ups. Wer hätte das gedacht?

„Diese Kombination an Kursen entspricht Ihren bekannten Fähigkeiten, Herr Schlott.“
Der Typ, der das sagte, nannte sich Stufenkoordinator und sollte mich bei der Belegung meiner Kurse beraten. Ich war ein wenig spät dran und hätte genau wie meine Schwester schon im Unterricht sein sollen.
„In den Fächern bin ich ziemlich gut.“
„Das ist richtig, aber ich habe mir die Unterlagen aus Ihren alten Kursen angesehen. Und auch mit Ihrer alten Schule telefoniert. Immerhin ist es etwas ungewöhnlich, dass Sie und Ihre Schwester hierher gewechselt sind.“
Da waren wir mal einer Meinung.
Mir schwante Übles. Überengagierte Lehrer … so nötig wie ein Oraltripper. Oder Intimfäule.
Genau so einer stand mir gegenüber.
„Und?“
„Sie brauchen Herausforderungen und wenn ich das richtig sehe, und ich erkenne das Potential eines Schülers, wenn er vor mir steht, sind unter den Kursen, die Sie gewählt haben, einige Angebote, die nicht nur ziemlich voll sind. Sie unterfordern Sie außerdem. Ich würde vorschlagen, dass Sie sich alternativ orientieren und stattdessen dem Angebot widmen, dass die Schule hier vorhält.“
Ich nahm mir den Ausdruck des neuen Stundenplans und stöhnte, nachdem ich die Stundenzahl addiert hatte. Vier Wochenstunden mehr! Und nicht nur das.
„Das ist ja … echt jetzt? Und am Nachmittag auch Unterricht?“
„Am Nachmittag finden Nachbereitungskurse statt und es gibt an dieser Schule ein umfangreiches Sportangebot. Hervorragend geeignet zur Entspannung. Wir formen hier nicht nur den Geist, sondern auch den Körper.“
Kickboxen? Karate? Capoeira? Blood Sport? Immerhin war ich in der Bronx. Hier liefen Typen rum, die Kälbermastmittel für ein wichtiges Grundnahrungsmittel hielten.
Er musste mir meine Gedanken wohl angesehen haben, denn er hob mahnend den Finger und bewegte ihn vor meiner Nase hin und her. Mein Blick hing an dem Finger fest. Fast erwartete ich die Frage, wie viele Finger zu sehen seien.
„Sie haben die Figur eines Leichtathleten. Laufen Sie?“
Ich schüttelte den Kopf und dachte daran, weit wegzulaufen. Sehr weit weg. Dann fiel mein Blick noch einmal auf den Stundenplan mit den Kursen, die dieser Lehrkörper mit meiner Anwesenheit zu beehren gedachte. Demzufolge hätte ich jetzt Englisch. In R 28.
„Wo ist denn R 28?“
„Ah ja. Sie sind in der Tat etwas spät dran. Ich werde Sie hinbringen. Sonst verlaufen Sie sich womöglich noch.“
„Och, das ist jetzt …“
Aber nicht nötig, wollte ich sagen. Aber der Stufenkoordinator, dessen Namen ich immer noch nicht kannte, strahlte mich an, als ob er ein goldenes Ei vor sich hätte. Aller Widerspruch war vergebens. Er ließ es sich nicht nehmen, mich in den Englischkurs zu bringen.
Peinlich! Völlig uncool.
Einer der Gründe, weshalb Tyler, meine Schwester und ich an dieser Zierde des Bonner Bildungssystems gelandet waren, lag darin, und da stimmte ich mit meinem Vater überein, dass unsere Chancen, der Kontrollsucht meiner Mutter zu entkommen, so immens gestiegen waren.
Meine Mutter liebte ihre Routine, die lange darin gelegen hatte, uns zur Schule zu bringen und danach zu ihrem Pilates-Kurs zu fahren. Aber finden Sie nicht auch, dass es etwas übertrieben ist, einen Sechzehnjährigen und seine Schwester mit einem Hummer zur Schule zu bringen?
Ich hatte irgendwann gestreikt und es mir erkämpft, mit meinem Motorrad zur Schule fahren zu dürfen.
„Aber er ist doch noch so klein, Perikles!“
„Er ist einen Meter fünfundachtzig groß, sechzehn Jahre alt und mein Sohn. Er ist nicht klein“, widersprach mein Vater und damit war es entschieden. Allerdings fuhr meine Mutter eine Woche lang hinter mir her, was nun wirklich total bescheuert war.
Wie schon gesagt, sie ist ein Kontrollfreak.
Ich stand kurz davor, den Stufenkoordinator zu fragen, ob meine Mutter ihn zu meinem persönlichen Leibwächter berufen hatte, unterließ es dann aber.
Schlafende Hunde soll man nicht wecken.
So durchschritten wir Seit an Seit die düsteren Gänge und Hallen des in einem monströsen Betonbau kasernierten Elends, dessen Wände das Leid ausschwitzten. Jedenfalls kam es mir so vor.
Er zeigte mir die Spinde, wo die Schüler ihre Bücher und Drogen horteten und ich bekam den Code, um dort meinen Helm und den Nierengurt einzuschließen.
Wir kamen an einigen Vitrinen vorbei, in denen Urkunden, Trophäen und Pokale ausgestellt wurden. Es blieb mir nicht erspart, mir ein paar Erklärungen zu den Sachen anhören zu müssen.
„Diesen Pokal hat die U14-Kendo-Gruppe seit 1998 regelmäßig an die Schule geholt. Und dieser hier kommt von der AG Armbrust- und Bogenschießen des G-Kurses. Letztes Jahr mit Abstand gewonnen.“
Daran hatte ich nicht den geringsten Zweifel. Online hatte ich einen Beitrag darüber gelesen, dass diese Schule ein besonderes Pilotprojekt initiiert hatte, das sich „Pädagogisches Armbrustschießen für benachteiligte Jugendliche“ nannte.
