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Will ich „Generation beleidigt“ nach der nächsten Bundestagswahl an der Regierung?

Im September sind Bundestagswahlen und naturgemäß schaut man sich die Parteien und ihre Kandidaten an, aber ebenso ihre Programme und wofür sie stehen. Und last but not least womit man sie verbindet. Mehr und mehr gehört für mich das Stichwort Generation beleidigt dazu.

Ein Schwalbenschwanz aus eigener Vermehrung und nach Eiablage im Garten freigelassen. (Foto: Klaus Maresch)
Ein Schwalbenschwanz aus eigener Vermehrung und nach Eiablage im Garten freigelassen. (Foto: Klaus Maresch)

Naturgemäß bin ich als früherer Bioland-Berufsimker, der seit seinem zehnten Lebensjahr Bienen hielt, zuletzt als Erwerbsbetrieb, den Grünen nahe stehend. Ich sehe schon erheblich länger als der berühmte Otto Normalverbraucher, der seit einiger Zeit das Aufhängen von Wildbienennisthilfen für sich entdeckt hat, den Rückgang der Arten.

Der 18jährige, der einst lernte, die Windschutzscheibe seines Autos nach einer Überlandfahrt in der Waschanlage zu säubern, der Naturbeobachter, der als Kind auf dem Schmetterlingsflieder im Nachbarsgarten an einem Nachmittag vierzig verschiedene Falterarten bestimmen konnte – ich muss heute nach einer längeren Fahrt nicht mehr in die Waschanlage. Auf dem Schmetterlingsflieder im eigenen Garten tummeln sich während des gesamten Sommer keine vierzig Schmetterlinge. In Umwelt und Natur liegt etwas ganz gewaltig im Argen.

CDU wählen? Bloß nicht

Der damalige Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch bei der Unterzeichnung der Urkunden. (Foto: Barbara Frommann)
Der damalige Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch bei der Unterzeichnung der Urkunden. (Foto: Barbara Frommann)

Ebenso naheliegend ist es, dass ich als schwul lebender und verheirateter Mann wohl kaum Gefahr laufe, einer CDU, in der ein Friedrich Merz oder ein Hans-Georg Maassen eine Rolle spielen, meine Stimme zu geben oder gar den Völkischen … vergessen wir die Nazibrut direkt. Der Hass, den die Völkischen in die Gesellschaft trugen und tragen, alles, wofür diese Truppe steht, macht sie unwählbar. Ich muss nur an die Erlebnisse denken, an die Hassemails, Hakenkreuzschmierereien und Kommentare, Einbrüche und Einbruchsversuche, die wir hatten, nachdem mein Mann und ich 2015 zwei junge Flüchtlinge aufgenommen hatten.

Es mündete in die Aufgabe der Imkerei, denn diese Einbrüche und dieser Hass – das ging nicht spurlos an mir vorüber. Es machte mich krank. Die Jungs, das sei an dieser Stelle gesagt, haben wir behalten. Und ich werde mich den Völkischen immer entgegenstellen.

Ebenso widert mich der Umgang mit Annalena Baerbock an. Kaum angetreten, wurde als erstes gefragt, wie der Kanzlerjob denn mit ihren Kindern zu vereinbaren sei? Komischerweise kam bei Markus Söder nie jemand auf die Idee, wie sich seine Rolle als Vater mit dem Job des bayerischen Ministerpräsidenten vertrüge. Ich traue Annalena Baerbock den Job zu und sie wird ihn zusammen mit einer kompetenten Regierungsmannschaft sicher bewältigen.

Ich bin der Meinung, dass die CDU/CSU verbraucht ist und nichts zu bieten hat. Keine echten Antworten i.S. Klima- und Umweltschutz, ein vernachlässigtes Gesundheitssystem, was in der Coronakrise deutlich wurde. Sie hat die Digitalisierung jahrelang verschlampt, dazu kann man mit Andreas Scheuer noch die größte Fehlbesetzung eines Ministeriums seit Bestehen der Bundesrepublik anführen, diverse kleine und größere Masken- und Korruptionsskandale sowie die Haltung zum Mindestlohn – Fakt ist, die Union braucht eine Neuaufstellung. Also ab in die Opposition. Da kann sich die Union neu aufstellen und darüber nachdenken, was für dieses Land wichtig ist.

Aber bei den Grünen und Linken incl. SPD gibt es einiges, was mir ebenfalls nicht gefällt, nicht weit genug oder manchmal viel zu weit geht.

