Gleichgültigkeit der Leute und so bei einem kleinen Unfall mit einem Fahrrad, die eine Erinnerung wieder hochkommen ließ.
Folgendes ist heute passiert und im Nachhinein erschütterte es mich.
Ich war am Morgen mit dem in Bonn gut bekannten BAfmW-Dienstwagen Richtung Edeka unterwegs, Brötchen/Zeitung holen. Die Straße, in wir wohnen, ist sehr eng, an manchen Stellen muss man schon sehr genau mittels Augenkontakt zum Gegenverkehr planen. Entsprechend langsam wird gefahren. Auch achtet man auf Passanten, da der Bürgersteig fehlt.
Ein entgegenkommendes Fahrzeug stoppte und gleichzeitig sah ich ein kleines Fahrrad und einen daneben liegenden kleinen Haufen, der sich bewegte.
Eisiger Schreck … oh Gott, ein verletztes Kind.
2026 – ein Unfall mit Fahrrad
Rechts rangefahren, Warnblinker gesetzt, und zusammen mit dem Fahrer des anderen Fahrzeuges um das Kind gekümmert.
Es war ein kleiner Junge, etwa 8 Jahre alt, weinend, der da am Boden lag.
Nach kurzer Klärung stand fest, der Junge war gestürzt, nicht angefahren worden. Die Polizei wurde gerufen, ein Hinweis auf Verletzung wurde gegeben, aber auch die erste Einschätzung, dass es nicht allzu schlimm wäre.
Der andere Fahrer, ein Lieferant für Kita-Essen, bat mich, weiterfahren zu dürfen. Auch andere Autos hupten ungeduldig – verständlich, es war Rushhour und sie konnten nicht sehen, um was es ging. So gesehen war alles geregelt, also ließ ich das kleine Verkehrschaos sich auflösen, welches sich entwickelt hatte.
Ich blieb vor Ort, versuchte den Kleinen zu beruhigen, der etwas außer sich war. Wie das so ist, wenn man sich den Kopf gestoßen hat, ein paar Schrammen hat, das heiß geliebte Fahrrad etwas demoliert ist und die Mama nicht in Reichweite. Natürlich wollte Nikita, so hieß der Kleine, zu seiner Mama.
Man tröstet den Jungen, beruhigt ihn, bis Polizei und Notarzt kommen. Ein bisschen abgelenkt, damit er zur Ruhe kommt.
Es kam die Polizei. Zwei nette junge Beamte, einer übernahm den Jungen, der andere klärte mit mir die Situation, nahm eine kurze Aussage auf, Personalien – das übliche.
Es kam eine Radfahrerin, die den Jungen erkannte und wusste, wo er wohnt. Sie machte sich auf den Weg, um die Mama zu informieren.
Der Notarzt traf ein und kümmerte sich um den Jungen. Damit war mein Job längstens erledigt.
Aber – weshalb ich das schreibe …
Während ich mit dem Kleinen vor Ort blieb, ihn tröstete und beruhigte, auf die Polizei und den Notarzt wartete, gingen etwa zehn Leute an mir vorbei. Einige mussten sogar über das Fahrrad hinwegsteigen.
Keiner – wirklich NIEMAND – dieser Passanten hat auch nur einen Blick auf die Situation geworfen oder gefragt, ob alles okay sei, ob Hilfe benötigt würde.
Nichts, aber auch gar nichts!!!
Ich bitte, das richtig zu verstehen. Ich schreibe das nicht, um Aufmerksamkeit zu erregen und ich denke, dass die Fans unseres BAfmW-Projektes wissen, dass es zu unserer Grundhaltung gehört. Wir helfen, wenn wir helfen können und schauen nicht weg. Ob das nun geflüchtete LGBs, Kinder oder wer auch immer ist.
Diese Gleichgültigkeit, Verrohung und Herzlosigkeit in unserer Gesellschaft, ob das nun so ein letztendlich harmloser kleiner Unfall wie mit dem kleinen Nikita ist oder der grauenhafte Mord an dem Zugbegleiter Serkan C. ist, die ist schlimm.
1974 – ein Unfall mit Fahrrad
1974 war ich der kleine Junge, der mit seinem Fahrrad stürzte, und zwar in dem kleinen Dorf Hambühren II bei Celle. Ich war in den Schulferien bei meinen Großeltern zu Besuch.
Herr Seemann, ein älterer Nachbar, kümmerte sich um mein Fahrrad und reparierte es. Frau Seemann kümmerte sich um eine kleine Verletzung. Beide waren schon älter, Generation 2. Weltkrieg, Geburtsjahre so um 1910 herum. Herr Seemann war WKII-Teilnehmer und „Kriegsversehrter“, so nannte man das damals, wenn jemand an den Folgen von sichtbaren Kriegsverletzungen litt.
Diese damalige Erfahrung, wie mir Nachbarn halfen, gehört für mich zu den frühesten Kindheitserinnerungen. Heute ploppte sie wieder auf, nach mehr als 50 Jahren. Ich erinnere mich, wie ich im Garten bei Seemanns am Tisch saß, verarztet wurde, eine Brause bekam, während ganz selbstverständlich mein Fahrrad repariert wurde.
Heute konnte ich einem kleinen Jungen helfen. Vielleicht behält er das in Erinnerung und vielleicht motiviert ihn das später einmal zu helfen, wenn er helfen kann und seine Hilfe gebraucht wird.
Ich weiß, dass ich nicht das große Rad drehen kann, aber das eine oder andere kleine Rädchen in meinem Umfeld als Autor und Fotograf, da kann ich vielleicht etwas drehen und vielleicht etwas bewirken.
Und ich werde mich immer denjenigen entgegenstellen, die eine andere Gesellschaft wollen.