Ich fasste ernstlich eine Karriere in der Leichtathletik ins Auge. Sprints auf kurze Distanz, mit Hakenschlagen, oder Hindernis-Parcours über Häuserdächer, dafür würde ich hier genug Motivation finden.
Zufällig sah ich durch eines der Fenster auf die Turnhalle, die von einem frisch aufgesprayten Penis-Fresko verziert wurde. Mit etwas Mühe konnte man darunter noch die Reste einer Flagge des Kalifats-Staates erkennen.
Tja … Tannenbusch eben.
„Und eine Theater-AG hat die Schule auch. Interessieren Sie sich für Theater? Wäre das étwas für Sie?“
Theater? Hier an dieser Schule?
Verehrte Damen und Herren, nun zeigen wir ihnen schon in der zehnten Spielzeit Alien vs. Predator, Bloodfist und das Kettensägen-Massaker zum Abschluss des Schuljahres.
„Was haben Sie für Hobbys?“
Erwartungsvoller Blick. Ich sah ihm über die Schulter. Hinter ihm waren ein paar Türschilder zu sehen. R 23, R 24, es konnte nicht mehr weit weg sein. Aber ich kam nicht an ihm vorbei.
„Ich fotografiere“, quetschte ich hervor.
„Oh. Interessant! Was denn? Architektur? Landschaften? Tiere? Blumen? Porträt? Wir haben auch eine Foto AG. Was für eine Ausrüstung haben Sie?“
Gott, war der nervig!
„Aktfotografie?“
Er meinte das völlig ernst und ich schaute ihn entgeistert an. Aktfotografie? Mamas Poolboys habe ich gelegentlich vom Fenster aus fotografiert. Die wussten aber nichts davon, dass meine Nikon sie liebte und für einen Wettbewerb waren die Bilder bestimmt nicht geeignet.
„Bienen und Blumen! Ich hab die 700er Nikon. Vollformat. Und das 105er Makro. In der Eifel kenne ich ein paar Stellen mit Orchideen und hab schon einmal Apollos geknipst. Außerdem ein paar Wildbienen!“
Als ich sein erfreutes Gesicht sah, wusste ich im gleichen Moment, dass ich es bereuen würde.
„Wildbienen? Sehr schön. Ihr Biologie-Kurs sieht eine Einheit Oligolektische Pollinatoren und ihre Bedeutung für die Biodiversität vor. Ganz wichtiges Thema! Ich werde den Kollegen Piel informieren, dass Sie dazu einen Beitrag leisten können.“
Ich war so gut wie tot. Erster Tag in der Bronx, einer Türkengang in die Quere gekommen und auf dem besten Weg, als schwuler Nerd mit seltsamen Hobbys bekannt zu werden.
Lächle und sei froh, Lele, es könnte schlimmer kommen.
„Ihr ehemaliger Klassenlehrer erzählte mir, dass Sie an Ihrer alten Schule bis vor einem halben Jahr im Chor gesungen haben. Warum haben Sie aufgehört? Der Kollege hat von Ihrer Stimme geschwärmt.“
Und ich lächelte und war froh und es kam schlimmer.
Viel schlimmer.
Ich stellte mich dem Lehrer in den Weg und sah ihn fest an. Immerhin war ich etwas größer als er und das Singen war mein kleines privates Hobby. Die Betonung lag auf privat.
„Das ist meine Sache. Und Sie werden dem Musiklehrer nichts davon sagen“, knurrte ich und das war wohl deutlich genug.
„In Ordnung, wenn das Ihr Wunsch ist, dann respektiere ich das.“
Wenn du weißt, was gut für dich ist, dann tust du das, Nervensäge. Das habe ich natürlich nicht laut gesagt.
Nach geschätzten zwanzig Minuten, die ich früher im Unterricht hätte sein können, war die Führung vorbei. Damit will ich nur verdeutlichen, was ich wegen meines Vaters Bedürfnis, Verbundenheit mit dem Volk zu demonstrieren, ertragen musste. Und nur ich, denn Lizzie war mit ihrem selbst zusammengestellten Stundenplan schließlich durchgekommen.
Schließlich machten wir Halt vor einer Tür. Ein Schild wies die Tür als zum Raum 28 zugehörig aus, mein Führer klopfte an und schob mich hinein, nachdem er die Tür geöffnet hatte.
„Ich bringe Ihnen einen neuen Schüler. Ab heute gehört Leander Leonidas Schlott zu ihren Mitschülern.“
Begrüßen Sie ihn höflich, tauchen Sie seinen Kopf nicht in die nächste Kloschüssel, verstecken Sie seine Sachen nicht und lassen Sie sein Bike unberührt, setzte ich in Gedanken zu, in der Hoffnung, dass positive Schwingungen etwas bewirken könnten. Manche sollen damit im Angesicht des Todes schon wilde Tiger und wütende Nashörner in Kuscheltierchen verwandelt haben. Habe ich mal gehört.
„Ey Lolli!“
Gelächter.
„Oh nööö … ne Schwuchtel!“
„Kann man so blond sein? Das ist doch nicht echt!“
Ein paar Mädchen tuschelten, aber ich hörte es doch. Ja, ich bin wirklich so blond. Aber nur auf dem Kopf. Nicht im Kopf! Hab ich irgendwo schon mal gesagt.
„Alina, nur weil deine Mutter sich die Haare blond macht, um am Verteilerkreis mehr Umsatz zu machen, heißt das nicht, dass alle Nutten das machen.“
„Fick dich, Murad!“
Noch mehr Gelächter.
„Ob der anschaffen geht?“
„Ey Blondi, gehste auch auffen Strich? Beim Hühner-Franz?(*FN* Bekannte Stricherkneipe in Köln.*FN*)“
„Das weißt du doch. Schließlich kriegt er noch einen Zwanni von dir, weil du ihm unbedingt einen blasen wolltest. Is ja okay, wenn man selber keinen hoch kriegt, dass man dann mal ne richtige Keule sehen will. Oder wissen will, wie sich das anfühlt. Aber dafür bezahlen?“
Ich grinste vor mich hin. Alina war nicht auf den Mund gefallen, auch wenn es auf meine Kosten ging.