  • Die Klima- und Umweltpolitik geht mir nicht weit genug. Eine „klimaneutrale“ (Land-)Wirtschaftspolitik reicht m.E. nicht, ich bin der Ansicht, dass wir eher eine klimapositive Politik in den Bereichen Wirtschaft und Landwirtschaft brauchen. Eine Politik, die dafür sorgt, dass CO2 aus der Luft zurückgeholt wird. Eine Politik, die den Fleischkonsum deutlich verteuert. Einen Stopp der landwirtschaftlichen Überproduktion und den damit verbundenen Export von Abfall- und Billigprodukten aus deutscher Landwirtschaft nach Afrika. Mit dem Ergebnis, dass die dortige regionale Landwirtschaft nicht konkurrieren kann und Anreize dafür geschaffen werden, dass sich Leute in ihrer Not ins Boot setzen und im Mittelmeer absaufen. Das muss beendet werden.
  • Was mir ebenso fehlt, ist eine Trennung von Staat und Kirche. Die Kirchensteuer muss weg, dieser menschenfeindliche und ewiggestrige Verein geweihter Röckchenträger kann nicht mehr staatlicherseits unterstützt werden und sollte auf das Maß eines ganz normalen Dackel- und Kaninchenzüchtervereins zurechtgestutzt werden.
  • Als Verleger und Autor geht mir das System Amazon und die Rolle der großen Internetkonzerne, auch und gerade im Zusammenhang mit Steuergebaren, ganz gewaltig gegen den Strich. Wer in Deutschland geschäftlich aktiv ist und Gewinne erwirtschaftet, soll hier auch Steuern zahlen.

Die Political Correctness linksidentitärer Provenienz der „Generation beleidigt“

Was mir ganz gewaltig und übel aufstößt, ist eine überbordende Political Correctness der Linksidentitären und der damit verbundene Diskussionsstil auch als „Generation beleidigt“ bekannter Kreise.

  • Wenn ein Kinderbuch wie „Jim Knopf“ plötzlich als rassistisch eingestuft wird, wenn Astrid Lindgren Rassismus unterstellt wird, stößt mich das ab. Noch dazu, wenn diese Bücher Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen „politisch korrekt“ umgeschrieben werden sollen oder entsprechende Stücke/Filme nicht mehr aufgeführt werden sollen.
  • Als wir im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojektes vor fünfzehn Jahren in Ghana waren, kamen wir auch in die Stadt Kumasi und besuchten den Palast des Asantehene und der Asantehemaa, also des Königs und der Königinmutter der Asante. Ich käme nie auf die Idee, diese beiden als „Negerkönig“ und „Negerköniginmutter“ zu bezeichnen – das wäre übelst rassistisch und abwertend. Die beiden sind die spirituellen und auch politischen Führer der Asante. Punkt.
  • Würde ich aber einen Roman schreiben, der im 18./19. Jahrhundert spielt, der einem Plot folgt, der sich mit dem Thema Sklaverei und Sklavenhandel beschäftigt, dann würde ich mit Sicherheit nicht vom Handel mit „coloured people“ sprechen, sondern nach entsprechender Recherche das zeitgemäße Vokabular des 18./19. Jahrhunderts verwenden. Und wenn ich an die Diskussion um die „richtige“ Übersetzung des tollen Gedichtes von Amanda Gorman zur Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden denke, bleibt bei mir nur ein Kopfschütteln zurück. Was hat die Hautfarbe des Übersetzers mit der Qualität der Übersetzung zu tun? Nichts!
  • Ebenso stößt mich die unter dem Stichwort „kulturelle Aneignung“ geführte Debatte der Linksidentären auf. Kultur lebt vom Austausch! Kultur lebt davon, dass Sprache lebt, sich wandelt, andere Ausdrücke übernimmt, sie lebt davon, dass ein Gauguin Impressionen aus der Südsee in einem Gemälde verarbeitet, das wir heute noch als schön empfinden. Natürlich hat es nichts mit der Realität auf Tahiti zu tun, aber Gauguins Bilder sind ein Farbtraum.
  • Als Fantasyautor beschäftige ich mich mit mythischen Figuren. Strenggenommen dürfte ich nichts über Dschinnen oder Lamassu schreiben, da diese Figuren nicht dem europäischen magischen Panoptikum zugehörig sind, sondern in Gegenden beheimatet sind, die eine eher traurige Rolle in der Phase des Kolonialismus einnahmen.

Ebenso stößt es mich ab, wenn ich sehe, dass die sog. Genderdebatte zeitverschwendende und überflüssige Diskussionen auslöst, weil sich eine lesbische Person mit dem Namen Heinrich nicht richtig gegendert sieht. Schlimm! Ganz schlimm! In meinen Augen so schlimm wie ein gewisser Sack Reis.