„Ruhe!“
Die gutgemeinte Aufforderung des Beastmasters, der diesem Bestiarium gegenüberstand, verhallte ungehört. Mein Führer hatte sich mittlerweile verdünnisiert.
Ich sah mich im Klassenraum um. Der typische Chic eines etwas heruntergekommenen Schulraums einer Schule, in die die Stadt Bonn seit Jahren kaum investiert hatte. An einer Stelle hing Deckenverkleidung herab und die Farbe an den Wänden – naja, decken wir den Mantel der Liebe und des Schweigens darüber. Ein paar Reihen mit Zweiertischen und Stühle, für die man zur Altersbestimmung die C14-Methode hätte anwenden müssen und dann wahrscheinlich bei Mammuts und Säbelzahntigern gelandet wäre.
Allmählich fragte ich mich, ob mein Vater seinen Kindern gegenüber Hassgefühle hegte. Irgendsowas Unterschwelliges vielleicht.
„Setzen Sie sich wieder. Sofort!“
Jetzt klang der Lehrer schärfer und er nahm mich ins Visier.
„Suchen Sie sich einen freien Platz und gehen mir möglichst nicht auf die Nerven. Murad, du Hohlbirne, halt die Klappe und jetzt! Setz! Dich! Hin!
Interessanterweise wurde die Klasse jetzt ruhiger.
Ein Schüler in der vierten Reihe hatte sich nicht an dem Tohuwabohu beteiligt und hatte kaum aufgeblickt. Und er blieb in ein Buch vertieft. Links und rechts sowie vor ihm und hinter ihm waren leere Plätze, also setzte ich mich in Bewegung und steuerte einen freien Platz an.
„Was dagegen, wenn ich mich dazu setze?“
Der Kopf hob sich und ein bekanntes Gesicht schaute mich an. Er legte das Buch beiseite und machte eine einladende Bewegung mit der Hand.
„Ich denke nicht, dass ich etwas dagegen habe.“
„Die Schwuchtel und der Alman. Passt ja.“
Das kam von hinter uns und ich drehte mich um.
„Ignorier es!“, erklang es leise von Cengiz und er zog mich am Arm.
„Jetzt hat er ihn angefaßt. Wallah! Gibt es bald zwei Schwuchteln hier!“
Cengiz Arm zuckte ruckartig zurück. Wieder die Stimme aus dem Background. Zwei, drei Reihen weiter.
Ich beschloss, Cengiz Rat zu akzeptieren und holte mein Tablet aus dem Rucksack. Mal schauen, was in diesem Halbjahr für den Englischkurs geplant war. Cengiz vertiefte sich wieder in sein Buch.
„Sie werden sich in den kommenden Wochen mit einem Werk des großen englischen Dichters, Dramaturgen und Bühnenautors William Shakespeare beschäftigen und zwar mit dem Sommernachtstraum und anderen seiner Werke..“
„Wer issn das?“
Handybildschirme blinkten an zahlreichen Tischen, Onkel Google und Tante Wiki wurden in Gang gesetzt und dreißig Sekunden später war jeder im Bilde.
Fast jeder.
„Ey, ich find da nix.“
„Du schreibst das falsch. Nicht shake beer, du Honk!“
„Komm mir nicht so!“
Shakespeare? Wirklich? Und das hier?
Ich musste wohl etwas lauter gedacht haben.
„Wieso nicht Shakespeare?“, fragte Cengiz leise und hob sein Buch, so dass ich den Buchrücken lesen konnte. Es war eine etwas zerfledderte Ausgabe des Sommernachtstraums. Und als er das Buch auf den Tisch sinken ließ, waren Notizen zu sehen.
„Woher wusstest du das denn?“
„Ich lese gern.“
„Quatsch! Du hast den letzten Kurs gefragt?“
„Und auf der Webseite der Schule nachgesehen, was Steinmetz besonders gern unterrichtet. Warum fragst du, wenn du es schon weißt?“
Es klingelte. Kleine Pause zwischen der dritten und der vierten Stunde. Steinmetz ließ von vorn Fotokopien verteilen, und als sie bei uns ankamen, verkündete uns die Stimme des Lehrers, dass das die Liste der Bücher wäre, die wir bis zu den Herbstferien durchzulesen hätten.
„Ich werde alle in das Elysium der Schönheit englischer Literatur des Elisabethanischen Zeitalters einführen und Sie haben die einmalige Gelegenheit, Ihre Noten durch Referate aufzubessern.“
„Krass!“
„Ey, das können wir uns hier besorgen“, wisperte eine Stimme schräg rechts hinter mir. Ich spitzte die Ohren und linste über die Schulter.
„Mit Referaten meine ich, dass Sie das Referat mündlich halten und danach schriftlich zur Benotung einreichen werden. Sehen Sie, ein Referat ist eine eigenständige Arbeit und eigenständig heißt nicht, dass man sich irgendwo in den unendlichen Weiten des Internets eine passende Arbeit herunterlädt.“
Also das war doch nun wirklich eine böswillige Unterstellung. Wer würde denn je sowas tun?
„Er hat angeblich alle aktuellen Programme installiert, mit denen man die Schülerportale durchforsten kann. Seinem Bruder gehört eine Softwarefirma, und der hat ihm angeblich ein Programm geschrieben“, sagte Cengiz beiläufig.
„Glaubst du das?“
„Naja, im vorhergehenden Kurs haben ein paar Typen versucht, ihm etwas unterzujubeln. Sie haben mit Textbausteinen aus den Downloads gearbeitet.“
„Wie dämlich ist das denn?“
„Eben.“
Gott, wo war ich hier bloß gelandet?
Cengiz packte seine Sachen sorgfältig zusammen und verstaute alles in einem Rucksack, der ziemlich schwer aussah. Dann kramte er irgendetwas hervor, drehte mir den Rücken zu und ich hätte schwören können, dass er sich irgendwas eingeworfen hatte. Wozu nimmt man sonst einen Schluck aus der Wasserflasche, wenn man so den Kopf bewegt? Nur wenn man irgendwelche dicken Pillen Kaliber 38 runterspült.
War klar, dachte ich, liegt bei denen wohl in der Familie.
Als er sich wieder mir zuwandte, sah ich in seiner Hand einen kleinen Behälter mit bunten Pillen. Er glitt ihm aus den Fingern und verschwand in den Tiefen des Rucksacks.
Also noch einer in der Familie Karadeniz, der sich einer geplanten Kur unterzog. Und das direkt unter den Augen des Lehrers. Entzückend.
Ein finsterer Blick sagte mir, dass Fragen nicht erwünscht waren und ich hakte das Kapitel Cengiz ab. Sorry Leute, aber mit Drogen habe ich es nicht so. Ich hatte mich zwar neben ihn gesetzt, aber ich hätte es wissen müssen, dass es einen Grund dafür gab, dass vier Plätze um ihn herum unbesetzt waren. Wenn eine ganze Klasse einen Meter Abstand hält, dann will uns das etwas sagen.
Blick auf den Stundenplan.
Die vierte Stunde wollte mich in einem Grundkurs Geschichte sehen. R 31, leicht zu finden, und ich stopfte die Literaturliste in meine Kladde. Noch zwei Minuten bis zum Beginn.
„Wo mußt du jetzt hin? Soll ich dir den Weg zeigen?“
„In die andere Richtung. Nee, laß man“, sagte ich zu Cengiz und das war wohl deutlich genug, denn er zuckte zurück.

Geschichte war jetzt kein Fach, das für mich Überraschungen bereit halten konnte. Es würde wieder einmal um das ewig aktuelle Thema Nationalsozialismus gehen. Die Nürnberger Rassegesetze würden einen Schwerpunkt bilden, ebenso das Thema Euthanasie. Auch wegen der aktuellen politischen Entwicklung besonders gründlich mit dem Thema beschäftigen zu wollen. Da war ich ganz auf ihrer Seite, denn die neuen Rechten, diese völkische Brut, streckten ihr hässliches Haupt aus dem Sumpf. Sagte mein Vater so, und in der Hinsicht waren wir in jedem Fall einer Meinung.
Die große Pause nutzte ich, um mir das Schulgebäude anzusehen. Es hielt keine weiteren Überraschungen bereit, mal abgesehen von einer großen Mensa, deren Angebot auf den ersten Blick ganz akzeptabel aussah.
Sie war ziemlich voll. Viele Schüler holten sich etwas zu essen oder saßen an den Tischen, um auf ihren Smartphones zu spielen oder Hausaufgaben zu erledigen. Es war ziemlich laut.
Tyler und Lizzie kamen herein, und als sie mich entdeckten, setzten sie sich zu mir.
„Gar nicht so übel hier. Es gibt vegane Gerichte in der Kantine.“
„And they have a Football Team! So great!“
„Hatice und Roxane sind voll nett! Wir haben ein paar Kurse zusammen. Und wie war es bei dir?“
„Geht so. Ich zieh mir ne Currywurst rein. Soll ich dir auch eine mitbringen? Oder lieber eine Frikadelle?“
„Boah Lele, du bist so widerlich.“
Jetzt mal ernsthaft, ich habs ja schon mal gesagt. Wie kommt es, dass Mädchen sich so schnell zusammenrotten, um uns Kerlen das Leben schwer zu machen? Erst bildet sich die Rotte Korah, Datan und Abiram(*FN* Bibelverweis*FN*), dann bekomme ich von einem überengagierten Lehrer einen Stundenplan vorgesetzt, der sich gewaschen hat und lande auch noch im Fokus türkischer Steroid-Hengste in einer Strafkolonie? Und zuguterletzt kommen Lizzie und Tyler strahlend an und meine Schwester will mir wieder diktieren, was ich essen soll.
Wo bleibt da die Gerechtigkeit?
Als Krönung des ganzen Desasters stöckelten jetzt Hatice und Roxane mit ihren Essenstabletts heran, setzten sich zu Lizzie und pickten in ihrem Essen herum. Sofern man drei Salatblätter, ein viertel Tomate und zwei Maiskörner nebst ein paar Spuren Joghurtdressing als Essen bezeichnen will.

Cengiz packte seine Sachen zusammen, ging zu seinem Spind und schloß das, was er heute nicht mehr brauchen würde, dort ein. Wie gewöhnlich achtete niemand auf ihn. Allerdings versicherte er sich mit einem schnellen Blick über die Schulter, dass dem auch wirklich so war, bevor er aus dem Medikamentenbehälter eine Tablette nahm, um sie schnell herunter zu schlucken.
Ein Buch klemmte er sich unter den Arm, um es mitzunehmen, bevor er den Spind verschloss. Dann ging er in die Mensa, wo er sich wie immer an den Tisch setzte, der etwas von einem Rollwagen verdeckt wurde, der die Tabletts mit dem benutzten Geschirr und Essensresten aufnahm und von Zeit zu Zeit von den Mitarbeitern der Schulkantine ausgetauscht wurde, wenn er voll war. Dort hatte er seine Ruhe.
Er hatte sich einen Salat genommen, nachdem er einen sehnsüchtigen Blick auf die anderen Gerichte geworfen hatte.
„Was solls? Fleisch ist eh überbewertet“, sagte er sich und seufzte etwas missmutig, während er in die linke Hand eine Gabel nahm, um zu essen und mit der anderen Hand das Buch hielt, in dem er während des Essens etwas lesen wollte.