  • Und es finden Diskussionen statt, in denen eine Veränderung der Sprache gefordert wird. Einige genderextremistische Kreise treten für eine quasi par ordre de Mufti angeordnete Sprachreform ein. Am liebsten mit Abschaffung der geschlechterspezischen Anreden, Artikel etc.
  • Für mich als Autor und auch als Verlag habe ich die Entscheidung getroffen, in meinen Büchern nicht zu gendern. Gut und akzeptabel finde ich die Form, die die Redaktion des Bonner General Anzeigers (Kein Gender-Stern und Binnen-I im General-Anzeiger) gefunden hat. Dazu zählt eine ausgewogene Darstellung von Geschlechtern und Anpassung der Texte, wo es sinnvoll und möglich ist, z.B. anstelle des Vorstands auch von einer Vorständin zu sprechen, wenn der Posten von einer Frau besetzt wird. Aber den sog. Genderstern, den wir im Portal Bundesamt für magische Wesen verwenden, sehe ich als schlechten Witz an, der den Lesefluss behindert.

Als schwul lebender Mann macht man im Lauf der Jahre seine Erfahrungen. Hier und da erfährt man Diskriminierung, sieht Homophobie oder Ausgrenzung, hauptsächlich aus rechten und fundamentalchristlichen Kreisen. Ebenso aus Kreisen mit Migrationshintergrund, in denen eine toxische Männlichkeit gepflegt wird. Es ist eine gesellschaftliche Auseinandersetzung und leider leben wir nicht im Paradies auf Erden, sondern bemühen uns, auf dem Weg dahin zu sein. So what?

Qua Gesetzgebung – auch wenn die Völkischen das rückgängig machen wollen – ist die Gleichberechtigung verankert und kaum mehr rückgängig zu machen. Es gibt, nicht nur unter dem LGBT-Aspekt, sondern schon in der „einfachen“ Diskussion um die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch eine ganze Menge zu tun. Da findet mich jede Diskussion unterstützend an ihrer Seite, wenn es um gleiche Bezahlung für gleiche Tätigkeit geht, um Job- und Ausbildungsschancen. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit.

LGBTIQ-Personen als Täter/Opfer in der Belletristik – warum nicht?

Ein lesbisches Paar mit Regenbogenflagge. Die beiden Frauen müssen im fiktionalen Buch Opfer wie Täterinnen sein können. Auch das ist Gleichberechtigung.
Ein lesbisches Paar mit Regenbogenflagge. Die beiden Frauen müssen im fiktionalen Buch Mordopfer/Mörderinnen sein können. Auch das ist Gleichberechtigung.

Gleichberechtigung heißt für mich aber auch, dass zum Beispiel ein schwuler Mann, eine lesbische Frau oder ein Transmensch etc. Täter/Opfer in einem Krimi, einem Fantasyroman oder sonstwie gearteten belletristischen Werk sein dürfen – ja sogar sein müssen, denn es geht um Gleichberechtigung und die funktioniert nicht nur in die „schöne“ Richtung. Auf gut Deutsch gesagt, kann ein schwuler Mann, eine lesbische Frau oder ein Transmensch genauso ein übles Arschloch sein wie Otto Hetero-Normalbürger.

Ein persönliches Beispiel sei erwähnt, ich habe einmal einer Autorin gesagt – sie schreibt lesbische Fantasy – , dass mich ihre Bücher nicht interessieren und ich dafür keinen Kundenkreis bei uns sähe. Dreimal dürfen Sie raten, seitdem bin ich ihrer Ansicht nach frauenfeindlich.

Sie verwechselt Nichtinteresse mit Ablehnung. Kann man natürlich machen – aber muss ich mich für alles interessieren oder meine Arbeitszeit in etwas investieren, das ich als uninteressant empfinde?

Wohl nicht.

Ich kann mich an eine Diskussion bei Twitter erinnern, im Zuge der Diskussion um die unschönen Äußerungen von Joanne K. Rowling gegenüber Transmenschen, da äußerte ich, dass ich über einen queeren Krimi nachdenken würde, in dem ein Transmensch zum Täter/Opfer würde.

Hui – da heulte die Meute der Aktivisten aber auf. Als ob ich zur Ermordung von Transmenschen aufgerufen hätte. Das einzige, was mich im Nachhinein etwas ärgert, ist die Tatsache, dass der Krimi nur als Idee existierte und nicht fertig war. Angesichts des Hasses der sich in ihrer Political Correctness suhlenden berufsbetroffenen Shitstormtrooper*innen (* ausnahmsweise, weil es zu diesen Gurken passt) wäre das fantastische PR gewesen. 🙂

Fazit

Ich verbinde so manche Kreise der Linken und der Grünen mit einem gewissen queerfeministischen Fanatismus und dem Wunsch nach Sonderrollen – und den akzeptiere ich genauso wenig wie den Hass der Völkischen. Ähnlich wie es die Autorin und Filmemacherin Caroline Fourest in „Generation beleidigt“ beschrieben hat. Mein Bauchgefühl warnt mich vor einer Sprach- und Genderpolizei, die sich bei Teilen der Grünen und Linken etabliert.

Und das mutet doch irgendwie seltsam an, wenn ich als offen schwul lebender Mann, schreibender Autor und Verleger derartiges Unbehagen fühle. Aber so sehe ich es nun einmal.

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