Nach dem Essen hatte er eine Freistunde und die würde er lesend verbringen. Wie er das immer tat, wenn er Zeit hatte und die anderen Schüler im Sportunterricht waren.
Er vertiefte sich in das Buch und aß nebenher den Salat, ohne weiter auf seine Umgebung zu achten. Den Lärm schaltete er für sich aus und konzentrierte sich auf das Lesen.

Gegen 16 Uhr war der Unterricht nebst Nachbereitungskursen vorbei, die Hölle öffnete ihre Pforten und spie ihre Verdammten aus. An der Bushaltestelle tobte der Mob, die Fahrrad- und Motorradstellplätze leerten sich und ich sah zu, dass ich mich schleunigst Richtung Mehlem aufmachte. Lizzie und ihr Anhang wollte noch in die Stadt.
Als ich vom Schulhof herunterfuhr, sah ich, wie die Karadeniz-Sippe zu mir starrte und mir finstere Blicke zuwarf. Da las ich allzu Finsteres, was die Zukunft betraf, insbesondere meine betreffend.
Bloß weg hier.
Eine gute dreiviertel Stunde später kam ich zuhause an, schmiss meine Sachen in mein Zimmer und, da es noch sehr warm war, beschloss ich, mich von den Strapazen des Tages und den Begegnungen der dritten Art zu erholen.
Eine weitere Stunde später war die Ruhe vorbei. Zuerst tauchte Praise-the-Lord-Tyler auf, der auch an den Pool wollte.
Praise the Lord, das muss ich Ihnen wirklich noch erzählen. Den Spitznamen hatte ich ihm verpasst. Er war auf die Idee gekommen, übers Internet dem Gottesdienst seines Onkels folgen zu wollen. Das war kurz nach seiner Ankunft.
So weit so gut. Kann man ja machen.
Die Betonung liegt auf weit, nicht auf gut. Bekanntermaßen liegen die USA nicht gerade um die Ecke, was bedeutete, dass das gottgefällige Event von Tylers Onkel nachts um zwei Uhr MESZ durch Tausende Kilometer Kabel den Weg in meinen Computer fand, die Soundkarte meines Rechners vor ungewohnte Herausforderungen stellte und mitten in der Nacht ein ohrenbetäubendes „Praise the Lord, the Allmighty and his eternal Grace!“ durch meine 180 Watt Boxen schickte.
Tyler und ich teilten uns zu der Zeit das Zimmer, leider nicht das Bett, denn dann hätte ich ihn andere Glocken im Paradies läuten lassen, das können Sie mir glauben. So blieben mir nur ein paar Träume, in denen sich – um im Bild zu bleiben – meine Gnade über Tyler ergoss. Und in diesen süßen Traum donnerte einem Güterzug gleich das Bibelgesülze von Gottes Maschinengewehr.
Ich stand senkrecht im Bett!
Traumlos, dafür traumatisiert und geschockt.
Das hat Tyler auch nur einmal gemacht. Ich hab ihm gedroht, ich würde den Computer seines Onkels hacken, und beim nächsten Gottesdienst gäbe es dann „Highway to Hell“ zur Erbauung der Schäfchen seines Onkels.
Er war zutiefst entsetzt, als er derartige Blasphemien hörte und fing prompt an zu beten. Für mein Seelenheil.
Ich schmiss ihm ein Kissen an den Kopf, fauchte ihn an, er möge beim Beten die Klappe halten und kroch wieder unter die Decke. Es folgte ein Vortrag darüber, dass er mich trotz meiner Sünden wie einen Bruder lieben würde.
„Warst du nie im Religionsunterricht?“
„Als sich das letzte Mal Missionare zu uns verirrt haben, sind die im Kochtopf gelandet.“
Er betete weiter.
Laut.
Als ich ihn fragte, wie es sich eigentlich in dem Bett schliefe, in dem mich der Gärtner und einer der Poolboys entjungfert hätten, war er endlich still.
Das mit der Entjungferung war leider nur erfunden. Aber da Tyler mir auch den Hack des Bibelcomputers zutraute, war es nur konsequent, auch das für bare Münze zu nehmen.
Egal, ich bin immer ergebnisorientiert und was zählte, war, dass er endlich still war.
Und seitdem hieß er Praise-the-Lord-Tyler.

Obst und Gemüse Karadeniz

Die Türklingel schrillte und zwei Jungen betraten den Laden. Es war früher Nachmittag, eine Sonnenmarkise beschattete das große Schaufenster sowie die davor sorgsam gestapelten Kisten mit Obst und Gemüse. Im Laden selbst war gerade nicht viel los. Drei ältere Frauen beäugten die Auswahl und schienen unschlüssig zu sein, was sie kaufen sollten. Hinter der Theke, auf der sich ein kleiner Teller mit den Resten einiger Früchte befand, die für die Kunden des Ladens zum Probieren bereit standen, hielt sich ein älterer Mann auf. Sein Gesicht erhellte sich, als er die Eintretenden sah.
„Ihr seid spät“, sagte er etwas vorwurfsvoll.
„Baba, es tut mir leid, ich war noch kurz bei Thalia, und dann haben wir den Bus verpaßt“, sagte der Ältere der beiden.
Er schien etwas verlegen zu sein.
Der andere Junge schnaufte etwas, sagte aber nichts. Die anwesenden älteren Frauen wurden von den eintretenden Jungen respektvoll mit einem „Hallo Tante“ und der Frage nach dem Befinden begrüßt und nickten den Jungs freundlich zu.
„Natürlich“, sagte der Vater versöhnlich. „Cengiz, die Belege liegen hinten auf dem Tisch. Ich habe für morgen früh auf dem Großmarkt frische Feigen und Datteln bestellt und muß nachher noch in den anderen Laden.“
„Welche Sorte?“
„Medjool. Die beste, größten und süssesten Datteln, die es gibt. Wie Honig, der auf Bäumen wächst. Es soll morgen eine größere Lieferung auf dem Großmarkt eintreffen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann wir das letzte Mal welche hatten.“
„Super. Das heißt, ich kann wieder in der Nacht aufstehen und Kisten schleppen“, brummte der Jüngere verdrossen.
„Baba, ich kann doch auch zum Markt mitkommen und helfen“, bot Cengiz schnell an, während sein jüngerer Bruder schon eine höhnische Miene zog.
„Nein, Attila wird mitkommen und mir helfen“, bestimmte der Vater und hob abwehrend die Hand, als Cengiz etwas sagen wollte. „Wir haben das schon oft genug besprochen.“
„Genau Cengiz. Geh schön brav nach hinten und sortier Belege“, zischte sein jüngerer Bruder ihm leise zu, damit der Vater es nicht hörte. Cengiz presste die Lippen zusammen und sagte nichts, während Attila an ihm vorbei durch den Laden ging.
„Ist alles in Ordnung mit dir? Wie war die Schule?“
„Wie immer.“
„Hast du das Attest abgegeben?“
„Ja.“
„Gut. Ruh dich aus, und wenn es geht, mach noch etwas von der Buchführung. Es ist nicht viel. Nur ein paar Belege für die Umsatzsteuer und du könntest die Tageseinnahmen nachher noch zur Bank bringen.“
„Mach ich“, sagte Cengiz und folgte seinem Bruder. Im hinteren Bereich, knapp von einem Regal verdeckt, hielt er inne und lehnte sich an die Wand.
„Geht es ihm gut, Herr Karadeniz? Nimmt er auch seine Medikamente?“, hörte er eine der älteren Frauen fragen. „Er sieht sehr müde aus.“
„Haben Sie schon eine Frau für ihn gefunden? Sicher schwierig in seinem Zustand. Die teuren Medikamente!“
„So Gott will, wird sich eine Frau für ihn finden“, antwortete sein Vater höflich. Cengiz hörte sehr wohl den resignierten Unterton in der Stimme seines Vaters und es versetzte ihm einen Stich.
„Die Tochter von Bülent Alparslan könnte für ihn sorgen. Sie ist sehr geschickt, wenn man ihr sagt, was sie tun soll.“
Er schnaufte empört. Das Mädchen, von dem die Tante sprach, mit ihm zu verheiraten, war anmaßend. Sie war behindert und unterdurchschnittlich intelligent bis zur Grenze der Schwachsinnigkeit. Aber für ihn würde das reichen.
„Attila wird sicher einmal gut den Laden führen! Haben Sie für ihn schon Pläne? Werden Sie denn auch noch einen Laden in Dransdorf eröffnen? Murat will sich zur Ruhe setzen und zurück in die Heimat. Sein Ladenlokal wird frei und in Dransdorf gibt es sonst niemand, bei dem man frisches Obst und Gemüse einkaufen kann.“
Er kannte das Trio der älteren Frauen, die immer zusammen auftraten. Im knöchellangen grauen Mantel, ein eng geschlungenes Kopftuch, dass ihre runden Gesichter umkränzte, verkörperten die drei würdigen Matronen Sitte, Anstand und Moral.
Und beißenden Klatsch sowie bösen Tratsch.
„Ich denke darüber nach“, antwortete sein Vater höflich.
Sie taxierten jeden Jungen und jedes Mädchen im Viertel auf seinen Wert für den Heiratsmarkt und er wusste, dass er auf ihrer Rangliste maximal vier von zehn Punkten erreichte.
Attila ist auch gesund und kann schwere Kisten schleppen, ihr blöden Hexen, hätte er ihnen am liebsten ins Gesicht gesagt. Er und Orhan können zum Sport gehen. Ich darf beim Schulsport zugucken und muß Tabletten schlucken, damit ich mich nicht zu sehr aufrege.
Seine Mutter kam die Treppe herunter, die den Laden mit der darüber liegenden kleinen Wohnung verband. Sie lächelte ihm zu und er begrüßte sie mit einem Kuß auf die Wange. Als sie die Stimmen aus dem Laden hörte, schürzte sie verärgert die Lippen und wollte in den Laden gehen.
Er hielt sie zurück, weil er ahnte, dass sein Vater noch etwas mit den drei alten Unken vorhatte.
„Sie müssen unbedingt morgen vorbeikommen und von den Datteln probieren, meine Damen! Es ist so selten, dass wir diese Sorte im Angebot haben und ich werde Ihnen gern welche zurücklegen!“
Und da verkündeten ein paar Abschiedsworte sowie die Türklingel auch schon, dass Sitte, Moral und Anstand den Laden verließen. Sein Vater steckte den Kopf durch die Tür und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Lieber mit einem Rudel ausgehungerter Wölfe allein im Wald als mit diesen fetten alten Kröten!“, brummte er. „Sitzen auf der Lauer, stecken ihre Nasen in anderer Leute Angelegenheiten und sind die schlimmsten Kupplerinnen, die es je gab.“
„Was wollten sie denn?“
Seine Eltern wechselten Blicke.
„Emine hatte gestern schon angerufen.“
„Ach, das Übliche“, wich er aus. „Cengiz, ruh dich etwas aus und dann sieh zu, dass du die paar Sachen erledigst. Wie ich es dir gesagt habe. Es ist nicht viel.“
„Klar, mach ich.“
„Oben steht etwas zu essen für dich und deinen Bruder“, fügte seine Mutter hinzu. Sie nahm ihm seine Tasche ab.
„Ich bringe sie dir nachher.“
Er ging langsam die Treppe hoch. Zog sich am Geländer hoch. Treppenstufe für Treppenstufe. Oben angekommen, musste er etwas innehalten, um wieder zu Luft zu kommen. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Treppensteigen war anstrengend und eigentlich sollte er keine Treppen steigen. Aber ihr Haus hatte keinen Aufzug, sondern nur die enge und steile Treppe.
Sein Zimmer lag am anderen Ende des Ganges. Es war klein, kaum mehr als eine größere Abstellkammer und mit seinem Bett schon ziemlich voll. An der rechten Seite hing ein kleines Regal mit Büchern. Müde ließ er sich auf das Bett fallen und streckte sich aus, um ein oder zwei Stunden zu ruhen.
Er lauschte nach innen, in seinen Körper hinein. Darin hatte er Übung. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag wieder und das beklemmende Gefühl in der Brust ließ nach.
Während er sich ausruhte, dachte er über den vergangenen Tag nach. Da war dieser neue Schüler gewesen.
Lele.
Blond und groß.
So lebendig, stark und voller Kraft.
In diesen Skinny Jeans, die knapp über den Knöcheln endeten.
Hautenge Jeans, die ihm wirklich super standen.
Ein süßer Hintern. Knackig.
Weiße Sneaker hatte er getragen und einen schwarzen Motorradhelm unter dem Arm.
Ein paar Worte hatten sie auch gewechselt, nachdem Lele mit Attila und den Cousins aneinandergeraten war.
Er hatte gespürt, wie er ihm hinterhergesehen hatte, als er zum Unterricht musste. Da war eindeutig Interesse gewesen.
Und im Unterricht hat er dann meine Pillen gesehen und das war es dann. Wer gibt sich auch schon mit einem Krüppel ab?, dachte er bitter, während er sich ein Buch aus dem Stapel nahm, der auf seinem Nachttisch lag.

Am Abend traf sich die Familie beim Abendessen und Thema Nr. 1 war die neue Schule, oder der Höllenpfuhl, wie ich sie insgeheim nannte. Lizzie quasselte munter drauflos, sekundiert von Tyler, und da bei den beiden alles nice, awesome und amazing gewesen war, sagte ich nichts, sondern widmete mich dem Essen.
Meine Güte, so interessant war es ja nun nicht, dass die American-Football-Gruppe der Gesamtschule Tannenbusch Tyler mit Freuden aufgenommen hatte. Und dass Lizzy sofort drei neue beste Freundinnen bei den Cheerleaderinnen der Schule gefunden hatte, einen Youtube-Kanal mit Beauty-Tipps gründen und später mit Tyler in die USA gehen wollte, war nun auch nicht bahnbrechend neu.
„Und wie war dein Tag, Lele?“
„Ging so.“
„Lele hat Stress“, sagte Lizzy schadenfroh. „Er hat sich mit den Karadeniz angelegt. Wenn Hatice und Cengiz nicht eingegriffen hätten, dann hätte er sich mit Orhan und Attila geprügelt.“
Mein Vater schob die Zeitung beiseite, in der er geblättert hatte, und er sah mich leicht verärgert an.
„Lele! Erster Tag an einer neuen Schule und direkt schon Ärger? Das ist selbst für dich ein Rekord!“
Gut, das ist jetzt etwas peinlich, aber hatte ich vergessen zu erwähnen, dass … nun ja … hinter dem Wechsel von meinem früheren Gymi an die glorreiche Gesamtschule Tannenbusch auch eine – nennen wir es Empfehlung – des Direktors gestanden hatte, meinen Charme und meine Kompetenz in sozialen Dingen andernorts größeren Herausforderungen auszusetzen, als das Gymnasium sie zu bieten in der Lage war?
Das hässliche Wort Schulverweis hatte im Raum gehangen und mein Vater hatte dem konsternierten Direktor mitgeteilt, dass seine Schule und der dazugehörige Schulverein gerade einen plötzlichen Ortswechsel auf der Prioritätenliste der von seinem Unternehmen zu fördernden Schulen vollzogen hatte.
Das und der Verlust von Tyler war dann schon ein gewisser Schlag für die Schule gewesen.
Dazu muss man wissen, dass ich ein Referat gehalten hatte, in dem es um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an der benachbarten Schule gegangen war. Dabei hatte ich den seither zu verzeichnenden Rückgang der Mitgliederzahlen in der Kirche als gutes Omen bewertet, was im katholischen Religionsunterricht nicht soooo gut angekommen war. Man müsse religiöse Gefühle respektieren und son Scheiß, hatte der Religionslehrer gemeint. Außerdem hätte das ja alles nichts mit dem Glauben zu tun und wir sollten dafür beten, dass die Schwulen, die für die Verbrechen verantwortlich sind, allesamt geheilt würden.
Ich weiß jetzt allerdings auch nicht, wie der zu einem Penis zurecht geschnitzte große Rettich den Weg auf das Auto des Lehrers gefunden hatte. Die Darstellung eines Arschficks, die … ähm … wer auch immer in den Schaft geschnitzt hatte, fand ich aber schon künstlerisch wertvoll.
Sachen gibt es!
„Und wem bist du jetzt wieder auf die Füße getreten?“, fragte mein Vater mit einem schweren Seufzer.
„Niemand. Lizzie redet dummes Zeug!“
Ich schickte Lizzie eine deutliche Botschaft mittels einiger Blicke, die jeden normalen Menschen zum Schweigen gebracht hätten.
Tja …
„Wenn Cengiz und Hatice sich nicht eingemischt hätten, dann hätten Orhan und Lele sich bestimmt geprügelt!“
Und dann erzählte diese Pestbeule bis ins kleinste Detail, was sich zwischen der Karadeniz-Sippe und mir abgespielt hatte. Tyler bestätigte alles mit einem Nicken.
Das zum Thema schwesterlicher Respekt vor älteren Brüdern. Ich erwog ernsthaft, eine Recherche zum Thema möglicher Verkauf von Nervensägen in die Sklaverei durchzuführen. Leider wurde ich in meinen Überlegungen aber von mehreren Seiten unterbrochen.
„Ich habe dir gleich gesagt, dass er noch zu klein ist, um allein in diese Schule zu fahren, Perikles! Und überhaupt, der Gedanke die Kinder in diese … zu schicken!“
Meine Mutter hatte die Gabe, in ein nicht ausgesprochenes Wort eine komplette mehrstündige Diskussion mit einer eindeutigen Aussage zu legen, die an Klarheit einem atomaren Erstschlag in nichts nachstand.
„Orhan spritzt sich Steroide und Cengiz wirft auch Pillen ein. Sorry Paps, aber das ist absolut nicht mein Ding!“, brummte ich.
„Tatsächlich? Ist das so? Und wie erklärst du mir dann deine Vorliebe für Muskelaufbaupräparate und hochkonzentriertes Eiweiß und noch einige andere Sachen, die bei dir im Zimmer stehen?“
„Das sind völlig harmlose Nahrungsergänzungsmittel!“
„Wenn die völlig legal sind, warum mußt du sie dann in China bestellen? Gibt es sowas nicht auch am Bertha von Suttner Platz in dem Laden, wo ich dich schon gesehen habe?“
Autsch! Das war ein Geheimtipp gewesen, den ich zufällig im Gym aufgeschnappt hatte. Da waren zwei Typen an der Theke gesessen, die sich auf einen Bodybuilding-Wettkampf vorbereiteten. Der eine hatte eine Webseite erwähnt und da hatte ich gestöbert. Es gab auch ein paar Bewertungen und da dachte ich, das mal anzutesten. Muß man doch mal ausprobieren und ja, ich gebs zu, ich pose auch ganz gern.
Mein Vater wusste es, ich wusste es, er hatte mich erwischt.
„Und was war das mit Cengiz Karadeniz?“
Mein Vater hatte einen sehr finsteren Gesichtsausdruck aufgesetzt.
„Hab ihn dabei erwischt, wie er sich im Unterricht voll die dicken Pillen reingeschmissen hat. Das Handtuch will sich wohl ohne Arbeit die Muskeln pimpen! Das hätte wirklich Stress gegeben, wenn der Lehrer das gesehen hätte.“
Ich finde, dass das schon einen ziemlichen Unterschied macht, ob man nun hart trainiert und hier und da etwas nachhilft oder alles via Chemie machen lässt. Und mit den Pillen, die ich bei Cengiz gesehen hatte, konnte man auch Elefanten abknallen. Oder die Festungsmauern einer mittelalterlichen Stadt sturmreif schießen.
„Offener Drogenkonsum im Unterricht! Und an so eine Schule schickst du unsere Kinder! Ich bin entsetzt, Perikles!“
Meine Mutter stand wütend auf, mittlerweile waren wir mit dem Essen fertig und unsere Köchin machte sich daran, den Tisch abzuräumen.
Meinetwegen hätte das alles gar nicht zur Sprache kommen müssen. Die Folgen waren klar absehbar. Meine Mutter würde ihren Humvee morgens startklar machen und uns zur Schule bringen wollen. Sie brächte es fertig, uns nicht nur am Schuleingang abzuliefern, sondern bis in die Unterrichtsräume zu begleiten.
Sowas von peinlich und ich bereitete mich schon darauf vor, die entsprechenden Abwehrmechanismen einzuleiten, als mein Vater etwas sehr Überraschendes tat.
Er grinste.
„Lele!“, begann er. „Du weißt, was auf dem Spiel steht!“
Ja. Mein Leben. Sagen musste ich es nicht.
Er nickte wissend.
„Ich kenne die Familie Karadeniz recht gut. Selim Karadeniz erzählt gelegentlich etwas und ich mache dir einen Vorschlag.“
„Soll ich Orhan und Tamerlan etwa zu einer von Mums Poolparties einladen? Das wird lustig.“
Dieser Steroidterrorist zwischen … zum Brüllen komisch. In etwa so, als würde man Orks zu einem Lyrikabend bei Elrond von Bruchtal einladen.
Er ignorierte die Antwort.
„Der Direktor deiner alten Schule hatte nicht so ganz unrecht, wenn er deine Sozialkompetenz als ausbauwürdig betrachtet.“
„Häh?“
„Du bist ein bisschen schnell mit deinen Urteilen.“
„Was soll das denn heißen?“
„Finde es raus und du kannst wieder mit deinem Motorrad zur Schule fahren. Bis dahin nimmst du den Bus oder aber lässt dich von Wanda bringen und abholen!“
Mir blieb die Luft weg. Mit dem Bus von Mehlem nach Tannenbusch war eine Weltreise, selbst wenn ich zwischendurch in die Bahn umsteigen würde. Außerdem Bonn und sein ÖPNV, da bekommen die Begriffe Drama und Trauerspiel völlig neue Dimensionen.
„Nimmst du mir das Motorrad weg? Das ist ja wohl das Letzte!“
„Lele, niemand nimmt dir dein Motorrad weg. Das hast du dir selbst zuzuschreiben, wenn deine Mutter euch die nächsten Tage in die Schule fahren wird. Und wenn du nicht willst, dass sie dich abholt, dann nimmst du eben den Bus. Ach ja, à propos Sport, ich will, dass du mit den Pillen zu Markus gehst und ich will von ihm wissen, was diese Pillen anrichten.“
„Die sind völlig harmlos und nur zum Muskelaufbau da! Das ist ja wohl das Letzte. Ich hol mir doch nichts, was gefährlich ist.“
„Nun, zufällig weiß ich, dass du mit einer Sache ziemlich daneben liegst. Mit deinem Urteilsvermögen steht es nicht zum Besten.“
„Womit denn?“
„Finde es heraus. Je eher, desto schneller kannst du wieder selbst zur Schule fahren.“
Das war mein erster Tag nach den Sommerferien. Eine einzige Katastrophe. Und es sollte noch viel dicker kommen.

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Lando
Lando
5 Monate zuvor

Der erste Tag war schon ein neugierig machender Lesespaß. Ich bin sehr gespannt auf mehr.